Sonntag, 11. September 2016

Husserl: Die transzendental-phänomenologische Reduktion. Vorerwägungen.

Husserl: Die transzendental-phänomenologische Reduktion. Vorerwägungen.


Zu unterscheiden ist das allgemein philosophische Problem der Möglichkeit oder Unmöglichkeit der einen Philosophie und die spezifische Problemsituation einer mundanen Phänomenologie. Daraus resultiert die Frage, ob man von ihr eine gelingende erste Philosophie entwickeln kann.
Die traditionelle Frage nach einem ersten Grund, der in absoluter Evidenz gegeben sein soll, muss in der Phänomenologie anders gestellt werden.
Das ergibt sich schon mit der phänomenologischen Analyse der Evidenz, die bereits in mundaner Phänomenologie möglich ist.

In den Cartesianischen Meditationen ergibt sich durch den Anschluss an Descartes der Eindruck, dass in der ‚absoluten Evidenz‘ ein letzter Grund alles Wissens, eine Letztbegründung gesucht wird, die voraussetzungslos ist.
Das ist in der traditionellen ersten Philosophie das, wonach gesucht wird. Descartes folgend, muss ein solcher voraussetzungslose Grund den Charakter einer absoluten Evidenz der Unbezweifelbarkeit haben.
Aus ihm sind dann alle Gegebenheiten deduktiv abzuleiten. Allgemein ist gegen das Ideal der Letztbegründung und des voraussetzungslosen Grundes eingewendet worden, dass es so etwas nicht geben kann, weil man ja vorab wissen muss, was überhaupt Grund ist, und dann Grund eines Grundes bis hin zu einem letzten Grund, der den Begriff eines Anfangsglieds impliziert.
Man muss ferner wissen, was denn durch einen solchen letzten Grund begründet werden soll und wie das zu geschehen habe. In der Tradition war man sich einig, dass ein solches Begründen ein deduktives Begründen sein sollte. Freilich war man sich nicht einig über die Prinzipien und Regeln, die eine solche Deduktion leiten sollen: Deduktionen more geometrico oder transzendentale Deduktionen im Sinne Kants oder spekulativ-dialektische Deduktionen wie bei Fichte und Schelling.
Ohne solche Angaben zu machen führt die Idee möglicher Letztbegründung und des voraussetzungslosen Grundes zu Widersinnigkeiten.
Es muss von etwas ausgegangen werden, das begründet werden soll, und es muss ein Vorbegriff von Grund da sein.
Nun wird nicht zu erwarten sein, dass sich die Frage nach dem letzten und absolut evidenten Grund in der Phänomenologie von denselben Voraussetzungen und Vorbegriffen leiten lassen wird, die in dieser oder jener Form von der philosophischen Tradition vorgegeben werden.

Voraussetzungslos im Sinne der Phänomenologie bedeutet zunächst einmal, dass unter ‚Grund‘ genau das nicht verstanden wird, was üblicherweise darunter verstanden wird.
Phänomenologie setzt die Phänomene im weitesten Sinne, die sie analysiert, als gegeben voraus. Sie ist nur in einem bestimmten Sinne voraussetzungslos.
Voraussetzungslos heißt: vorgegebene Theorien dürfen in phänomenologischen Deskriptionen keine Rolle spielen. Charakteristisch für Theorien ist, dass sie Gründe angeben. Sie enthalten auch verschiedene Begriffe von ‚Grund‘.
So haben wir u. a. den Grund im Sinne der Ursache der Naturwissenschaften. Ursache ist das sehr komplexe, das vielen Bedingungen zusammengesetzte Ereignis, dem nach einer kausalgesetzlichen Regel ein anders Ereignis folgt. Weiter gibt es den Begriff des Seinsgrundes, ein Grund, der nicht ein Ereignis, sondern das Sein, die Existenz eines Gegenstandes und aller Gegenstände überhaupt ist.
Er gehört in die Metaphysik.
Schließlich gibt es den Grund, der hypothetisch in einem transzendentalen Argument als ‚Bedingung der Möglichkeit‘ der Erfahrung, der Wissenschaft usw. angegeben wird.
Es darf weder dieser noch jener theoretische Begriff des Grundes in der Phänomenologie vorausgesetzt werden. Weiter gilt hinsichtlich des ‚Wie des Begründens‘, dass apophantische Logik und formale Ontologie, die die Prinzipien des konsequenzlogischen Schließens im Husserlschen Sinne untersuchen, die mit den Deduktionsbegriffen der Tradition nicht in Einklang zu bringen sind und vor allem, da selbst phänomenologischer Erklärung bedürftig, nicht Voraussetzung irgendeines phänomenologishcen Deduzierens sein können.
Vor allem aber gilt, dass Phänomenologie deskriptiv aufweisend verfährt und damit ein formales Ableiten aus vorausgesetzten Axiomen in der Phänomenologie keinen Platz hat. Die Phänomenologie muss ihren spezifischen Begriff des Gründens selbst in phänomenologischer Analyse klären.

Die Untersuchungen der Phänomenologie als eidetischer Phänomenologie führten zu einer Analyse der materialen eidetischen Strukturen der Region Bewusstsein. Dabei handelt es sich hier nur um morphologische und in einigen Aspekten um exakte Wesenheiten. Es erwies sich aber, dass die von der mundanen Phänomenologie methodisch in Anspruch genommene eidetische Intuition materialer Wesenheiten generell, aber auch in ihrer Anwendung auf Bewusstseinsstrukturen zum ersten die formale Ontologie als regelgebende Instanz voraussetzt und dass nach einer geläufigen Ansicht, etwa der Freges oder in anderer Richtung der Kants, die Evidenzen der formalen Ontologie absoluter sind, als, die, die hinsichtlich materialer Wesenheiten erzielt werden können.
Das entspricht durchaus auch den in den Husserlschen Prolegomena leitenden Gesichtspunkten und deshalb spricht er später vom sublimen Psychologismus seiner Phänomenologie vor dem Einstieg in die transzendental-phänomenologische Einstellung.
Damit aber gilt, dass das Problem einer phänomenologischen Letztbegründung durch eine absolute Evidenz zugleich auch das Problem der Beseitigung des sublimen Psychologismus sein muss.
Daraus ergibt sich, dass auch die phänomenologische Letztbegründung eine Antwort auf das Paradoxon der Subjektivität finden muss, denn das Problem des Psychologismus ist nur ein Aspekt dieses Paradoxons.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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