Mittwoch, 20. Juli 2016

Kant. Analyse der dialektischen Schlüsse der reinen Vernunft.

Kant. Analyse der dialektischen Schlüsse der reinen Vernunft.


Ein widerspruchsfreier oder problematischer Begriff ist ein Objekt, das einer transzendentalen Idee korrespondiert.
‚Nun beruht die transzendentale (subjektive) Realität der reinen Vernunftbegriffe darauf, dass wir durch einen notwendigen Vernunftschluss auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es Vernunftschlüsse geben, die keine empirischen Prämissen enthalten und vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas Anderes schließen, wodurch wir doch keinen Begriff haben, und dem wir gleichwohl durch einen unvermeidlichen Schein objektive Realität haben. Dergleichen Schlüsse sind also eher vernünftelnde als Vernunftschlüsse zu nennen: wiewohl sie ihrer Veranlassung wegen wohl den letzteren Namen führen können, weil sie nicht erdichtet oder zufällig entstanden, sondern aus der Natur der Vernunft entsprungen sind, Es sind nicht Sophistikationen der Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst‘. (B 397)

Kant sagt wohl, dass hier keine empirischen Prämissen gegeben sind, aber auch, dass wir das, wovon wir keinen Begriff haben ‚vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen‘ erschließen.
Das Vermittelnde ist bekannt und ein Gegenstand der Erfahrung im allgemeinen Schluss, der prinzipiell der Vernunft zugrunde liegt. Es gilt, dass ein in der Erfahrung gegebenes Bedingtes im Untersatz des Schlusses vorausgesetzt wird, um die Gegebenheit der Totalität der Bedingungen zu erschließen.
Damit kommt die nicht empirische Prämisse nur als Obersatz infrage.
Zu der Klassifizierung der einleitenden Abschnitte:
‚Diese dialektischen Vernunftschlüsse gibt es also nur dreierlei Arten, so vielfach als die Ideen sind, auf die ihre Schlusssätze hinauslaufen. In dem Vernunftschluss der ersten Klasse schließe ich vom transzendentalen Begriff des Subjekts, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die absolute Einheit dieses Subjektes selber, von welcher ich auf diese Weise gar keinen Begriff habe. Diesen dialektischen Schluss werde ich den transzendentalen Paralogismus nennen. Die zweite Klasse der vernünftelnden Schlüsse ist auf den transzendentalen Begriff der absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen zu einer gegebenen Erscheinung überhaupt angelegt; und ich schließe daraus, dass ich von der unbedingten synthetischen Einheit der Reihe auf einer Seite jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff habe, auf die Richtigkeit der entgegenstehenden Einheit, wovon ich gleichwohl auch keinen Begriff habe. Den Zustand der Vernunft bei diesen dialektischen Schlüssen werde ich den der reinen Vernunft nennen. Endlich schließe ich nach der dritten Art vernünftelnder Schlüsse von der Totalität der Bedingungen, Gegenstände überhaupt, sofern sie mir gegeben werden können, zu denken, auf die absolute synthetische Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit von Dingen überhaupt, d. i. von Dingen, die nach ihrem bloßen transzendentalen Begriff noch weniger kenne, und von dessen unbedingter Notwendigkeit ich mir keinen Begriff machen kann. Diesen dialektischen Vernunftschluss werde ich das Ideal der reinen Vernunft nennen‘. (B 397 f)

Für den Inhalt der Obersätze der dialektischen Schlüsse der reinen Vernunft sind die durch das Prinzip der Vernunft mit Hilfe der sich aus verschiedenen allgemeinen Schlussformen aus Kettenschlüsse a parte priori ergebenden Arten der unbedingten Totalität grundlegend.
Die Untersätze nehmen auf kein in der Erfahrung gegebenes Bedingtes Bezug wie der Schluss, der auf das Prinzip der Vernunft führt, sondern auf etwas, das als Gegenstand überhaupt verstanden werden kann und damit erfahrungstranszendent ist.
Paralogismen, also Fehlschlüsse, können mit einer quanternio terminorum kategorische Schlüsse sein, da sie die gleiche Schlussform wie der Schluss benutzen, der die Gegebenheit eines absoluten Subjektes, das nicht mehr Prädikat sein kann, erschließt.
Bei den dialektischen Schlüssen, die sich auf das Ideal der reinen Vernunft beziehen, kann ein Schluss von der Möglichkeit eines ‚Wesens aller Wesen‘ auf die unbedingte Notwendigkeit seiner Existenz nicht durch die disjunktive Schlussform selbst erschlossen werden.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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