Samstag, 30. Juli 2016

Kant. Das Ideal der reinen Vernunft und der ontologische Gottesbeweis.

Kant. Das Ideal der reinen Vernunft und der ontologische Gottesbeweis.


Für diesen ‚dialektischen Trugschluss‘ genügt es nicht, das Ideal der reinen Vernunft zugrunde zu legen.
Kant versucht das ontologische Argument in einem Trugschluss zu zeigen, dass das allerrealste Wesen existiert, da die Existenz in diesem Begriff als Merkmal eingeschlossen ist und in einem notwendigen analytischen Urteil als notwendig existierendes Wesen erschlossen werden kann.
Als noumenale Interpretation ist die zunächst als bloße leere Möglichkeit akzeptierte Idee des notwendigen Wesens hinzuzuziehen.
Weitere Probleme ergeben sich durch die fehlende Theorie modallogischer Schlüsse.

Das Ideal der reinen Vernunft war eine Konstruktion aus reiner Vernunft. Die Vernunft hat das Bedürfnis ein oder mehrere absolut notwendige Wesen zu denken, den alles, was in der Erfahrung existiert, existiert zufällig und notwendig in relativer Notwendigkeit, die letztlich immer zufällig ist.
Daher sucht die Vernunft nach dem Begriff eines Wesens, das den Vorzug der notwendigen Existenz ‚verdient‘. Hierfür bietet sich ein Konstrukt der Vernunft an: das ens realissimum, das zumindest dem des notwendigen Wesens nicht widerspricht.
Auf der anderen Seite kann kein empirischer Gegenstand angegeben werden, dessen Begriff dem des notwendigen Wesens nicht widerspricht.
Obwohl der Begriff, nach dem das ens realissimum als ens necessarium gedacht wird, widerspruchsfrei und damit logisch möglich ist, besagt aber nicht, dass aus dem Begriff des ens realissimum gefolgert werden kann, dass es existiert und notwendig existiert.
Nach Kant führt der Umkehrschluss in die Irre, da es durchaus mehrere notwendige Wesen geben kann, wie etwa den Nous, die Form, die prima materia (nach Averroes in einer ewigen Welt). Selbst wenn man das ens necessarium außerhalb der Welt ansetzt, kann es mehrere geben.
Für die Konstruktion der zugehörigen Vernunftidee gilt, dass das Bedingte der Prosyllogismen immer ein relativ Notwendiges ist durch ein Bedingungsbündel als eine zu erfüllende Bedingung.
Der Regress wird mehrdimensional. Das kosmologische Argument geht von dem Satz aus: ‚Ein jedes schlechthin notwendige Wesen ist zugleich das allerrealste Wesen‘. Per accides umgekehrt gilt: ‚Einige allerrealste Wesen sind absolut notwendige Wesen‘. Daher gilt: ‚Jedes allerrealste Wesen ist ein notwendiges Wesen‘.
Da die Begriffe allerrealster Wesen gleich sind, sind sie als begriffliche Entitäten identisch.
Das zugrundeliegende Argument ist das ontologische Beweis, den Kant als cartesischen Beweis bezeichnet.
Kant bezieht sich in seiner Kritik des Wissenschaftsanspruches der Metaphysik auf die Metaphysik der Neuzeit, die sich a fortiori unter den Methodenprimat mathematischer Beweise gestellt hat.
Ebenso das kosmologische Argument: Kant beginnt nicht mit der Existenz des Kosmos, sondern analog zur dritten Meditation des Descartes mit der Existenz des Ich. (B 623 f)

Die Argumentation von Descartes zeigt in klassischer Weise das Methodenideal der Metaphysik der Neuzeit.
‚Zweifellos finde ich seine (Gottes) Idee, d. h. die des höchst vollkommenen Wesens ebenso bei mir vor, wie die Idee einer beliebigen Figur oder Zahl. Auch sehe ich genauso klar und deutlich ein, dass es zu seiner Natur gehört, immer aktuell zu existieren, wie ich einsehe, dass, was ich von irgendeiner Figur oder Zahl beweise, auch zur Natur dieser Figur oder Zahl gehört….so müsste doch das Dasein Gottes ei mir zum mindesten in demselben Grade der Gewissheit sehen, in welchem bisher die mathematischen Wahrheiten gestanden haben‘.
(Fünfte Meditation, Adam/Tannery VII, 79 f)

Nach Kant wird die Existenz Gottes in einem den Begriff des ens realissimum nach seiner Konstruktion notwendig anzusiedelnden Prädikat zergliedernden analytischen Urteils erschlossen, so dass dem ens realissimum nicht nur Existenz, sondern notwendige Existenz zukommt.
Es ist ein ens necessarium und da es als ens realissimum ein Unikat sein muss, gibt es auch nur ein solches ens necessarium – und das ist das ens realissimum.

Kant will zeigen, dass es sich hier um einen dialektischen Schluss handelt und dass Sein kein reales Prädikat ist.
Die Konstruktion der Vernunftidee des ens realissimum bezieht sich aber auf reale Prädikate.
Kant sagt nicht, dass Sein, Existenz ein Prädikat ist, die grammatische Funktion des Prädikats haben kann.
Ein solches Prädikat erweitert aber nicht die Aussage des Begriffes, dass es existiert, so dass es im Sinne Kants kein reales Prädikat ist, da reale Prädikate einen Begriff erweitern oder als in ihm enthalten, durch ein analytisches Urteil herausgehoben werden.
Ein solches Verfahren ist nur an den Satz vom Nichtwiderspruch für Begriffe gebunden, der das Prinzip des analytischen Urteilens ist und zugleich den Rahmen Dieser Bereich hat aber mit dem kantisch real Möglichen, das sich in den Grundsätzen aus den Bedingungen der Möglichkeit von Gegenständen der Erfahrung ergibt, nichts zu tun.
Sein oder Existenz als Prädikate gebraucht, erweitern nicht den Begriff, sondern sagen nur, dass dem Begriff der Anschauung ein Objekt korrespondiert, das er referiert, da sie nur das Verhältnis des Erkenntnisvermögens zum Objekt bestimmten.
Die Rechtsquelle aller empirischen Begriffe ist empirische Anschauung und Erfahrung; für alle Begriffe a priori, sofern sie auf Gegenstände der Erfahrung bezogen werden, ist die Rechtsquelle die transzendentale Deduktion.
Vernunftideen sind reine Begriffe, die keinen Erfahrungsgegenstand betreffen, da alle möglichen Erfahrungen durch sie überschritten werden und damit auch nicht durch den Möglichkeits- Wirklichkeits- und Notwendigkeitsbegriff der Grundsätze interpretierbar sind.

Durch das ‚cogito‘ ist seine Existenz gegeben. Er wollte dem Ich das zusprechen, was der Vernunftidee des absoluten Subjekts, das nicht mehr Prädikat sein kann, in seiner Verbindung mit dem rein noumenal gedachten Substanzbegriff zukommt.
Die Existenz der Welt als unmittelbar in der Anschauung gegebener Welt konnte fraglos hingenommen werden.
In den Antinomien wird fälschlich angenommen, dass in Raum, Zeit im Kausalnexus und in der Kette relativer Notwendigkeit in der Welt die selbst unbedingte Totalität der Bedingungen anzutreffen sei.
Die zum ens realissimum führende Konstruktion hat keinen Ansatzpunkt in Etwas, dem Existenz zugesprochen werden kann.
Mit der daraus folgenden These ‚Sein ist kein reales Prädikat‘, folgt, dass unter dieser Voraussetzung das ontologische Argument ein erschlichenes dialektisches Argument ist, weil es in den Inbegriff aller realen Prädikate die Existenzbehauptung mit eingeschmuggelt hat.
Zieht man diese Voraussetzung in Zweifel, wird die Kantische These und damit seine Widerlegung des ontologischen Arguments genauso problematisch wie dieses Argument selbst, das man auch von anderen Gesichtspunkten positiv oder negativ erörtern kann.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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