Donnerstag, 8. September 2016

Husserl: Genetische Phänomenologie. Egologie.

Husserl: Genetische Phänomenologie. Egologie.


Dass es innerhalb der Phänomenologie und der transzendentalen Phänomenologie eine phänomenologische Egologie gibt, zeigt, dass der Begriff des Ich und damit auch des transzendentalen Ich ein phänomenologisches Problem von großem Gewicht ist.

Die Fragen der Egologie ergeben sich, wenn im Ausgang von den Akten des Bewusstseins, den cogitationes, die vordem auf ihre Ausrichtung auf die cogitata hin betrachtet wurden, in der andren Richtung nach dem Ego gefragt wird, das jeder cogitatio zuzuordnen ist.
Das erste und abstrakteste ist das Ich, da eine Identität ist, die in allen cogitationes dieselbe Identität ist. Als solches ist das Ich ein abstrakter Moment ohne jede Konkretion.
Das Ich ist ein identischer Pol aller Akte. Es ist, kantisch gesprochen, die analytische Einheit des Bewusstseins und nichts anderes als ein Hinweis auf den Polk, in dem die Akte vereinigt sind.
Es ist als solches natürlich kein räumlicher identischer Pol, sondern einer, in der die Zeitlichkeit des Bewusstseinslebens zentriert ist, so dass der Pol primär im aktualen Jetzt aktuell ist und nur in den Akten des Erinnerns und Erwartens mit dem Pol des erinnerten oder erwarteten Erlebens identifiziert wird.
Dabei ist es keineswegs das Ich, das diese Identifizierung allein für sich vollziehen kann Was diese Identifizierung fundiert, ist die Einheit des inneren Zeitbewusstseins, das das subjektive Erinnern möglich macht, in dem das Ich als ein Identisches in der Gegenwart und der Vergangenheit gegeben ist.
Diese temporale Einheit schafft das Ich nicht, sie ist ihm in Passivität vorgegeben. Phänomenologisch nicht auszuweisen ist der Pol, der die Einheit der immanenten Zeit selbst aktiv als ein Ich im Fichteschen Sinne oder als die synthetische Einheit der transzendentalen Apperzeption in ihrer Spontaneität bei Kant zustande bringt. Davon ist deskriptiv nichts aufzuweisen. Es handelt sich um eine hypothetische Substruktion des spekulativen Denkens, was von beiden implizit zugegeben wird.
Es gilt vielmehr umgekehrt: die sich in der lebendigen Gegenwart passiv konstituierende Einheit der immanenten Zeit ist das Medium für die Akte des Erinnerns, in der sich der Ich-Pol im aktualen Jetzt mit dem Pol einer Vergangenheitsphase identifizieren kann.

Das reine ich ist als Pol ein abstraktes Moment, das so für sich als bloße Identität und Identifizierung der Einheit des Bewusstseins in der Vergangenheit des retentional abgesunkenen erinnerten und des gegenwärtigen Erinnerns gegeben ist. Es hat Inhalt, wird ein bestimmtes Ich, zunächst nur durch seinen ‚Charakter‘, d. h. durch die Gewohnheiten, die es hat und gegenwärtig hat. Gewohnheit oder Habitus wird bei Husserl in einem so weiten Sinne verstanden, dass habitus nicht nur im praktischen Verhalten, sondern auch im theoretischen wirksam sind.
Beides sind je Aktintentionalitäten und damit ist das theoretische Tun auch eine Praxis, die mit ‚praktischer‘ Praxis in engem Zusammenhang steht.
Näher gesehen hat das Ich einen habitus, wenn es das Bewusstsein hat ‚Ich kann‘, ‚Ich könnte wieder‘, ‚Ich kann immer wieder‘.
Habe ich z. B. den Habitus und damit die Fähigkeit, den Satz des Pythagoras zu beweisen, so habe ich diesen Habitus genauso, wie ich den Habitus habe, Rad oder Auto fahren zu können.
Das Ich wird als Person oder Charakter zunächst konkret, weil es eine Menge von Habitus hat oder nicht hat. Das Konkret-werden des Ich ist im Haben von Habitus fundiert. In ihm wird das Ich zur Person und der andere zur Person und als Person wird das Ich oder der Andere in meiner Persönlichkeit konkret und differenzierbar.

Nun werden die Habitus aktiv erworben, die in der Freiheit des ‚Ich kann‘ in konkreter Aktivität umgesetzt werden können. In solchen Fällen hat man durch Einüben, Erlernen oder der Fähigkeit, eine Sprache zu sprechen, in der Vergangenheit, und das heißt in subjektiver Zeit im nicht erinnerten Retetionskontinuum, durch eine Bewusstseinsaktivität erworben.
Diese aktive Erwerbung in der Vergangenheit braucht aber im Bewusstsein des ‚Ich kann‘ durchaus nicht erinnert werden. Sie ist, wenn so erworben, einfach da. Der durch aktive Erwerbung gewonnene Habitus bestimmt als retentional erhaltener Gehalt die Protention der Gegenwart. Das bedeutet aber, dass die retentionale Gehalte durch Assoziation, Protention und Erwartungen besetzt sind. Die Genese eines Habitussystems, eines Charakters, ist also, auch wenn sie durch Aktivität erworben wurde, passiv.
Es handelt sich um eine Genese, denn einmal erworbene Habitus, können verloren gehen und sind damit nicht verfügbar.
Ich weiß, dass ich einmal den Pythagoras beweisen konnte, weiß aber auch, dass ich das jetzt nicht mehr kann.
Was einmal gekonnt wurde, hat nicht mehr die Kraft, das Können im Jetzt zu erreichen. Das bedeutet aber nicht nur ein negatives Verschwinden. Ich habe andere Habitus erworben, die die alten verdrängt haben die mir geläufiger sind. Der Charakter, die Person, ist also Wandlungen, einer Genese, unterworfen, in der sich Habitus aufbauen und auch wieder verschwinden und durch andere verdrängt werden. Die Frage ist, ob hier irgendwelche eidetischen Gesetzmäßigkeiten hinsichtlich dieser Genese entdeckt werden können.
Für die Beantwortung dieser Frage ist zunächst die Beantwortung der Frage wichtig, ob sich Habitus auch passiv konstituieren können.
Wir haben Gewohnheiten, Handlungsstrukturen, die nicht so sehr als ein ‚Ich kann‘, sondern als ein ‚Ich muss immer wieder‘ in einem Waschzwang, einer Sucht erlebt werden.
Es gibt auch solche, an die wir uns bei allem Bemühen noch nicht einmal der Möglichkeit nach erinnern können, wann wir sie erworben haben könnten, so z. B. beim ursprünglichen Sprachlernen in der Kindheit.
An das Lernen einer Fremdsprache kann man sich erinnern, an das Erlernen der Muttersprache nicht.
Zu ihnen gehört auch der Habitus, in denen ganz ursprünglich unsere Wahrnehmungsprozesse passiv gesteuert werden.
Solche Habitus sind uns in unerreichbaren Bereichen des Retentionskontinuums durch passive assoziative Synthesis zugewachsen und wurden nicht aktiv erworben.
Sie bleiben im Bereich des abwesenden Unbewussten und Unterbewussten und haben, da der Möglichkeit nach schon in ihrem Entstehen unbewusst, den erwähnten Zwangscharakter, der nur durch ‚Umerziehung‘, neue passiv zugewachsene Habitualitäten, zu erreichen ist oder durch bewusste ‚Umerziehung‘, deren negatives Ziel es ist, diese passiv erworbenen Habitus zu beseitigen und durch anderen zu ersetzen.
Passiv zugewachsene Habitus sind ursprünglicher, genetisch früher als aktiv erworbene
Hier haben wir schon ein Gesetz der Genese. Wir müssen in passiver Habitusgenese kinästhetische Fähigkeiten unseres Leibkörpers haben, bevor wir im aktiven Erwerb Fahrradfahren lernen.
Genetisch gesehen ist das Haben eines Habitus im Ersterwerb eines Gegenstandes und der sich damit ergebenden Genese einseitig fundiert.
Wird das in Betracht gezogen, ergibt sich das voll konkrete Ich, für das die Gegebenheit von bestimmten Gegenständen und einer charakteristischen Lebensumwelt zur Konkretion seiner sedimentierten Lebensgeschichte gehört.
Husserl nennt dieses konkrete Ich nicht ganz zutreffend Monade im Leibnizschen Sinnes. Es handelt sich nicht um eine Monade im Leibnizschen Sinne, weil die subjektive Genese vom Habitus weitgehende intersubjektiv determiniert wird.
Das konkrete Ich als Monade hat also ‚Fenster‘.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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