Donnerstag, 1. September 2016

Husserl: Aktivität in der Passivität.

Husserl: Aktivität in der Passivität.


Der Ausdruck ‚Aktivität in der Passivität‘ ist so zu verstehen, dass die Ichaktivität ganz in der Sphäre der Passivität bleibt, die fundierende Voraussetzung dieser Aktivität ist und dass von eigentlicher intentionaler Aktivität noch nicht gesprochen werden kann, sofern hier ein eigentlicher transzendenter intentionaler Gegenstand noch nicht aufgefasst wird.
Das Bewusstsein wird durch Kontrastphänomene im hyletischen Feld geweckt und kann darauf eingehen, auf sie achten und ihren Inhalt thematisieren. Es ist aber auch wesensmöglich, dass es die Weckung nicht oder nur kurz beachtet oder nach einiger Zeit fallen lässt, um sich anderen zuzuwenden.
Das Thematisieren in Akten ist auf subjektiver Seite durch Aufmerksamkeit begleitet. In ihr liegt ein ‚telos‘ der untersten Stufe.
Ein Kontrastphänomen weckt Aufmerksamkeit und kann sie halten, wenn es sich um einen Protogegenstand handelt. Die Aufmerksamkeit bestimmt jetzt aktiv die Kinästhese und lebt in ihr.
Es laufen immer viele ungezählte Kinästhesen ab, wenn sie nicht thematisiert werden.
Das aktive Bewusstsein lebt in der Kinästhese, durch die sie geweckt wurde und die sie aufmerksam verfolgt.
Die intentional aktive Wahrnehmung hat Horizonte, in denen in weiterer Aktivität das aufgefasste Phänomen zur Auslegung kommt.
Dabei unterscheiden sich als Wesensmöglichkeiten mehrere Richtungen. Allen ist es gemeinsam, dass in ihnen als Aktivitäten temporal konstituierte Horizonte potentiellen Wahrnehmens liegen.
Sofern in ihnen ein gewisses Einheitsbewusstsein, das sich auf den Protogegenstand bezieht, gegeben ist, kann gesagt werden, dass sich der Gegenstand in Abschattungen für die Wahrnehmung zeigt.
Jeder Protogegenstand hat eine innere Mannigfaltigkeit strukturierter abstrakter Momente und Stücke in sich, die genauer betrachtet werden können.
Der einheitliche Protogegenstand wird von seinen in Abschattungen gegebenen Inhalten unterschieden und diese werden temporal sukzessiv für sich aufgefasst auf ihn bezogen.
Identifizieren bedeutet hier Näherbestimmung des Protogegenstandes.

Eine andere Dimension des Horizontes liegt im Außenhorizont des Gegenstandes reiner ursprünglicher aufmerkender Wahrnehmung als Aktivität, die Kinästehesen voraussetzt, in denen der Gegenstand bewegt wird, wodurch er in einer Reihe aufeinander folgender, auftauchender und absinkender Gehalte gegeben ist.
Als Beispiel dient das Drehen und Wenden des Protogegenstandes oder das Herumgehen. Auch sie werden auf den Protogegenstand bezogen, der damit auf erster Stufe zu einer Identität wird, in der er noch nicht als derselbe erkannt, sondern nur als derselbe vor seinem wechselnden Hintergrund festgehalten wird.
Im Außenhorizont kann sich die kontinuierliche ursprüngliche Wahrnehmung auch anderen sich abhebenden Protogegenständen zuwenden und thematisieren.
Damit tritt auf, was hochstufig als Relation zunächst als schlichte Protorelation des Zusammens, des oben und unten, des neben und zwischen, gegeben ist,
Dabei fasst diese Bewegung im Außenhorizont zugleich einen Innen- und Außenhorizont auf, nämlich den der Konfiguration einer Vielheit von Protogegenständen.
Die beschriebene Stufe reinen Wahrnehmens führt für sich noch nicht zu transzendenten Gegenständen.
Die Gegebenheit transzendenter Wahrnehmungsgegenstände setzt Aktinentionalität und nicht bloßes Aufmerken voraus. Aktintentionalität impliziert aktive Synthesis, die den Charakter einer syntaktischen Synthesis hat.

Die Erinnerung, auf die es jetzt ankommt, ist nicht die Thematisierung eines vergangenen Erlebens. Es handelt sich vielmehr um die gegenständliche Transzendenz im Sinne konstituierender gegenständlicher Erinnerung. Sie verortet also nichts in der Vergangenheit. Sie erinnert, dass diese bestimmte Farbe und Gestalt, die sich im Außenhorizont ursprünglich zeigt, dieselbe ist, die schon an anderen Gegenständen gegeben war.
Dieses Vorher ist jetzt ein Vorher am Gegenstand und somit gehört sie in unterster Stufe zu einer transzendenten Zeit transzendenter Gegenstände.
Mit der Gegenstandserinnerung dieser Stufe tritt Gegenwartserwartung ein.
Die besetzte Protention wird jetzt bewusst erwartend aufgefasst. Eine solche Erwartung kann auch enttäuscht werden.
Damit wird die passive Struktur, die vorgegeben ist, selbst bewusst und aktiv thematisiert und ist damit Bestandteil dieses Wahrnehmens, das Erinnerung und Erwartung impliziert.
Da aber neben dem Gegenstand auch ein bestimmter Gehalt erinnernd identifiziert wird, tritt hier die Doppelstrahligkeit des aufmerkenden Wahrnehmens auf, in der S und P im aktiven Wahrnehmungsurteilen als ‚S ist P‘ kategorial artikuliert wird.

Es ist das gegenständliche Erinnern, in dem der Gegenstand explizit auf einer höheren Stufe als transzendente Identität zur Auffassung gelangt. Gerät er aus dem Wahrnehmungsfeld der lebendigen Gegenwart, so kann er, wenn er wieder wahrgenommen wird, in seinen Aspekten und in der Konfiguration, in der er nun wiedergegeben ist, als derselbe, vorher gegebene, identifiziert werden.
Auch diese Identität ist noch nicht Identität im logischen Sinne, die viel hochstufiger und problematisch ist.
In der ursprünglichen Identifizierung von Gegenständen ist aufgefasste Identität nicht von bloßer Gleichheit und sogar Ähnlichkeit explizit unterschieden. Bewegt sich Erinnern und Erwarten durch die Vielheit einer Konfiguration, dann werden damit in der Kinästhese Beziehungen identifiziert. Damit wird eine relationale Struktur gegenständlich explizit aufgefasst.
Es muss zwischen dem reinen Wahrnehmen, das auf die Gegenwartsphase beschränkt ist und dem Wahrnehmen, das sich auf transzendente Gegenstände bezieht, unterschieden werden, da das eigentliche gegenständliche Wahrnehmen immer die in reinem Wahrnehmen einseitig fundierten aktiven Synthesen des Erinnerns und Erwartens impliziert.

Gegenstandserinnern und Gegenstandserwarten sind konstitutiv für die Leistungen aktiver Synthesis in den auf transzendente Gegenstände bezogenen Wahrnehmungsakte, die immer Bezug auf die Akte des Gegenstandserinnerns- und Erwartens implizieren.
Transzendente Wahrnehmungsgegenstände werden durch diese Akte als so bestimmte identifizierte Gegenstände und Eigenschaften gegeben.
In diesen Akten wird aber nicht die Transzendenz von Wahrnehmungsgegenständen konstituiert.
Gegenstandserinnern und die Erwartung setzten als solche die Transzendenz von Gegenständen voraus.
Eine andere Art von aktiver Synthesis, die sich ebenfalls auf transzendente Gegenstände bezieht, ist eine ursprüngliche, weil diese Transzendenz unmittelbar im Feld der lebendigen Gegenwart erscheint. Es ist die Vergegenwärtigung des gegenwärtig Abwesenden.
Eine solche Vergegenwärtigung bezieht sich auf die in vormals gegebenen Abschattungsreihen gegebene Gehalte. Sie beschränkt sich nicht auf die Erwartung, diese Gehalte am Gegenstand wieder antreffen zu können. Wesentlich ist für sie die Annahme, dass diese damals gegebenen Gehalte dem transzendenten Gegenstand auch jetzt, ohne originär in gegenwärtiger Wahrnehmung gegeben sind, zukommen.
Der einfachste Fall ist der der Rückseite eines Gegenstandes.
Komplexer sind Aspekte einer Konfiguration, die jetzt nicht gegeben sind, aber als transzendent gegenwärtig vorhanden sind.
Die in rein innerer Wahrnehmung der Eigenheitssphäre von gegebenen Protogegenständen sind genau das, wie sie in der Phase des lebendigen Jetzt gegeben sind.
Sie haben keine diese Gegebenheit transzendierenden Aspekte.
Es gilt generell, dass die Transzendenz von Wahrnehmungsgegenständen nicht durch eine Analyse der im Wahrnehmen von implizierten Akten geklärt werden kann.
Bislang wurde keine Struktur einer passiven Synthese aufgewiesen, durch die sich Transzendenz ergibt.

Die Annahme, dass die Rückseite eines Gegenstandes, obwohl sie für ein Bewusstsein im originären Jetzt nicht zugänglich ist, in demselben Jetzt, in dem das Bewusstsein einen anderen Aspekt betrachtet, vorhanden ist, impliziert, dass diese Rückseite im Jetzt für ein mögliches anderes Bewusstsein gegeben sein könnte.
Das Problem der Transzendenz von objektiven Gegenständen verweist somit implizit auf die Frage nach der Gegebenheit Anderer.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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