Montag, 5. September 2016

Husserl: Schichten intersubjektiver Gegenstandskonstitution in aktiver Synthesis.

Husserl: Schichten intersubjektiver Gegenstandskonstitution in aktiver Synthesis.


Was auf unterster Stufe intersubjektiv ist, ist zunächst die aktive Synthesis, die der Vergegenwärtigung des gegenwärtig Abwesenden transzendenter Gegenstände zugrunde liegt.
In ihr ist ein Wahrnehmungsgegenstand als transzendenter Gegenstand gegeben, der die mir momentan nicht gegenwärtigen Abschattungen als seine Eigenschaft hat und auf den ich mich identifizierend beziehen kann.
Mit dieser Transzendenz hat nun auch die in der aktiven syntaktischen Gegenstandserinnerung und Gegenstandserwartung gegebene Konstitution von Identifizierungen von transzendenten Gegenständen und deren Eigenschaften ihre Grundlage.
Ihr Resultat sind die in kategorial artikulierte Wahrnehmungen gegebenen Gegenstände. Es handelt sich um Wahrnehmungsurteile.
Husserl ist auf die intersubjektiven Implikate explizit sprachlichen Urteilens nicht eingegangen und damit auch nicht auf Sprache, sprachliche Kommunikation und Sprachzeichen.
Er behandelt unmittelbar im Anschluss die Konstitution empirischer und eidetischer allgemeiner Begriffe, schließlich die kategoriale Anschauung und die auf sie aufbauende formalisierende Abstraktion.
Das intersubjektive Implikat erklärt, warum davon ausgegangen werden konnte, dass die logische kategoriale Analyse auf Resultate führt, die intersubjektive Geltung beanspruchen können.
Die prädikative Schicht expliziten Urteilens setzt sprachliche Ausdrücke, Folgen von Sprachzeichen, voraus.
Das Wort ‚rot‘ benutzend, wird nicht unmittelbar realisiert, dass zwei Konsonanten und ein Vokal vorkommen oder niedergeschrieben, dass das Wort drei Buchstaben hat.
Worte und Wortfolgen, Ausdrücke, werden intersubjektiv verstanden, wobei zu beachten ist, dass dort, wo sprachlich verstanden wird, das Verstehen wesensnotwendig mit den Wesensmöglichkeiten des Nicht-Verstehens und Missverstehens verbunden ist.
Die Bedeutung, der Inhalt, die ein Sprecher oder Schreiber intendiert, wird nur indirekt appräsentiert. Sie kann nicht direkt originär für einen Anderen zur Gegebenheit kommen.
Die Sprachzeichen selbst sind intersubjektiv gegebene Gegenstände und selbst bei unverstandenen Sprachzeichenfolgen, sofern sie als Sprachzeichenfolgen aufgefasst werden, gilt, dass der Inhalt eines Anderen, der diese Zeichenfolge erzeugte, appräsentiert wird.
Nur so kann eine bestimmte, reale Folge von Gegenständen als Sprachzeichenfolge, d. h. als Träger unbekannter Bedeutungen, aufgefasst werden.

Die geschriebene Sprache kann in unserer Schriftkultur weitgehend Objekt des Verstehens bleiben, ohne dass unmittelbar auf andere Formen intersubjektiver Kommunikation und Interaktion Bezug genommen werden muss.
Bei der gesprochenen Sprache und insbesondere beim Sprachgebrauch im alltäglichen elementaren Verstehen ist das anders, das hier sprachliche Ausrücke im Kontext unmittelbarer Interaktion stehen, in denen andere Menschen, aber auch Gegenstände, Werkzeuge, Verbrauchsgegenstände, zu verarbeitende Naturmaterialien wesentliche Momente sind.
Auch hier liegen semiotische Bezüge vor. Jede Instanz der genannten Faktoren verweist unmittelbar auf andere und auf sich selbst. In diesem Kontext – vor allem in rein sprachlichen Kontexten wie wissenschaftlichen Theorien oder generell Texten – wird Sprache ursprünglich verstanden und gelernt.
Elementares Verstehen ist im animalischen Verstehen einseitig fundiert und diese wiederum ist unmittelbar in der Gegebenheit fremder Leibkörper fundiert, die somit auch letztfundierend für das Verstehen von Sprachzeichenfolgen ist.
Dass eine Sprachzeichenfolge etwas ist, das irgendwie und irgendwann von einem Anderen, der ursprünglich als fremder Leibkörper zur Auffassung gebracht werden könnte, ist wesensnotwendig für Sprachzeichenfolgen als solche.
Sprache kann weitgehend in der Funktion stehen, Informationen über Objekte zu informieren.

Sprache kann weitgehend in der Funktion stehen, Informationen über Objekte zu informieren: ‚Die Tür steht offen‘.
Sie können aber auch zur Kooperation mit Bezug auf Gegenstände oder die eigenen Leibkörper auffordern: ‚Schließ die Tür‘.
Gerade weil sie ursprünglich in den Praxen der Interaktion elementaren Verstehens fundiert sind, ist Information in solchen Zusammenhängen nur wertvoll, weil sie praxisrelevant ist.
Das gilt auch für Informationen, die unmittelbare Erlebnisausdrücke sind: ‚mir ist kalt‘.
‚Die Tür steht offen‘ kann unmittelbar die Aufforderung intendieren, die Tür zu schließen, und ‚Mir ist kalt‘ kann die Aufforderung implizieren, die Heizung höher zu stellen.
Daraus folgt aber, dass die Ausrichtung auf Information im weitesten Sinne, begonnen von der Wahrnehmung bis hinauf zu wissenschaftlichen Theorien, nur ein Aspekt intentionaler Aktivität ist. Husserl spricht hier von ‚doxischer‘ Intentionalität.

In der Eigenheitssphäre gibt es lediglich ein Wertfühlen, das sich mit Körperfühlen verbindet und sich mit Protogegenständen im ‚Dort‘, die noch keine Gegenstände im üblichen Sinne sind, assoziativ verknüpfen, sofern sie erstrebt oder gemieden werden.
Was dabei auch gefühlt wird, sind Vitalitätsqualitäten im Erleben von Strebungen. Gibt es Gegenstände im eigentlichen Sinn, und die gibt es nur durch die Gegebenheit Anderer, so treten neue Wertschichten auf.
Zunächst werden Gefühlswerte und Vitalwerte objektiv, sofern sie in Ausdrücken von Anderen eingefühlt werden können.
Damit aber werden sie intersubjektiv und können damit höherstufig sprachlich bezeichnet werden.
Es kommt so zu einem expliziten Wertnehmen und Werturteilen hinsichtlich der Vitalwerte.
Mit den Anderen ergibt sich aber auch Kooperation mit Bezug auf Gegenstände. Diese in Gegenständen und den mit ihnen verbunden Wertfühlen intersubjektiv aufgefassten Werte werden in wertnehmenden intersubjektiven Akten zu Nutzwerten von Gegenständen, über die ebenfalls geurteilt werden kann.
Schließlich wird die Kooperation und das in ihr fundierte Wertfühlen intersubjektiv wertnehmend aufgefasst.
Aufgrund von Gefühlen, die sich mit der Gegebenheit von Anderen ergeben, wie etwa Sympathie und Antipathie, ergeben sich in wertnehmenden Akten Sozialwerte, zu denen auch ethische Werte, die sich nicht auf bestimmte Personen beziehen, sondern auf wiederholbares Handeln mit austauschbaren Personen oder Eigenschaften solcher Personen.
Werte sind abstrakte Momente, die nicht für sich substituieren können. Sie sind entweder in meinem Körper oder in Gegenständen oder in Personen, Anderen oder in Handlungstypen einseitig fundiert und treten an ihnen auseinander.
Sie sind in dem Sinne abstrakte Momente, wie die Farbe ‚rot‘ ein abstraktes Moment an Wahrnehmungsgegenständen ist.
Wertanalyse ohne Beachtung des Kontextes, vor allem konkrete intersubjektive soziale Kontexte, die auch fundierend als doxische Sachverhalte gegeben sind, ist keine Analyse von Werten in der Konkretion.
Sie beruht auf einer abstrahierenden und generalisierenden Abstraktion. Das bedeutet auch, dass Werteableitungen ohne Berücksichtigung doxischer Sachverhalte, das heißt in anderer Terminologie, ohne Berücksichtigung der materialen Gegenstände und Gegenstandsbeziehungen, nicht gegeben sind, wobei zu den fundierenden Gegenständen primär die Leibkörper gehören.
Eine phänomenologische Ethik im Sinne Husserls wird daher immer auch eine Verantwortungsethik sein, die nicht nur auf innere Gesinnung zielt.

Auf dieser Grundlage ergibt sich Kultur und Kulturumwelt, in der Sprache und Schriftsprache eine entscheidende Funktion hat.
Die animalische Welt ist fundierendes Moment der Kulturumwelt. Ohne Animalität keine Kultur, sehr wohl aber umgekehrt.
Nun sind bereits mit den in der animalischen Welt gegebenen fremden Leibkörper auch Gegenstände gegeben, die keine fremden Leibkörper sind. Jede Kulturwelt kennt also auch im elementaren Verstehen Gegenstände, abgesehen von der Tatsache, dass sie auf religiöser Ebene animistisch verstanden werden können.
Allgemein gilt, dass in Kulturumwelten Gegenstände immer auch Wertgegenstände sind, wenn man dem Bereich der Werte neben ‚positiv‘ und ‚negativ‘ auch als dritten Wert ‚neutral‘ zuordnet, wie es Husserl tut.
Kulturumwelten, die konkret in ihren Differenzierungen nur empirisch gegeben sind, haben eine allgemeine Struktur. Diese Struktur ist die Lebensumwelt oder Lebenswelt.

Eine Lebenswelt ist eine ursprüngliche ‚konkrete Welt‘. Sie ist allumfassend. Die anderen Regionen, auch wenn sie fundierend sind, sind in sie eingeschlossen.
Die animalische Welt für sich wird innerhalb der Kulturumwelt erst durch eine ‚abstraktive Reduktion‘ erschlossen. Sie hat reine Animalität oder organisches Leben zum Gegenstand und erweist sich dabei als ein in sich geschlossenes Konkretum.
Die Dinosaurier lebten, hatten wohl auch Aggressionsgefühle, Schmerzen, Lust und als Herdentiere animalische Sympathie.
Man kann von allen und bekannten Kulturwelten abstrahieren und was zurückbleibt ist die Welt animalischen Lebens, zu der auch der Mensch gehört, sofern wir vom Aspekt der Kultur abstrahieren.
Durch diese abstraktive Reduktion wird eine abzusondernde materiale konkrete Region erschlossen. Es erweist sich, dass die Region des animalischen eine wesentliche und fundierende Funktion hat.
Sie ist ursprünglich animalisch, weil sie in der Sphäre der Passivität gegründet ist, in der sich Intersubjektivität ursprünglich konstituiert.
Zu dieser Region gehört als Teilregion auch die vegetabilische Region. Auch Pflanzen sind ‚Lebewesen‘, man kann sie verletzten, sie töten, sie sich einverleiben, sie pflegen und ein sterbender Baum kann Trauer auslösen, die Vitalität einer aufblühenden Zimmerpflanze kann erlebt werden.
Im Rahmen bestimmter Kulturumwelten ergibt sich die Möglichkeit einer abstraktiven Reduktion. Werte sind in doxischen Sachverhalten gegeben und es gibt Sachverhalte, die nicht animalisch sind. Man kann ebenso von Werten wie von animalischen Gehalten, d. h. der Gegebenheit fremder Leibkörper, als Leiber abstrahieren, und man behält als konkret gegebenen Gegenstandsbereich die Region ‚physisches‘ oder ‚physikalisches Ding‘.
Diese Abstraktion ist radikal.
Über sie hinaus gibt es keine weitere, die sich auf eine Region möglicher konkreter Gegenstände beziehen kann.
Alle weiteren beziehen sich auf abstrakte Momente, etwa den Raum in der Geometrie. Es ist ohne weiteres vorstellbar, dass es Welten gibt, in denen weder Kultur noch Animalien gegeben sind, z. B. ein Sonnensystem ohne belebte Planeten.
Der Physiker und der Astronom sprechen darüber und er hat konkrete Gegenstände: Planeten, Monde, Sonnen, Atome, Moleküle, chemische Stoffe usw.
Es ist zu beachten, dass es sich hier um eine abstraktive Reduktion handelt. Sie kann weder in der Welt der Dinosaurier noch von irgendjemand in unbelebten Sonnensystemen vollzogen werden und sie wird auch nicht in allen möglichen Kulturumwelten vollzogen, so z. B. in denen, deren Weltbild durch eine animistische Weltanschauung geprägt ist.
Sie setzt eine Kulturumwelt bestimmten Typs voraus. Das ändert aber nichts daran, dass sie ihre Berechtigung darin hat, dass physikalische Dinge, die Gegebenheit doxischer Sachverhalte, die zu dieser Region gehören, in der Erfahrung fremder Leibkörper und in der Kulturumwelt einseitig fundierend für diese höherstufigen Gegebenheiten sind und dass sie als Region konkreter Gegenstände gelten kann.
In genetischer Analyse hat die Kulturumwelt und die in sie eingeschlossene Animalität Priorität.
In statischer Analyse hat das konkrete physikalische Ding, dessen Auffassung in allen anderen Gegebenheiten, auch der Wertgegebenheit, fundierend ist, Vorrang. Auch kein Leibkörper kann aufgefasst werden, der nicht zugleich als Körper aufgefasst wird und somit in abstraktiver Reduktion auch als physikalisches Ding aufzufassen ist.
Bleibt in der statischen Analyse nach einer solchen Reduktion ein Residuum übrig, das immer noch ein konkretes Objekt ist?
In genetischer Analyse gibt es auch abstraktive Reduktionen, etwa die oben erwähnte Reduktion auf die Eigenheitssphäre meines Leibkörpers.

Sie reduziert auf konkrete Schichten des Erlebens nicht erlebter Gegenstände, auf bestimmte Wissenschaftsbereiche bezogene Reduktionen, die als Wesensmöglichkeiten gegeben sein können, die es aber nicht notwendig gibt.

Veröffentlicht von Lilith Dan  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen