Sonntag, 28. August 2016

Husserl: Passive Synthesis. Die formalen Strukturen des inneren Zeitbewusstseins.

Husserl: Passive Synthesis.
Die formalen Strukturen des inneren Zeitbewusstseins.


Objektive Zeit oder Weltzeit ist die selbst transzendente Zeit transzendenter Gegenstände, die immer auch an der Bewegung transzendenter Gegenstände in einem transzendenten Raum fassbar werden.

Die Zeit des Bewusstseinserlebnisses ist zunächst wie ein Fluss, in dem Inhalte auftauchen, leibhaft als gegenwärtig erlebt werden und ständig abfließen.
Die Metapher ‚Fluss‘ darf nicht als ein transzendenter Gegenstand ‚Fluss‘ vorgestellt werden, der von außen als eine Bewegung vorgestellt wird und an mir vorbeifließt.
Wir stehen in unserem inneren immanenten Zeiterleben in der Quelle eines Flusses, in dem Inhalte auftauchen und abfließen und erleben uns selbst als diesen Urquellpunkt.

In der Erlebniszeit können drei Aspekte oder abstrakte Momente unterschieden werden, die alle in der Gegenwart erlebt werden.
Ein ursprüngliches Erwarten, das kein explizites Erwarten ist. Es ist ‚Offenheit der Zeitstruktur für neu auftretenden Gehalt‘.
Diese Offenheit ist keineswegs etwas, das man als eine Erwartungshaltung des Bewusstseins deuten darf.
Es ist ein Strukturmoment des immanenten Zeitbewusstseins und gehört zur Struktur der immanenten Zeit. Es ergeben sich immer wieder neu auftauchende Gehalte.
Husserl nennt diesen Zeitaspekt ‚Protention‘. Ein weiterer Aspekt ist das Erleben des ‚immerwährenden‘ Abfließens von Gehalten. Husserl spricht hier von ‚Retention‘.
Zwischen beiden steht das aktuale Jetzt, das zusammen mit der Protention der ‚Urquell‘ von Bewusstseinserlebnissen ist.

In dieser vorskizzierten Struktur treten alle Bewusstseinsinhalte auf. Es gilt, Phänomene zu finden, von denen die Zeitmomente als formale Struktur, die zur Gattung Extension gehört, abzuheben sind.
Es bieten sich Objekte an, die primär temporal bestimmt sind und deren immanenter Aspekt leicht abzuheben ist.
Solche Objekte sind auditiv gegebene Objekte, z. B. eine Melodie, eine Folge von Tönen. An dieser Folge sind die abstrakten Zeitmomente an den Tönen abzuheben und in ihrem eigenen Zusammenhang deskriptiv zu erfassen.
Dazu wählt man eine begrenzte Folge von Tönen, die voneinander durch qualitativen Kontrast abgehoben ist, und es deshalb erlauben, das temporale Kontinuum, das sich nur im Retentionsbereich ergibt, als ‚zerstückt‘ in Einheiten aufzufassen.
In einer Phase ist ein Ton im aktualen Jetzt als originär unmittelbar gegeben. Der protentionale Horizont ist offen für den folgenden Ton in einer nicht spezifizierten Erwartung. Im retentionalen Horizont steht der Ton, der gerade abgeflossen ist.
Nennen wir ihn c, den Ton im Jetzt b und den erwarteten Ton a.
Die Melodie als Inhalt fließt in dieser Struktur ab, indem b mit in den retentionalen Bereich absinkt, c aktual im Jetzt gehört wird und im protentionalen Horizont offen ein d erwartet wird. Das a sinkt dabei weiter ab. Es liegt in der retentionalen Phase eines selbst retentional abgesunkenen Tonerlebens.
Damit ergibt sich im Retentionsbereich ein Kontinuum des ‚von, von, von‘. Formal erstreckt sich dieses Kontinuum in indefinitum fort. Material aber ergibt sich in hm ein perspektivisches Phänomen.
Je weiter zurückgesunken eine Retention ist, desto schwächer wird ihr Einfluss ihres Inhaltes auf das gegenwärtige Erleben der Melodie, bis der Inhalt für das unmittelbare Wahrnehmen ganz verschwindet.
Man kann sich natürlich an abgeflossenen Phasen des Retentionskontinuums erinnern, die formale Struktur des Zeiterlebens in der lebendigen Gegenwart, der Präsenzzeit.
Unmittelbares Wahrnehmen ist noch kein gegenständliches Wahrnehmen. Die im unmittelbaren Wahrnehmen fundierten Akte des gegenständlichen Erinnerns und Erwartens sind notwendige Momente gegenständlichen Wahrnehmens.
Gegenständliches Erinnern und subjektiv auf die je eigene erlebte Vergangenheit gerichtetes Wahrnehmen muss unterschieden werden.
Das subjektive Erinnern, in dem die je eigene Vergangenheit zum Objekt wird, ist einseitig fundierend für die Konstitution des inneren Zeitbewusstseins auf der Stufe aktiver Synthesis.

Für das Erinnern eines vergangenen Erfahrungsablaufs, der immanenter Gegenstand ist, gilt, das hier ein ‚Strom im Strom‘ zur Gegebenheit kommt. Das Erinnern als intentionaler Akt hat als Bewusstseinsakt eine ihm eigene Gegenwartsphase, in der es geschieht. In diesem Akt wird eine retentional abgesunkene Phase zum intentionalen Gegenstand.
Die so vergegenständlichte vergangene Zeitphase immanenter Zeit hat die gleiche formale Struktur wie die Gegenwartsphase der erinnernden Akte. Etwas wird als vergangenes Jetzt erinnert.
Für den im gegenwärtigen Strom erinnerten vergangenen Strom gilt also, dass die Protention als bestimmt besetzte gegeben ist. Erst am reproduzierten, erinnerten vergangenen Kontinuum sind Dauer und Folge der immanenten Zeit gegenständlich fassbar. Was in der lebendigen Gegenwart des Wahrnehmens erlebt wird. ist nicht Dauer und Folge, sondern ein Abfließen.
Folge wir nur erlebt, indem in einer Erinnerung abgeflossenes Erleben die Protention in der Erinnerung als bereits determinierte und wiederholte aufgefasst werden.

In der expliziten Erwartung, in der eine zukünftige Erfahrung von einem Gegenstand vorverbildlicht wird, zeigt sich eine partiell analoge Struktur.
Auch hier kann von einem Strom im Strom die Rede sein.
Auch das Erwarten ist ein Erwarten in einer Gegenwartsphase, in dem ein Ablauf zukünftigen Erfahrens vergegenwärtigt wird.
Damit unterscheidet es sich als Bewusstseinsaktivität grundlegend von der Protention.
Die Protention ist kein explizites Erwarten, sie ist ein Aspekt in der passiven vorgegebenen Struktur der in der Gegenwartsphase erlebten Zeit.
Im Unterschied zum Erinnern bezieht sich das Erwarten nicht auf eine bereits vorgegebene Folge von Inhalten, etwa auf in die Vergangenheit abgeflossene Tonreihen.
Erwartung, so wird sich zeigen, ist eine umgestülpte Erinnerung. Sie projiziert erlebte Gehalte auf die vorverbildlichte Zukunft.

Die wesentlichen Charakteristika der formalen Grundstruktur des inneren Zeitbewusstseins lassen sich wie folgt zusammenfassend darstellen:
Zu unterscheiden ist zwischen dem ursprünglichen Zeiterleben in der lebendigen Gegenwart und dem Erleben von Vergangenheit im Erinnern und der Zukunft im Erwarten.
Charakteristisch für die Struktur der ursprünglich in der lebendigen Gegenwart erlebten Zeit ist, dass sie nicht zweiseitig linear ins Unendliche oder in ein zweiseitiges in indefinitum erstreckt ist.
Sie hat einen absoluten Anfangspunkt, der das aktuale Jetzt der Gegenwart ist.
Das aktuale Jetzt fließt nicht ab, es ist immer Jetzt, nunc stans, was in ihm abfließt, ist Gehalt.
Die immanente Zeitform selbst fließt nicht, sie steht, ist eine im aktualen Jetzt im Urquell stehende abstrakte Struktur, in der etwas abfließt.
Zeiterleben ist in dem Erleben des Abfließens von Gehalten fundiert. Darin unterscheidet sich die immanente Zeit von der transzendenten Zeit, deren Gegenwart als eine an einer vorgegebenen linearen Zeiterstreckung entlanglaufendes Etwas gedacht wird.
Von dem ursprünglichen Zeiterleben ist das Zeiterleben, das seine lebensgeschichtliche Vergangenheit und eine Zukunft hat, die in der aktiven Synthesis des Erinnerns und Erwartens gegeben ist, zu unterscheiden.
Ihr Inhalt transzendiert die lebendige Gegenwart, obwohl sie selbst in der lebendigen Gegenwart vollzogen wird. Die Sphäre der Immanenz hat erst durch Erinnerung eine erschlossene Transzendenz in der Immanenz, die durch die Erinnerung des abgeflossenen Retentionskontinuums vorgegeben ist.
Es fragt sich nun, was es heißt, vom Bewusstsein als einem Ganzen zu sprechen. Es ist nicht ein Ganzes in dem Sinne, dass uns der gesamte abgeflossene Gehalt jemals in lebendiger Gegenwart zugänglich ist.
Es stellt sich weiter die Frage, wie sich die Transzendenz in der Immanenz vom der Transzendenz der Gegenstände unterscheidet.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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