Freitag, 9. September 2016

Husserl: Genese und Generik.

Husserl: Genese und Generik.


Bestimmte Gegenstände und zugeordnete bestimme Habitus sind nur unter der Voraussetzung bestimmter anderer, in denen sie fundiert sind, gegeben.
Das reicht bis in den Aufbau der komplexesten Strukturen des Habens von Gegenständen in den Wissenschaften.
Ohne den Habitus und die damit verbundene Habe bestimmter Gegenstände, z. B. der Mathematik, können bestimmte physikalische Strukturen nicht zur Auffassung gelangen. Ohne die Habe von Schriftsprache und den Habitus, Schrift lesen und schreiben zu können, kann sich keine Grammatik entwickeln Ohne abstrakte Reduktion vollziehen zu können, ergeben sich generell keine Wissenschaften von abstrakten Momenten wie etwa der Geometrie.
Ähnliche Gesetze für genetische Schichtungen ergeben sich aber auch auf unterster Stufe. Ohne die Gegebenheit anderer als Leibkörper kann es nicht zur Entwicklung von Sprachzeichensystemen kommen. Selbst das ist nicht zureichend, es muss auch ein Habitus erworben sein, um mit anderen in Interaktion zu treten.
Dabei ist anzumerken, dass die jeweils tiefere Schicht nicht erlaubt, die Entwicklung der höheren als eine notwendige Entwicklung vorauszusagen. Sie ist lediglich möglich. Dagegen kann gesagt werden, dass das Vorliegen höherer Schichten von Habitus mit Notwendigkeit die vorangehende Genesis bestimmter tieferer Schichten verlangt.

Das führt dazu, dass in dem allgemein eidos ‚konkretes Ego‘ auch Typen genetischer Entwicklung in ihren a priorischen Strukturen aufgedeckt werden können, die inkompatibel sind.
Der Typus des ‚homo ludens‘, den man auch als Playboy bezeichnet und der bei Kierkegaard subtiler als ‚der Mensch auf der Stufe ästhetischen Genusses‘ beschrieben wird, ist nicht kompatibel mit dem homo oeconomicus, dem in Kategorien und Habitus des Erwerbs von Besitz beschränkten Menschen.
Der Typ des Helden, etwa des Achill, ist ebenso wenig wie der eines aggressiven Chaoten von rechts oder links, der sich meist als Held fühlt, der mit der Staatsgemeinschaft in dauernder Auseinandersetzung lebt, ist nicht mit dem Typ kompatibel, dem es ein Habitus ist, sich an vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen in der schriftlich fixierten Form von Recht und Gesetz anzupassen.
Die Beschreibung solcher Typen, die für sich genommen niemals ganz auf konkret Individuen zutreffen, ist sicher eine Beschreibung von Idealtypen.
Das aber ist nicht das Hauptproblem.
Von der Kompatibilität oder Inkompatibilität solcher Strukturen zu sprechen, setzt nämlich voraus, dass mir auch Modifikationen meiner selbst gegeben sind, also Intersubjektivität und weiter, dass es ein allgemeines ‚eidos ego‘ gibt, als dessen Besonderheiten solchen Typen angesehen werden können.

ES ist zu fragen, was unter ‚Ich als Pol, das Ich als Substrat von Habitualitäten, das voll konkrete Ich, die Monade, das eídos ego‘ verstanden werden soll.
Das eidos ego oder sogar das eidos transzendentale Ego ist der Inbegriff der eidetischen Strukturen, die in der Egologie betrachtet wird, also zunächst einmal das Ich als Pol, das Ich als Substrat von Habitualitäten und das konkrete Ich.
Dabei ist zu beachten, dass diese Strukturen intentionale Gegenstände, genauer ‚noemata‘ sind.
Es handelt sich hier also nicht um Strukturen, die unmittelbar mit der apodiktischen Selbsterfahrung gegeben sind, sondern um die phänomenologische Selbstobjektivation der Struktur dieser Erfahrung.
Das eidos ego ist somit keineswegs das eidos des Ich, von dem die transzendentalphänomenologische Reduktion ausgeht und das Ich ist, dem die Welt als Geltungsphänomen gegeben ist.
Das Paradox der Subjektivität ist eine eidetische Struktur, die zum eidos ego gehört und für die transzendentalphänomenologische Reduktion von Bedeutung ist, aber auch als Versuch verstanden werden kann das Paradox zu klären.

Die Gleichung eidos ego = transzendentales ego, die zuweilen in der Literatur aufgestellt wurde, so bei Adorno, ist somit falsch.
Es muss daran erinnert werden, dass generell in der transzendentalen Phänomenologie nur die allgemeinsten Strukturen apodiktisch im Sinne Husserls gegeben sind.
Im eidos ego gibt es demgemäß neben diesen Strukturen auch solche, die nicht apodiktisch gegeben sind und die, die je nach dem Stand der Ausarbeitung mehr oder weniger adäquat im angegebenen Sinne sind.
Das eidos ego ist zudem kein in sich geschlossenes Ganzes, das unteilbar ist. Es lassen sich in den allgemeinsten und allgemeinen Strukturen verschiedene Typen und auch verschiedene genetische Schichten entdecken, die je für sich eine Besonderheit des eidos ego bestimmen und die alle eine eidetische Besonderheit im eidos ego sind und ein konkret Ganzes repräsentieren.
Damit ergibt sich, dass die Anderen qua andere Persönlichkeitstypen im eidos ego als mögliche Modifikationen meiner selbst sind, sogar als mögliche ‚anomale‘ Modifikationen meiner selbst.
Das eidos ego ist somit eine Selbstobjektivation des phänomenologisierenden, d. h. phänomenologisch reflektierenden transzendentalen Ich, die ein Feld weiterer Analysen phänomenologischer Forschung vorzeichnen.
Diese Forschung impliziert auch, dass in ihr geurteilt wird. Solche Untersuchungen werden nicht in einer ‚Privatsprache‘ ausgedrückt. Kein Ausdruck und kein sprachlicher Ausdruck ist privat.
Es ist eine wichtige Aufgabe ist es, zur klar artikulierten prädikativen Evidenz zu kommen und sich nicht mit einer dunklen Metaphorik zu begnügen.
Die Resultate sind demgemäß auch intersubjektiv diskutierbar. Voraussetzung ist lediglich, dass man, und darin liegt das private, die phänomenologische Reduktion vollzogen hat.
Diese hat zwar als Basis vorprädiktiver Evidenz meine Selbsterfahrung des Bewusstseins, in der sich die in eidetischer Variation die notwendig ergebende Modifikation meiner selbst ergibt.
Die Voraussetzungen des Vollzugs der Reduktion selbst sind intersubjektiv kommunizierbar.
Jede Wissenschaft setzt eine Reduktion voraus, in der von etwas abgesehen wird, das nicht zum Feld der Wissenschaft gehört, was nicht zum Feld der Wissenschaft gehört.

Genetische Phänomenologie hat immer intersubjektive Kontexte zu berücksichtigen. Damit eröffnet sich als weiteres Feld die Frage der genetischen Strukturen, die die Genesis bestimmter Kulturumwelten im Rahmen der Struktur der Lebenswelt betrifft.
Husserl spricht hier von generischer Phänomenologie. So ist u. a. ein generisches eidetisches Gesetz einseitig in der Genese von Schriftsprache fundiert.
Fast alle höheren Strukturen von Kulturumwelten sind in der vorgängigen Gegebenheit bloße Wesensmöglichkeit und darf nicht als in dieser Wesensmöglichkeit implizierte Wesensnotwendigkeit verstanden werden.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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