Mittwoch, 31. August 2016

Husserl: Assoziation in passiver Synthesis.

Husserl: Assoziation in passiver Synthesis.


Auf der untersten Stufe der statischen Analyse behandelt Husserl die assoziative Synthesis, die er als passive Synthesis bezeichnet.
Passive Synthesis spielt nicht nur bei der unmittelbaren Wahrnehmung eine Rolle, die noch nicht Wahrnehmung eines Gegenstandes im üblichen Sinne ist, sondern ein Fühlen im weitesten Sinne.
Vom Standpunkt des Kantischen Synthesisbegriffes ist die passive Synthesis ein hölzernes Eisen. Für den Kantianer ist die Synthesis ursprünglich die Aktivität des Bewusstseins.
‚Synthesis‘ ist das griechische Wort für das lateinische ‚Konstitution‘ und für das deutsche Wort ‚Zusammensetzung‘.
Konstitution kann ein aktives Zusammensetzen meinen. So baut der Architekt ein Haus, indem er es aus verschiedenen Materialien ‚zusammensetzen‘ lässt.
Der Arzt spricht von der gesundheitlichen Konstitution eines Patienten, die er nicht aktiv hergestellt hat und an der er auch nur in Grenzen etwas ändern kann.
Eine solche Konstitution kann ‚passiv‘ genannt werden, um sie von der aktiven Zusammensetzung zu unterscheiden.
In diesem Sinne spricht Husserl von einer passiven Synthesis; dabei handelt es sich um Strukturen, die vorgegeben sind und in denen höherstufig alle Bewusstseinsaktivitäten fundiert sind, die diese Strukturen voraussetzen

Die Synthesis des Zeiterlebens ist eine solche passive Synthesis. Die temporale Struktur und ihre Einheit des ursprünglichen Zeiterlebens sind vorgegeben.
Es muss darauf hingewiesen werden, dass eine Bewusstseinsaktivität, die Zeit synthetisiert und ihr Einheit gibt, wie sie im Kantianismus gedacht wird und als die Spontaneität der Einheit der transzendentalen Apperzeption kein Gegenstand der Erfahrung ist, sondern eine hypothetisch vorausgesetzte Bedingung aller Erfahrung sein soll.
Vom Standpunkt der Phänomenologie ist eine hypothetische Konstruktion eine letzte Bedingung, die auch als Substruktion bezeichnet werden kann, d. h. als eine deskriptiv nicht fassbare, spekulativ unterstellte Bedingung.

Die passive Synthesis hat es auch mit koexistierenden Gehalten zu tun, die im hyletischen Feld lokalisiert sind.
Davon ausgehend gelangt man zur phänomenologischen Explikation des Assoziationsbegriffs.
Das hyletische Feld kennt Sukzession des Auftretens und Abfließens koexistenter Gehalte. Solche Gehalte treten für sich auf, wenn sie in der Ordnung der Koexistenz oder Sukzession voneinander abhebbar werden.
In diesem Abheben gibt es allgemeinste Strukturen. Grundlegend sind Kontrast- und Verschmelzungsphänomene, die sich vielfach ineinander verschachteln können und so vorgegebene in passiver Synthesis vereinigte Gestalten konstituieren.
Das prägnanteste Kontrastphänomen, das gradweise in Verschmelzung übergehen kann, ist die Struktur Vordergrund/Hintergrund.
Man kommt auf eidetisch erfasste allgemeine Strukturen dieser Art, wenn man z. B. ein bestimmtes Kontrastphänomen fixiert und verschiedene Gehalte durch es variiert, wie z. B. der Kontrast oder die Verschmelzung von verschiedenen Farben oder der Kontrast, der sich auf dem Hintergrund einer ablaufenden Melodie, die in sich bereits kontrastiert ist, durch einen plötzlichen Paukenschlag ergibt.
Dabei ist das Erfassen der eidetischen Strukturen von solchen Phänomenen passiv, im Gegensatz zum ursprünglichen Erleben von Kontrasten.
Sie sind so gegeben, dass sie die Gestaltqualitäten ursprünglich passiv vorgeben.
Um auf diese passive Vorgegebenheit zu kommen, kann man experimentell von der Betrachtung eines Filmes ausgehen, in dem es, wie in der sogenannten abstrakten Malerei, keine identifizierbaren Gegenstände gibt.
Ein abstraktes Kunstwerk ist nicht in einem logischen Sinne abstrakt, da sich weder ein empirischer, noch ein eidetischer allgemeiner oder formaler Begriff vom Gegenstand ergibt.
Es wird vom Gegenstandsauffassen abstrahiert, wobei nur kontrastierende und verschmelzende Gehalte übrigbleiben, die für sich eine ästhetische Wirkung haben. Abstrahiert wird damit von einem aktiven gegenständlichen Auffassen, das bereits zur aktiven Synthesis gehören würde.

Gehalte in Abhebung in Kontrast und in Verschmelzungsphänomenen, zu denen auch Reihungen und Mannigfaltigkeit gehören, so etwa weiße Punkte, die sich vor rotem Hintergrund abheben oder in einer temporalen Folge hier und dort aufblitzen, werden allgemein als Paarungen bezeichnet.
Paarung ist das Grundphänomen der passiven Struktur des hyletischen Feldes nach Sukzession und Koexistenz. Paarung ist das Grundphänomen der Assoziation im phänomenologischen Sinn.
Ursprünglich ist Assoziation etwas, das als vorgegeben unmittelbar in der Gegenwartsphase im hyletischen Feld erlebt wird.
Das gemeinsame Auftreten von Daten in Koexistenz und Sukzession bezeichnet Hume bereits als Assoziation.
Was fehlt ist die Analyse der eidetischen Strukturen, des ‚wie‘ der Koexistenz und Sukzession in Paarungen verschiedener Komplexionsstufe, die den Formenreichtum der Husserlschen transzendentalen Ästhetik ausmachen.

Bei der Assoziation handelt es sich um die inhaltliche Besetzung der Protention. Ein besonderes Paarungsphänomen bestimmt unser Wahrnehmungsfeld durch die Paarung eines inneren ‚Hier‘ mit einem äußeren ‚Dort‘. Das ‚Hier‘ ist kein Punkt, sondern das Innen unseres Leibkörpers, dem ein Außen gegenübersteht. Dieses Innen ist ein Feld, in dem das Wahrnehmen den Charakter eines Fühlens hat, das diffus ist, und eine Befindlichkeit ausmacht.
Zu dieser Befindlichkeit gehört zuerst das Fühlen von Strebungen und Bewegungen des Leibkörpers selbst, der Kinästhese.
In der Körperbewegung wird der eigene Leibkörper als ein sich bewegender und auch strebender Körper erlebt, wobei die Strebungen passiv als Triebe empfunden werden.
Auf der anderen Seite ist Kiästhese mit dem Erleben von Wahrnehmungsempfindungen in einem lokalisierten ‚dort‘ verbunden. Ästhesen sind passiv synthetisch immer mit Bewegungen des Leibkörpers verbunden, d. h. Ästhesen sind immer Kinästhesen.
Wir gehen um etwas herum und verfolgen mit den Augen eines sich durch bewegende Lichterscheinung. Auch auditive Erscheinungen werden kinästhetisch wahrgenommen, sofern man sich nach ihnen ausrichtet.
Auch ein Ausrichten auf eine Erscheinung, in der der Leibkörper sich nicht bewegt und dieses Nicht-Bewegen auch gefühlt wird, ist in diesem Sinne kinästhetisch.
Am prägnantesten ist der Zusammenhang von Kinästhesen und Tastempfindungen, in die der Leibkörper unmittelbar involviert ist.
Der Leibkörper empfindet insbesondere bei Tastempfindung für sich kein absolutes ‚Innen‘ gegenüber einem ‚Außen‘.
Im Betasten oder Sehen des eigenen Körpers, im Empfinden der Herzschläge, im Hören des eigenen Atmens und hervorgebrachter Laute ist der Leibkörper in einem Innen und Außen gegeben.
Presst man die Hände gegeneinander, so ist ein inneres Fühlen eines Druckes zu spüren, eines Widerstandes und zugleich das Wahrnehmen eines Außen der jeweils anderen Hand. Zudem kann man äußerlich die aufeinander gepressten Hände sehen Das Innen des Leibkörpers ist in das Außen verschränkt. Es kann sich nicht ganz in sich zurückziehen, obwohl in ihm eine Sphäre gegeben ist, die nur durch Körpergefühle empfunden und nicht auch zugleich von außen gegeben ist. Dies macht seine reine Innerlichkeit aus.
Die weitreichenden Konsequenzen liegen in der Frage nach dem intersubjektiven Charakter der Erfahrung transzendenter Gegenstände. Dabei ist zunächst festzuhalten, dass bei aller Anerkennung des Erlebens des Triebs und des Strebens in der Kinästhese dieses als Paarungsphänomens vom Trieb des Körpers einerseits und seines ‚hier‘ und ‚dort‘ der in Kinästhesen aufgefassten Gehalte eine passiv vorgegebene Struktur ist.

Unter Assoziation wird ein besonders, temporal strukturiertes Phänomen verstanden. In phänomenologischer Betrachtung handelt es sich um die Assoziationen, die die inhaltliche Besetzung von Protentionen durch Gehalte, die abgesunken im Retentionskontinuum liegen, bestimmt.
Die ursprünglich in der lebendigen Gegenwart erlebten Paarungen sinken in perspektivischem Undeutlichwerden in das Retentionskontinuum ab, ohne ihren Einfluss zu verlieren.
Das Bewusstsein wird nicht durch Daten affiziert, es wird zunächst durch Kontrastphänomene ‚geweckt‘, auf die es sich in verschiedenen Formen der Aktivität konzentrieren oder fallen lassen kann.
Während des Dösens werden wir durch ein sich vom Hintergrund scharf abhebenden Geräusch oder durch eine Lichterscheinung im Kontrast ‚geweckt und können uns dem Phänomen aufmerksam zuwenden oder gleich wieder in das Dösen zurückfallen.
Ob wir das tun oder nicht, hängt daran, wie das Phänomen mit anderen im Retentionskontinuum bereits gepaart ist.
Das bedeutet, dass das im ‚Jetzt‘ in der lebendigen Gegenwart abhebende Phänomen bereits mit anderen gepaart war.
Diese Paarungsbindung, die passiv vorkonstituiert ist, besetzt unsere Protention.
Ein Summen einer Melodie wird uns nicht beunruhigen, aber das Summen einer Wespe kann uns in erhebliche Aktivität versetzen.
Die Protention ist, wenn man schon einmal gestochen wurde, mit einer sehr unangenehmen Erfahrung besetzt.
Die Protention wird durch retentional abgesunkene Paarungen besetzt und das ist Assoziation im üblichen Sinne, die nicht Auslöser einer Aktivität sein muss.
Die Assoziation kann, aber muss nicht das Ich wecken. Assoziative Prozesse laufen immer ohne unser Zutun ab.
Die Protention, die zunächst als Offenheit für neuen Gehalt charakterisiert wurde, kann aus dem Retentionskontinuum inhaltlich besetzt sein. Diese Besetzung einer Protention ist ‚unbewusst‘.
Den Ausdruck ‚Unbewusstes‘ gebraucht Husserl in diesem Zusammenhang in den ‚Analysen zur passiven Synthesis‘.
Das ‚Ich‘ ist dabei nicht beteiligt. Die Besetzung geschieht, auch wenn das ‚Ich‘ beteiligt ist, als etwas, das im hyletischen Feld geschieht. Sie gehört zur passiven Synthesis. Es gilt weiter, dass sie zeitlos ist.
Wir mögen sekundär durch Erinnerung ausfindig machen, dass die Besetzung in irgendeinem vergangenen Erlebniszusammenhang als bereits erlebter Paarungszusammenhang aufgetreten war.
Das geschieht sekundär und setzt das Erinnern als Aktivität des ‚Ich‘ voraus. Die Besetzung selbst erfolgt ohne Bewusstsein eines Zeitabstandes, der für ihre Möglichkeit und Intensität keine Rolle spielt.
Das Retentionskontinuum, aus dem heraus sie wirkt, ist stets präsent, ohne als präsent bewusst zu sein. Das ‚Es‘, so Freud, ist zeitlos.
Das Unbewusste ist zeitlos. Wäre es zeitlich strukturiert, so wäre das Unbewusste bewusst, denn es bewusst zu machen, heißt, sich erinnern.
Das wäre die phänomenologische Deskription des Unbewussten, in dem keineswegs bestimme Gehalte des Unbewussten bewusstwerden müssen.
Es wird das Besetzen von Protetionen ohne unser Zutun beschrieben, deren Ursprung wir uns nur in Ausnahmefällen ‚bewusst‘ machen. Eine vollständige Erschließung des Unbewussten ist wesensunmöglich. Die genetische Betrachtung zeigt weiter, dass es Bereiche geben wird, die grundsätzlich der Bewusstwerdung entzogen sind.

Die Besetzung der Protention kann verschiedene Strukturen haben. Ausgehend von dem durchaus nicht normalen, aber einfachsten Fall, kann die besetzte Protention und der ihre Besetzung assoziativ determinierende gegenwärtig gegebenen Gehalt als ein ursprüngliches Antezendenz (der Gehalt im Jetzt) und ein ursprüngliches Konsequens (die besetzte Protention) aufgefasst werden. Sie hat konditionalen Charakter, allerdings nicht im logischen Sinne.
Es handelt sich um die passiv vorgegebene Konditionalstruktur der Erfahrung. Man könnte ein solches Konditional Protokonditional nennen.
Erfüllt sich die Erwartung, dann fließt ihr Gehalt ab in das Retentionskontinuum und steht in einer konjunktiven Vereinigung mit dem die Protention ursprünglich auslösenden Gehalt.
Es handelt sich um eine besondere Art der Konjunktion, die der logischen Ebene dem ‚und‘ entspricht.
‚Ich ging nach Hause und legte mich schlafen‘. Eine solche Konjunktion kann nicht korrekt mit dem ‚und‘ der formalen Logik wiedergegeben werden. Es hat sein passives Analogon in der Koexistenz verschiedener, durch Kontrast voneinander abgehobener Gehalte im Jetzt.

Die andere Struktur wäre, dass eine besetzte Protention nicht erfüllt, sondern enttäuscht wird.
Eine solche Enttäuschung braucht seitens des Fühlens nicht als unangenehm empfunden werden. Es gibt auch Protentionen, die ein unangenehmes Gefühl enthalten.
Die Enttäuschung einer besetzten Protention ist eine, die für das ‚ich‘ gänzlich unerwartet kommt.

Das Erlebnis einer Protention sinkt ab ins Retentionskontinuum und kann seinerseits Protentionen besetzen, die jetzt aber protodisjunktiv gespalten ist. Auf Seiten des Gefühls ist sie von Unsicherheit begleitet, die in verunsichertem kinästhetischen Streben gefühlt wird.
Es ergibt sich zugleich eine Art von ‚Protomöglichkeit‘. Die Protention ist doppelt, ja mehrfach besetzt.
Darin liegt die bestimmte Möglichkeit, da sie eine Anzahl von Möglichkeiten in sich einschließt. Sie muss von der offenen Protomöglichkeit unterschieden werden, die sich in einem unbesetzten Protentionshorizont passiv vorkonstituiert.
Ein Protogegenstand ist eine sich von einem Hintergrund, der wechseln kann, durch Kontrast abhebende konkrete Struktur von Gehalten. Ebenso können auch Protovielheiten gegeben sein, wenn sich mehrere solcher Protogegenstände von einem Hintergrund abheben.
Protgegenstände sind keine eigentlich transzendenten Gegenstände, weil wie weder feste umrissene Identität haben, noch als Gegenstände von Eigenschaften aufgefasst werden.

Eine Frage, die die Kantische Tradition bewegt, ist nach Husserl phänomenologisch als ‚sinnwidrig‘ einzustufen. Es ist die Frage nach der transzendenten Deduktion der Kategorien, die Frage also, warum Kategorien für Gegenstände unserer Erfahrung objektive Gültigkeit haben.
In kategorialer Artikulation werden diese Formen durch urteilende Akte aktiv im Gegenstand zur Abhebung und Auffassung gebracht.
Eine Reflexion auf diese Formen in formalisierender Abstraktion fasst die rein logische kategoriale Form für sich explizit auf. Diese Formen gelten objektiv, weil sie sich genetisch aus der kategorialen Artikulation der in der Passivität vorgegebenen Formen assoziativer Strukturen entwickelt haben.
Sie sin damit in der Erfahrung im phänomenologischen Sinne angelegt. Es ist kein geheimnisvoller Akt eines transzendentalen Ich notwendig, der sich in einem geheimnisvollen transzendentalen Schematismus schematisiert und zu Formen der Verbildlichung macht. Das Ich und seine intentionalen Akte hat nur die Funktion, diese Formen zu artikulieren. Sie sind da, bevor die Verstandestätigkeit der kategorialen Artikulation einsetzt.

Die Gegebenheit anderer Leibkörper gehört zu der uns eigenen Erlebnisschicht der Animalität. Die Analyse der Gegebenheit fremder Leibkörper und anderer wird eine abstrakte Reduktion auf die Eigenheitssphäre voraussetzen, d. h. ein Ausblenden von allem, was im Bewusstsein von transzendenten Gegenständen durch die Gegebenheit des Anderen einseitig fundiert ist.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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