Dienstag, 6. September 2016

Husserl: Die Phänomenologie der Vernunft. Telos, Horizontintentionalität und Angelegtsein auf Evidenz.

Husserl: Die Phänomenologie der Vernunft. Telos, Horizontintentionalität und Angelegtsein auf Evidenz.


Von einem ‚telos‘ ist bereits im reinen Wahrnehmen der Gegenwartsphase in der Eigenheitssphäre die Rede.
Eine solche Zielgerichtetheit ist auch allen intentionalen Akten höherer Stufe wesensnotwendig zuzuordnen.
Der phänomenologische Begriff der Vernunft bezieht sich auf dieses allen intentionalen Akten und ihrer aktiven Synthesis innewohnenden telos. Intentionale Akte sind auf Erfüllung angelegt. Das Gewünschte wird angestrebt, das Wahrgenommene wird als Gegenstand immer vollständiger zur Gegebenheit Gebrachtes im Durchlaufen der Abschattungen gegeben sein. Der Grad, in dem das erreicht wird und ebenso die Weise, in der es erreicht wird, bezeichnet Husserl mit ‚Evidenz‘.
Evidenz allgemein hat nichts mit einem Gefühl oder einem Kriterium zu tun, das Wahrheit erzeugt. Auch eine negative Evidenz, eine Enttäuschung in der Wahrnehmung, kann eine sehr vollkommene Evidenz sein. Es ist dann eben das evident Falsche. Der in konkreter Aktintentionalität erreichte Grad der Evidenz ist kein Indikator einer absoluten Evidenz.
In allen konkreten intentionalen Akten gibt es Grade der Evidenz, denn bereits das Wahrnehmen ist in seinen Erwartungen, die auf Erfüllung abzielen, modalisiert.
Die Theorie der Evidenz lässt sich als ‚Logik der Wahrheit‘ nur in einer Semantik annäherungsweise formallogisch darstellen, die mehrwertig ist, d. h. zwischen ‚wahr‘ und ‚falsch‘ eine unendliche Menge von Gradabstufungen kennt oder in Richtung der Erfüllung, d. h. im protentionalen Horizont in der disjunktiv geschlossenen oder offenen Möglichkeit liegen.
Evidenz tritt nicht zur Intentionalität von außen hinzu, noch ist sie eine sich am aufgezeigten Objekt oder im Subjekt auszumachende Eigenschaft. Es ist ein in der Intentionalität selbst immer mit eingeschlossenes abstraktes Moment.


Man muss zwischen einem Evidenzbegriff im engeren und im weiteren Sinn unterscheiden.
Evidenz im weiteren Sin kommt in allen intentionalen Akten vor. Evidenz im engeren Sinne wäre die, die sich mit einem Grad von Evidenz zufriedengibt, der von praktischen Interessen in der Lebenswelt verlangt wird.
Evidenzstreben im weiteren Sinn liegt vor, wenn das leitende Interesse das Erkenntnisinteresse ist, d. h. ein Interesse an der Gewinnung möglichst vollkommener Evidenz.
Ein solches Interesse wird geleitet durch die regulative Idee einer absoluten Evidenz. Die Wissenschaft allgemein wird von diesem Interesse geleitet. Ein solches Interesse leitete auch die Philosophie, sofern sie eine ‚erste Philosophie‘ sein will, die nach den letzten Prinzipien fragt. Solche Prinzipien müssen nach einer gängigen Annahme absolut evident sein, wenn sie die letzte Begründung liefern sollen.
Offensichtlich ist die Richtung, in der nach absoluter Evidenz gesucht wird, im Falle der Wissenschaften und im Falle der Philosophie verschieden. Es handelt sich um verschiedene Evidenztypen.
Die Frage nach der Natur des die erste Philosophie leitenden Interesses an einer absoluten Evidenz führt, wenn sie im Rahmen der Phänomenologie gestellt wird, zur transzendentalphänomenologischen Reduktion.

Wissenschaftliches Wissen soll begründetes Wissen sein. Wer systematisch nach Gründen sucht, ist zumindest auf dem Weg zu einer Wissenschaft. Nimmt man das als die ‚Idee der Wissenschaft‘, dann ist jede positive Wissenschaft der Versuch, diese Idee auf einem bestimmten Gebiet zu verwirklichen. Die Idee der Wissenschaft hat ein gedoppeltes telos. Einmal geht es in die Richtung der in indefinitum fortschreitenden Erschließung neuen Materials; zum anderen gilt es, für die jeweils vorausgesetzten Gründe weitere Begründung zu finden, in denen sie gegründet sind. Absolute Evidenz und absolute Begründung hat somit auch eine gedoppelte Richtung. Für die positive Wissenschaft gilt nun, dass in ihr das telos der Richtung auf letzte Gründe in der Erforschung der Gegenstände zumeist als vorerst abgeschlossen vorausgesetzt wird.
Nur in sogenannten Grundlagenkrisen kommt es zu Revisionen oder gar zur Revolution in den Grundlagen. Grundlagen ohne von der Sache her begründete Zweifel in Frage zu stellen, ist unwissenschaftlich.

Wissenschaft ist also durch eine in doppelter Richtung weisende vorlaufende Pretenion bestimmt. Sie will einen Anspruch erfüllen und steht so ein einer Spannung. Um diese näher zu analysieren, muss davon ausgegangen werden, dass Wissenschaft ein urteilendes Tun ist.
Urteilendes Tun gibt es auch im vorwissenschaftlichen Denken. Ist es wissenschaftlich, kann es höherstufig beurteilt werden. Solches Urteilen bezieht sich auf methodische Stringenz und wissenschaftliche Präzision setzt Betrachtungen über die wissenschaftliche Methode voraus, d. h. was man Wissenschaftstheorie nennt.
Nun sind die Methoden in den verschiedenen Wissenschaften verschieden. Weiter gilt, dass sie die Methoden und mit ihnen die Festlegung darauf, was der Bereich ihrer Objekte sind, historisch wandeln.

Wissenschaft allgemein als urteilendes Tun setzt voraus, dass zwischen mittelbaren und unmittelbaren Urteilen unterschieden werden kann.
Mittelbare Urteil beziehen sich auf ein Sachverhaltsverneinen, das in anderen Urteilen und deren Sachverhaltsverneinungen gegründet ist. Die Bestimmungen ‚unmittelbar‘ und ‚mittelbar‘ sind demgemäß relativ.
Unmittelbare Urteile sind unmittelbar relativ zu mittelbaren. Und die letzten unmittelbaren Urteile einer Wissenschaft sind nur insofern unmittelbar, als bei ihnen nach weiteren Urteilen, die sie begründen, nicht gefragt sind.
Mittelbare und unmittelbare Urteile finden sich auch im Bereich des vorwissenschaftlichen Urteilens.
Im vorwissenschaftlichen Bereich wird die gedoppelte Pretention urteilenden Begründens durch praktische Interessen begrenzt.
Im wissenschaftlichen Bereich ist das nicht der Fall. Hinzu treten weitere Forderungen. Das urteilende Tun muss prinzipiell wiederholbar sein und von Anderen, die den jeweils benutzten Methoden folgen, prinzipiell nachvollzogen werden können.

Das Streben nach Evidenz ist zunächst nichts anderes als das Streben nach Gründung der mittelbaren Urteile in unmittelbare.
Dabei kann dieses Streben durchaus erfüllt werden, wenn sich ein angenommener Gründungszusammenhang als falsch erweist.
Es gibt evidente Falschheit. Negativ gilt damit, dass jede erreichte Evidenz falsifiziert werden kann.
Positiv heißt das, dass keine jeweils erreichte Evidenz mehr sein kann als eine unter gegebenen Verhältnissen bewährte Evidenz. So ist es gemäß ihrer Methodologie in den induktiven Realwissenschaften.
In deduktiven Wissenschaften wird der Bereich bewährter Evidenz größer sein, dennoch gibt es Fälle, in denen Fehler in Beweisen gefunden werden können. Grundsätzlich aber gilt, dass die Pretention auf Erschließung weiteren Materials offenbleibt und sogenannte Grundlagenkrisen immer möglich sind.
Vorausgesetzte Grundlagen können zweifelhaft werden und bestimmte unterstellte grundlegende Annahmen können falsch werden.
Wissenschaftliche Evidenz bleibt fallibel.

Der Prozess der Evidenz kann also eine vollständige Erfüllung in den Grenzfällen vollendeter Falsifizierung und Falschheit und in der vollständigen Verifizierung und Wahrheit finden.
Weil aber zumindest nach der Idee der Wissenschaft auch die Grenzfälle dazu gehören, kann allgemein gesagt werden, dass Wissenschaft nach absoluter Evidenz strebt, wobei zunächst offenbleibt, ob sie diese jemals erreichen kann.
Dass der Begriff der absoluten Evidenz so allgemein ist, dass er Äquivokationen enthält, ist schon damit indiziert, dass wir in der Idee der Wissenschaft eine doppelte Richtung der Pretention auf Evidenz gefunden haben und die Frage nach Näherbestimmung des Ideals einer absoluten, d. h. schlechthin vollkommenen Evidenz bereits aus diesem Grund auf zwei verschiedene Formen absoluter Evidenz führen kann.
Es ergeben sich noch weitere Unterscheidungen.
Es muss zunächst zwischen prädikativer und vorprädikativer Evidenz unterschieden werden. Diese Unterscheidung fällt keinesfalls mit der Unterscheidung vorwissenschaftlichen und wissenschaftlichen urteilenden Tuns zusammen. Die Unterscheidung prädikativer und vorprädikativer Evidenz gehört zum vorwissenschaftlichen und zum wissenschaftlichen Urteilen.
Für die Wissenschaft gilt nun, dass prädikative Evidenz vollkommen ist, wenn die kategoriale Artikulation der Urteile vollendet deutlich ist.
Vorprädikative Evidenz ist vollkommen, wenn ein Wahrnehmungsgegenstand in der Wahrnehmung leibhaft, präsent und in allen seinen Abschattungen gegliedert ist.
So wird man etwa im Mikroskopieren fordern, dass der Gegenstand oder was er indiziert, klar und deutlich in der anschauenden Wahrnehmung gegeben ist, d. h. die wesentlichen Daten und Kontraste müssen klar erfasst werden. Es wird auch zu fordern sein, dass der erschaute Sachverhalt in den Bedeutungszusammenhängen, die das urteilende Tun zum Ausdruck bringt, deutlich kategorial artikuliert ist.
Dabei gilt, dass der in dieser Richtung erzielte Grad der prädikativen Evidenz i Grad der vorprädikativen Evidenz fundiert ist.
Vorprädikative Evidenz ist in der originären leibhaftigen Gegebenheit des Gegenstandes in der Wahrnehmung, der originären Evidenz der Selbstgegebenheit, gegründet.
Sie fundiert deutliche prädikative Evidenz des deutlich artikulierten Bedeutungszusammenhanges.

Für beide Fälle und insbesondere für die fundierende vorprädikative Evidenz gilt nun, dass die Idee einer absoluten, d. h. vollkommenen Evidenz doppelt verstanden werden kann. Es gibt die Evidenz der Gegebenheit im unmittelbaren Wahrnehmen der Evidenz originärer Gegebenheit.
Diese Vollkommenheit kann nicht überboten werden. Was originär gegeben ist, ist nicht der Gegenstand in allen seinen Aspekten. Nur ein Aspekt ist originär gegeben. Sofern es sich um das Wahrnehmen eines Gegenstandes handelt, spielen Erwartung und Erinnerung eine Rolle. Die Gehalte der Erwartung und Erinnerung verweisen auf Abschattungen des Gegenstandes, die nicht, wie die gegenwärtig gegebene Abschattung, originär gegeben sind.
Weil Erwartung und Erinnerung im Gegenstandswahrnehmen eine wesentliche Funktion haben, kann man nach Husserl nicht sagen, ‚dass die Sinne für sich niemals irren‘.
Erwartungen können auf dieser Stufe bereits enttäuscht und in diesem Sinne negiert werden.
Dieses Negieren wird im deutlich aufgefassten Bedeutungszusammenhang urteilenden Tuns als Negation artikuliert.
Das bedeutet einerseits, dass das Gegenstandswahrnehmen letztlich in originärer Evidenz gegeben ist, nicht aber in allen seinen Abschattungen gegliedert. Diese sind in Erinnerung und Erwartung nur als mögliche Wahrnehmung, die jetzt nicht vollzogen wird, so intendiert, dass sie gerade nicht originär gegeben, leibhaftig sind.

Die Vollkommenheit, die charakteristisch für die originäre Evidenz ist, ist damit keine Evidenz, die unmittelbar nicht gegeben ist, sondern als ein Telos, das zu erreichen ist. Eine telosfreie Evidenz ist für das Ideal einer absoluten Evidenz in der Idee der Wissenschaft nicht relevant.
Trotzdem muss festgehalten werden, dass die originäre Evidenz aller Evidenz letztlich fundierend zugrunde liegt. Sie ist in diesem Sinne absolute Evidenz.
Jedes Streben nach den Evidenzen, die das Telos Idee der Wissenschaft ausmachen, setzt sie als ihren Ausgangspunkt voraus, ist aber in diesem Ausgangspunkt nicht erfüllt.
Wie ist nun vollkommene Evidenz in der Richtung der vollständigen Begründung aller mittelbaren möglichen Urteil zu denken, d. h. in einer vollendeten positiven Wissenschaft. Sie müsste adäquat sein und adäquate Evidenz würde heißen: Das Gegenstandsgebiet einer Wissenschaft müsste in allen seinen Aspekten vollständig erschöpft sein.
Eine solche Evidenz muss wohl das Ziel jeder positiven Wissenschaft, es ist aber zweifelhaft, ob dieses Ziel jemals erreicht sein wird, da jede positive Wissenschaft fallibel ist.
Da nun originäre Evidenz in ihrem besonderen Sinne absolut ist, ist die Frage, ob adäquate Evidenz wenigstens partiell absolut sein kann, auf die Frage zurückgeworfen, ob sie originär gegeben sein kann und diese Frage ist zu verneinen.

Zunächst ist die originäre Evidenz zu befragen, die sich hinsichtlich der Realwissenschaften ergeben kann. Grundlegend ist die Evidenz der Wahrnehmungsgegenstände, die in Abschattungen gegeben sind. Abschattungen ergeben sich in Verweisungen, die auf Erwartungen verweisen, die in Erinnerungen oder im Retentionskontinuum fundiert sind.
Deshalb kann sich adäquate Evidenz nur auf Bedeutungszusammenhänge beziehen, die zwar auch einen originär gegebenen Kern haben, aber in ihrem Horizont andere intentionale Akte einschließen, die enttäuscht werden können und somit nicht originär gegeben sind.
Bereits für das Wahrnehmen gilt, dass Wahrnehmungen im vollen Sinne des Gegenstandswahrnehmens irren können. Nicht irren kann nur originäre Gegebenheit, originäre Evidenz.

Man könnte annehmen, dass adäquate Evidenz, die zugleich originäre Evidenz und damit in diesem Sinne absolut ist, doch wenigstens bei einigen einfachen idealen Gegenständen gegeben sein könnte. Das erweist sich bei näherem Hinsehen als unhaltbar.
Betrachtet man den einfachen Fall des Nichtwiderspruchsgesetzes, so zeigt sich, dass allein in den Diskussionen der verschiedenen Formen, die es auf der Ebene der Satzlogik, der Logik der Prädikation und auch in formallogischer Wendung hat, näherer Explikation bedarf und nicht in einer einfachen originären Evidenz auf einmal gegeben ist.
Manches bleibt auch zweifelhaft, etwa ob das Nichtwiderspruchsprinzip immer und überall mit dem tertium non datur verbunden ist.
Widerspruchsfreiheit in deduktiven Systemen garantiert nicht Entscheidbarkeit und damit tritt neben das p oder -p ein drittes, nämlich ein noch nicht bewiesenes oder gar das ‚bewiesen, dass nicht beweisbar‘.
Es hat in der Philosophie der Mathematik in den Auseinandersetzungen zwischen dem Hilbertschen Formalismus und verschiedenen Spielarten des Konstruktivismus oder Intuitionismus einen noch nicht aufgelösten Disput über das tertium non datur gegeben, der das genaue Verständnis des Nichtwiderspruchsprinzips betrifft.
Gleiches gilt in der Logik in dem Augenblick, wo man von der zweiwertigen Semantik zu einer mehrwertigen übergeht oder einer Semantik, die auch Modalbegriffe behandeln will.

Es gilt also, dass adäquate Evidenz auch hinsichtlich bestimmter Ausschnitte wissenschaftlichen Urteilens nicht im Sinne originärer Evidenz absolut sein kann. Evidenz wird nur in einem weiderholenden Durchlaufen aller Aspekte des Sachverhaltes und der Sachverhaltsmeinung gegeben sein, in der eben nur die Aspekte jeder für sich immer wieder zur originären Evidenz gebracht werden.
Hinzu tritt die bei wissenschaftlichen Urteilen inhärente Fallibilität, das Anerkennen immer möglicher Revidierbarkeit.
Adäquation bleibt damit auch für Ausschnitte wissenschaftlichen Urteilens, auch wenn berücksichtigt werden muss, dass sie nicht originär sein kann und auch für wiederholtes Durchlaufen, immer mit partieller Inadäquatheit behaftet.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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