Samstag, 3. September 2016

Husserl: Intersubjektivität.

Husserl: Intersubjektivität.


In den Cartesianischen Meditationen führt die an sich sachliche Frage nach der Gegebenheitsweise anderer Animalien und Menschen auf das Scheinproblem des Solipsismus.
Das liegt daran, dass durch die vorgängig eingeführte transzendentalphänomenologische Reduktion die Welt und die Gegebenheit Anderer in der Welt eingeklammert wurde.
In einer eidetischen aber noch immer mundanen Phänomenologie wird die Welt nicht eingeklammert und dementsprechend kann nach den Voraussetzungen der Gegebenheit Anderer in der Welt gefragt werden, ohne sich mit dem Problem des Solipsismus und sich anschließender Probleme zu belasten.

Auf die Frage, wie mir Andere gegeben sind, ist die nächstliegende Antwort: durch einfühlendes Verstehen. Aber das Verstehen in diesem Sinne ist eine Aktivität, die aktive Synthesis in intentionalen Akten voraussetzt.
Vor allem aktiven Verstehen liegt die Frage, wie überhaupt ‚Gegenstände‘ gegeben sind, bei denen der Versuch, sie zu verstehen, sinnvoll ist.
Es gibt viele Gegenstände und vorgestellte Andere, bei denen der Versuch, sie zu verstehen, sinnlos ist.
Es handelt sich um den Typ des Verstehens, den Dilthey ‚elementares‘ Verstehen nennt.
Ein Beispiel dazu wäre der Kauf einer Fahrkarte am Bahnhof, das Hören auf die Anweisungen und Informationen des Lautsprechers, das Vorweisen der Fahrkarte bei der Kontrolle usw.
Alle Beteiligten verstehen sich dabei auf den Umgang mit solchen Strukturen der Kooperation und die Funktion hier involvierter Gegenstände.
Dabei ist es nicht erforderlich, dass sie die Anderen, die ihnen dort begegnen, einfühlend verstehen. Ebenso wenig ist es erforderlich, dass sie die Strukturzusammenhänge des Transportsystems und der damit verbundenen ökonomischen Strukturen, das sie benutzen, theoretisch verstehen.

Nicht nur Menschen haben Leibkörper, sondern auch Tiere. Auch Tiere sind untereinander und für den Menschen mögliche Partner von Kooperationen. Dabei handelt es sich um animalisches elementares Verstehen.
Man wird nicht mit jedem fremden Leibkörper, der als solcher zur Auffassung gelangt, zu einer Kooperation und Interaktion in einem elementaren animalischen Verstehen kommen, geschweig denn in der Lage sein, zu einem eigentlich einfühlenden Verstehen zu kommen.
Die Gegebenheit fremder Leibkörper ist aber für die einseitig fundierende Voraussetzung, die alle höherstufigen Gegebenheitsweisen von Anderen möglich macht.

Somit ist die ursprüngliche Gegebenheit anderer Leibkörper in der Eigenheitssphäre zu analysieren.
Es muss von einer abstraktiven Reduktion auf die Eigenheitssphäre ausgegangen werden und das auszuscheiden, was transzendentem Gegenstandsauffassen durch diese Gegebenheit Anderer zukommt.
In der Eigenheitssphäre können noch nicht einmal transzendente Wahrnehmungsgegenstände gegeben sein. Bereits in einem einfachsten Sinn ‚Gegenstand‘ zu sein, setzt voraus, dass der Gegenstand Aspekte hat, die ich jetzt nicht sehe, aber von Anderen aufgefasst werden können.
Allgemein ausgedrückt: Abstrahiert man von allen Sinnmomenten, die erst durch fremde Leibkörper dem Erleben meines eigenen Leibkörpers zuwachsen, dann ergibt sich, dass in dieser Eigenheitssphäre, due Husserl auch Primordialsphäre nennt, das Hier und Dort im Raum in ein und derselben Zeitphase nicht vertauscht werden können.
Das ‚‘Hier bleibt immer das je eigene Hier meines Leibkörpers. Ich kann zwar später zu dem Ort einer jetzt als ‚Dort‘ aufgefassten Raumstelle kommen, aber dann ist es das ‚Hier‘ meines Leibkörpers an einer anderen Stelle und seine damalige Stelle ist ein ‚Dort‘ geworden.
Mit der Gegebenheit des Anderen ist ein objektiver und transzendenter Raum und eine transzendente Zeit gegeben.
Die Gegebenheit der anderen Leibkörper, die Gegebenheit transzendenter Gegenstände in transzendenter Raum-Zeit, die Gegebenheit meiner selbst als Individuum in dieser gemeinsamen Raum-Zeit sind jenseits der Eigenheitssphäre wechselseitig ineinander fundiert.
Der Andere und der fremde Leibkörper können nicht per se durch synthetische Aktivitäten, die sich immer direkt oder indirekt auf transzendente Gegenstände beziehen, gegeben sein.
Die Gegebenheit des Anderen ist die einseitige und notwendige Bedingung für die Gegebenheit von transzendenten Gegenständen schlechthin und damit auch die Möglichkeit der Unterscheidung transzendenter und immanenter realer Gegenstände.
Folglich kann der Andere, und das heißt zunächst der andere Leibkörper, nicht auf die Weise eines durch Ichaktivität erfassten transzendenten Gegenstandes gegeben sein.
Wenn fremde Leibkörper aber nicht in aktiver Synthesis gegeben sein können, dann wird es sinnvoll sein, im Bereich der passiven Synthesis nach den fundierenden Voraussetzungen ihrer Gegebenheit zu fragen.
Der eigene Leibkörper ist in der assoziativen, d. h. durch Kontrast und Verschmelzung bestimmten Abhebung vom ‚Außen‘ gegeben.
Dem innerlich Gegebenen entspricht ein äußeres Korrelat und vice versa. Das Verhältnis von Innen und Außen ist dynamisch, d. h. kinästhetisch. Mein Leibkörper bewegt sich im Umfeld des Außen.
Die Gegebenheit eines fremden Leibkörpers ist zunächst nichts anderes als die Präsenz bestimmter Strukturen im hyletischen Feld, die im Außenaspekt der Leibkörpergegebenheit meiner Eigenheitssphäre entsprechen, deren Korrelat in je meinem Leibkörper nicht gegeben ist und damit unzugänglich bleibt.
Diese Unzulänglichkeit wird zunächst in absoluter Vagheit und Offenheit assoziativ ‚appräsentiert‘.
Diese Assoziation ergibt sich, wenn ein anderer Leibkörper als Protogegenstand in der Eigenheitssphäre gegeben ist und das Ich zur aufmerksamen Zuwendung geweckt wird.
Der fremde Leibkörper kann in einem ‚Dort‘ nur von außen gegeben sein.
Die geweckte Assoziation hat den Charakter einer Appräsentation.
Was assoziativ appräsentiert wird, wie Husserl sagt, ist das andere Innen des anderen Leibkörpers.
Sie ergibt sich, weil der eigene Leibkörper als eine Verschränkung von Innen und Außen gegeben ist.
Diese Gegebenheit schließt noch keinerlei Einfühlung in sich, denn Einfühlung ist ein Akt des Bewusstseins, in dem der Andere in der Einbildungskraft als Modifikation meiner selbst aufgefasst wird.
Das bedeutet zunächst, dass der Andere als ein Leibkörper aufgefasst wird, der meinen Leibkörper im ‚Dort‘ im Wahrnehmungsfeld hat.
Damit ist ein ‚Dort‘ gegeben, das ein simultanes ‚Hier‘ ist und zwar ein ‚Hier‘, das in seinem Jetzt eine andere Perspektive zum Wahrnehmungsobjekt hat.
Der so erlebte Andere ist zunächst einmal das, was vorausgesetzt ist, um die Möglichkeit der Vergegenwärtigung des gegenwärtig Abwesenden im Wahrnehmungsobjekt als gegeben in einer Modifikation meiner selbst vorzustellen. Wegen der Unmöglichkeit in der Eigenheitssphäre meiner selbst, ein ‚Dort‘, das ein anderes ist als das ‚Hier‘, in dem ich jetzt bin, unmittelbar als ‚Hier‘ im Jetzt zu erleben, ist somit die Gegebenheit des Anderen fundierend für die Gegebenheit von transzendenten Gegenständen in einem transzendenten gemeinsamen Raum und fundiert diese Gegebenheit.

Durch Strukturen der kinästhetischen Bewegung des fremden Leibkörpers bilden sich zunächst assoziativ besetzte Protentionen hinsichtlich des zukünftigen Verhaltens fremder Leibkörper, die bewährt oder aber auch enttäuscht werden können
Das führt zu der untersten Stufe aktiver Verstehenssynthesen, die das rein animalische Verstehen bestimmen.
Als Beispiele dienen eine durch Körpersprache ausgedrückte Drohung, eine freundliche Annäherung oder ein Desinteresse eines fremden Leibkörpers.

In der appräsentierenden Assoziation ist zwar das Äußere des fremden Leibkörpers mitgegeben, das Innere aber bleibt, abgesehen durch von semiotischen Strukturen, etwas grundsätzlich Abwesendes.
Deshalb heißt die Assoziation ‚appräsentierend‘ und nicht ‚präsentierend‘.
Das Verstehen wird deshalb immer ein indirektes, semiotisch vermitteltes Verfahren sein.
Ich kann nicht in den Leibkörper Anderer hineintreten. Man kann sich vorstellen, in ‚‘ eines anderen zu stehen, aber man kann nicht wirklich in ihnen stehen.
Das ist wesensunmöglich, weil es ein Anderer mit dem ihm zugehören Leibkörper ist.
Husserl hat in dieser Hinsicht von einer ‚Transzendenz in der Immanenz‘ gesprochen, die nicht problematischer sein soll als die Transzendenz in der Immanenz, die sich im Erinnern zeigt, durch das wir nacherlebend unsere vergangenen Erlebniszusammenhänge erinnern.
Das Erinnern bezieht sich auf eine abgeflossene Zeitphase unseres eigenen Erlebens, greift also in eine assoziativ sich aufdrängende Transzendenz hinein, die in temporaler Distanz in der Erlebniszeit gegeben ist.
Das Einfühlen ist in einer Assoziation gegründet, die lokal ist. Sie bezieht sich auf einen koexistent gegebenen anderen Leibkörper, der für das ‚Hier‘ meines Leibkörpers in einem ‚Dort‘ gegeben ist. Darauf ist die Einfühlung ursprünglich bezogen.
Es handelt sich insofern um eine Transzendenz in der Immanenz, als es das Innen eines anderen Leibkörpers ist, das in den sich aufstufenden Akten des Einfühlens vorgestellt wird, um eine andere Subjektivität eines anderen Leibkörpers.
Mit dieser Intersubjektivität ergeben sich auf der Seite des Wertfühlens und Wertnehmens neue Dimensionen.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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