Samstag, 27. August 2016

Husserl: Die allgemeinsten Strukturen gegenstandsauffassenden Bewusstseins.

Husserl:
Die allgemeinsten Strukturen gegenstandsauffassenden Bewusstseins.


Genetische Phänomenologie wird nach der Vereinheitlichung des Bewusstseins für sich selbst in seiner temporal strukturierten Genese fragen.
Statische Phänomenologie analysiert Bewusstseinsstrukturen im Ausgang von Gegenstandstypen.
Das ‚Wie der Gegebenheit‘ von Gegenstandstypen wird durch die Analyse der intentionalen Akte, in denen sie gegeben sind, geklärt.
Eine Reihe solcher intentionalen Akte, in denen sie verbunden auf Gegenstände bezogen werden sind: Wahrnehmung, Erinnerung, Erwartung, Vergegenwärtigung des gegenwärtig Abwesenden, Fiktionen und Variationen, Urteilsakte, abstrahierende, generalisierende und formalisierende Abstraktion, kategoriale Anschauung und kategoriale Artikulation.
Diese Akte sind in ihrem Zusammenspiel zu analysieren, wenn die Sphäre, in der sie als immanente Gegenstände gegeben sind, untersucht wird.
Dazu ist zunächst das materiale a priori des reinen Bewusstseins zu analysieren.

Ein Ergebnis der Husserlschen eidetischen Ontologie war, dass jede Gegenstandsregion durch eine bestimmte Struktur von abstrakten Momenten ausgezeichnet ist, die ineinander so fundiert sind, dass sie die formalontologische Definition des konkret Ganzen erfüllen.
Es wird also nach den allgemeinsten Strukturen gefragt, die die Region ‚Bewusstsein‘ bestimmen.

Die allgemeinste abstrakte Struktur intentionaler Akte wird in den ‚Cartesianischen Meditationen‘ mit der Formel:
Ego – cogitatio - / - cogitatum
beschrieben.
Die cogitatio ist der intentionale Akt, der auf das cogitatum, den intentionalen Gegenstand, bezogen ist.
Das cogitatum ist, soweit es sich nicht um einen immanenten Gegenstand handelt, transzendent.
Die cogitatio und das ebo gehören zur Sphäre der Immanenz des Bewusstseins, zu der auch das hylische Feld gehört.

Husserl spricht in den ‚Ideen I‘ von:
Reines Ich – Noesis – hyletisches Feld - / - Noema – noematischer Gegenstand
und kennzeichnet die Grenze von Immanenz und Transzendenz.

In den ‚logischen Untersuchungen‘ hatte Husserl die Idee eines ‚reinen Ich‘ verworfen, um sie in den ‚Ideen I‘ im Sinne von Kant einzuführen und die Synthesis ‚beseelender‘ Noesen ebenso Kantisch als das zu betrachten, was schematisierte kategoriale Form als morphe in die Sinnlichkeit als hyle hineinbringt.
Das bedeutet, dass die hyle als solche formlos ist.
Wäre das der Fall, dann wäre Husserl Anhänger der Konstanzhypothese geworden, die die Erkenntnistheorie der frühen Empiristen bis Hume ebenso bestimmt, wie die Kantische ‚Mannigfaltigkeit der Sinnlichkeit‘.

Die Konstanzhypothese, der Ausdruck stammt von Aaron Gurwitsch, ist die Annahme, dass das hyletische Feld aus ununterschiedenen Daten besteht, die eine weiter nicht strukturierte Mannigfaltigkeit indizieren.

Die ‚Ideen I‘ machen eine solche Leseart möglich. Nimmt man sie an, dann hat Husserl eine Wende zum Kantianismus vollzogen, was allerdings auf Widerspruch stößt.
In den ‚Cartesianischen Meditationen‘ wird auch noch das ‚reine Ich‘ als ‚Ich-Pol‘ bezeichnet.
Doch ist das Kantische ‚reine Ich‘ reine Spontaneität, eine absolute Aktivität, der generell Rezeptivität und Passivität gegenübersteht.
Diese Aktivität ist zureichend als alleiniges Prinzip für die Analyse der Erfahrung und der Gegebenheit von Gegenständen in der Erfahrung.
Husserl spricht in den ‚Cartesianischen Meditationen‘ von passiver Synthesis und stellt ihr die aktive syntaktische Synthesis gegenüber.
Es ist diese aktive syntaktische Synthesis, in der zunächst der Gegenstand der Wahrnehmung als identischer, transzendenter, kategorial artikulierter Gegenstand zur Auffassung gelangt.
Kennzeichnend für assoziative Synthesis ist, dass sie an den Bindungen, die temporal-lokale Verbundenheit als Inhalte haben, verhaftet bleiben.

In aktiver Synthesis werden Inhalte, die in verschiedenen, voneinander getrennten Zeitphasen aufgefasst werden, auf denselben Gegenstand bezogen.
Es ist die aktive syntaktische Synthesis, die in der kategorialen Form zur Artikulation kommt und in der allein von einem Ich als Pol, von dem eine Aktivität ausgeht, die Rede sein kann.
In passiver Synthesis tritt das Ich zunächst nur als ein von den in passiver Synthesis vorgegebenen inhaltlichen Strukturen des hyletischen Feldes affiziertes auf.

Die Spätschriften bieten keine ausführlichen und expliziten Hinweise auf das Problem des Noemas.
Einigkeit besteht bei den Interpreten, dass der Text der ‚Ideen I‘ keine Möglichkeit der eindeutigen Interpretation auf textphilologischem Weg bietet. In ihr wird das Noema als ‚Transzendenz in der Immanenz‘ bezeichnet, was bei Husserl nicht der Fall ist.
Husserl gebraucht diesen Begriff nur mit Bezug auf die letztlich in passiver Synthese fundierten Strukturen, die einen Bezug auf Transzendenz allgemein ermöglichen.
Die an Frege anschließende Interpretation versteht unter Noema den intentionalen Sinn, der auf Gegenstände bezogen wird, wobei dieser Bezug der Fregeschen Bedeutung entsprechen soll.
Ein sachliches Problem ergibt sich daraus, dass der Begriff des Fregeschen Sinnes in der Husserlschen Phänomenologie sein Gegenstück im Begriff eidetischer und empirischer Allgemeinheit hat.
Diese Differenz wird bei Frege nicht fassbar.
Eine Gleichsetzung von ‚eidos‘ und ‚Noema‘ ist bei Husserl nicht angedeutet.
Das eidos ist ein intentionaler Gegenstand, das Noema ist ein Strukturmoment im Auffassen von Gegenständen.

Das zweite, allgemeinste abstrakte Strukturganze des Bewusstseinslebens ist die Struktur immanenter Bewusstseinszeitlichkeit. Die Struktur ist durch drei Momente bestimmt: eine Jetztphase, eine Erwartungsphase und ein Phasenkontinuum des Absinkens von Inhalten in die Vergangenheit.
Ein in bestimmten Akten zur Gegebenheit kommender Gegenstand zeigt sich in dieser temporalen Struktur in Abschattungen und verschiedenen Aspekten.
Nur in der Jetztphase kommt er in einem seiner Aspekte zur originären Gegebenheit. Der Gegenstand als Ganzer ist niemals als Ganzer, ‚von allen Seiten‘ originär zur Gegebenheit zu bringen. Er ist als Ganzer in aller Aktintentionalität nur in einer temporalen Horizontintentionalität gegeben, in der die noch nicht gegebenen Aspekte des Erwartungshorizontes und die im Vergangenheitshorizontes abgeflossenen Abschattungen in aktiver intentionaler Synthesis verbunden werden.
Die Erwartung, die sich in den Erwartungshorizont erstreckt, kann zunächst Erwartung von Aspekten des Gegenstandes sein, die durch den Noesentyp, in dem der Gegenstand gegenwärtig zur Gegebenheit kommt, zur Gegebenheit gebracht werden können, so z. B. in einem stetig fortgesetzten Wahrnehmen eines Gegenstandes.
Im temporalen Horizont der Gegebenheit eines Gegenstandes liegt auch die offene Möglichkeit des Übergangs zu anderen Noesentypen, so z. B. vom bloßen Wahrnehmen zum kategorial artikulierten Urteilen und von dort zu wahrnehmenden Noesentypen und zu kategorial artikulierten Wertebeurteilung.
Solche Einstellungswechsel in der Auffassung von Gegenstände sind nicht beliebig.

Wenn von der allgemeinsten Strukturtypik des Bewusstseins die Rede ist, darf in der Struktur ‚cogitatio – cogitatum‘, intentionaler Akt und intentionaler Gegenstand, eine wesentliche Differenz nicht übersehen werden.
Es ist die Differenz zwischen der den Bezug auf den transzendenten Gegenstand fundierenden originären Gegebenheit in der Jetztphase und dem, was durch die Horizontintentionalität vermittelt zur Gegenstandsauffassung gehört, d. h. am transzendenten Gegenstand mit aufgefasst wird.
Was in der Jetztphase originär gegeben ist, kann als noematischer Kern bezeichnet werden, der in der Terminologie der ‚Ideen I‘ auch als noematischer Gegenstandssinn genannt wird.
Demgegenüber wäre das Noema der gesamte durch Horizontintentionalität vermittelte Gehalt.
Von dieser systematischen Interpretation gilt, dass sie einerseits kompatibel mit der vom Wahrnehmungsgegenstand ausgehenden Interpretation des Noemas von Gurwitsch in Übereinstimmung zu bringen ist.
Andererseits kann auch gesagt werden, dass sich Noema überall dort, wo in einem Allgemeinheitsauffassen, das bereits in kategorialer Artikulation ein notwendiges Moment ist, eine Variation der Einbildungskraft und ein Herausschauen des Allgemeinen in der Kette der Variation im Spiele ist, eine gewisse Affinität zu dem hat, was Frege unter ‚Sinn‘ versteht.
Für eidetische Intuition, in der ideale Gegenstände ‚a priori‘ zur Auffassung gelangt, ist die Deckung vollständig.
Das gilt nicht für die sie einseitig fundierenden intentionalen Akte des Wahrnehmens und Wertnehmens im weitesten Sinne.

Die unterste Schicht in der statischen Analyse ist die der transzendenten Ästhetik im phänomenologischen Sinn, die in ihren Formen viel reichhaltiger ist als die Kantische. Die transzendentale Ästhetik ist der Bereich der passiven Synthesis.
Es gibt Analysen, die formal in dem Sinne sind, dass sie die bloße passiv vorgegebene Form des Bewusstseins, die als abstraktes Moment zur Gattung ‚Extension‘ gehört, untersuchen.
Das ist vor allem die Frage nach der Struktur des inneren Zeitbewusstseins.
Es gibt aber auch eine ‚materiale‘ Frage nach den Formen, die das hyletische Feld für sich hat.

Auf die passive stuft sich die aktive, nicht mehr assoziative Synthesis, die Husserl auch ‚syntaktisch‘ nennt und damit bereits andeutet, dass es sich hier um eine Gegenstandsauffassung in kategorialer Artikulation handelt, in der sich überhaupt erst Gegenstände im üblichen Sinne ergeben. Ihr unmittelbarer Gegenstand sind Bedeutungen, die über sich hinaus auf die Gegenstände intentional verweisen, die sie erfüllen.
Es werden hier nicht nur, wie Husserl sagt ‚doxisch-thetische‘ Akte, die sich auf Wahrnehmungsgegenstände beziehen, zu berücksichtigen sein, sondern auch andere Arten intentionaler Akte.
An diese phänomenologische Analytik schließt sich die phänomenologische Lehre von der Vernunft. Die Parallelität mit Kant, die sich bereits zeigte, ist hier mehr Gegensatz als Analogie.
Vernunft ist nach Husserl etwas, das in allen Akten, also auch in schlichten Akten des Wahrnehmens und Wertnehmens, etwa des Wertnehmens an einem ästhetisch schönen Gegenstand, innewohnt. Vernunft hat keinesfalls nur die Metaphysik als ihre Domäne.
Allen Akten wohnt ein Streben, eine Aktivität inne, in der jeder Akt strebt, seinen Gegenstand in allen seinen Aspekten zu erfassen.
Die Grade der Reichhaltigkeit und Gewissheit in der Gegebenheit von Gegenständen sind Grade der Evidenz.
Die Phänomenologie der Vernunft ist also unmittelbar eine Phänomenologie der Evidenz. Es ist die Phänomenologie der Vernunft, von der sich ein Weg zur transzendental-phänomenologischen Reduktion eröffnet.
Husserl nennt diesen Weg den ‚cartesischen‘, den man aber auch den epistemischen Weg, d. h. den Weg über das Problem des ‚wissenschaftlichen Wissens‘ nennen könnte.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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