Samstag, 30. Juli 2016

Kant. Das Ideal der reinen Vernunft und der ontologische Gottesbeweis.

Kant. Das Ideal der reinen Vernunft und der ontologische Gottesbeweis.


Für diesen ‚dialektischen Trugschluss‘ genügt es nicht, das Ideal der reinen Vernunft zugrunde zu legen.
Kant versucht das ontologische Argument in einem Trugschluss zu zeigen, dass das allerrealste Wesen existiert, da die Existenz in diesem Begriff als Merkmal eingeschlossen ist und in einem notwendigen analytischen Urteil als notwendig existierendes Wesen erschlossen werden kann.
Als noumenale Interpretation ist die zunächst als bloße leere Möglichkeit akzeptierte Idee des notwendigen Wesens hinzuzuziehen.
Weitere Probleme ergeben sich durch die fehlende Theorie modallogischer Schlüsse.

Das Ideal der reinen Vernunft war eine Konstruktion aus reiner Vernunft. Die Vernunft hat das Bedürfnis ein oder mehrere absolut notwendige Wesen zu denken, den alles, was in der Erfahrung existiert, existiert zufällig und notwendig in relativer Notwendigkeit, die letztlich immer zufällig ist.
Daher sucht die Vernunft nach dem Begriff eines Wesens, das den Vorzug der notwendigen Existenz ‚verdient‘. Hierfür bietet sich ein Konstrukt der Vernunft an: das ens realissimum, das zumindest dem des notwendigen Wesens nicht widerspricht.
Auf der anderen Seite kann kein empirischer Gegenstand angegeben werden, dessen Begriff dem des notwendigen Wesens nicht widerspricht.
Obwohl der Begriff, nach dem das ens realissimum als ens necessarium gedacht wird, widerspruchsfrei und damit logisch möglich ist, besagt aber nicht, dass aus dem Begriff des ens realissimum gefolgert werden kann, dass es existiert und notwendig existiert.
Nach Kant führt der Umkehrschluss in die Irre, da es durchaus mehrere notwendige Wesen geben kann, wie etwa den Nous, die Form, die prima materia (nach Averroes in einer ewigen Welt). Selbst wenn man das ens necessarium außerhalb der Welt ansetzt, kann es mehrere geben.
Für die Konstruktion der zugehörigen Vernunftidee gilt, dass das Bedingte der Prosyllogismen immer ein relativ Notwendiges ist durch ein Bedingungsbündel als eine zu erfüllende Bedingung.
Der Regress wird mehrdimensional. Das kosmologische Argument geht von dem Satz aus: ‚Ein jedes schlechthin notwendige Wesen ist zugleich das allerrealste Wesen‘. Per accides umgekehrt gilt: ‚Einige allerrealste Wesen sind absolut notwendige Wesen‘. Daher gilt: ‚Jedes allerrealste Wesen ist ein notwendiges Wesen‘.
Da die Begriffe allerrealster Wesen gleich sind, sind sie als begriffliche Entitäten identisch.
Das zugrundeliegende Argument ist das ontologische Beweis, den Kant als cartesischen Beweis bezeichnet.
Kant bezieht sich in seiner Kritik des Wissenschaftsanspruches der Metaphysik auf die Metaphysik der Neuzeit, die sich a fortiori unter den Methodenprimat mathematischer Beweise gestellt hat.
Ebenso das kosmologische Argument: Kant beginnt nicht mit der Existenz des Kosmos, sondern analog zur dritten Meditation des Descartes mit der Existenz des Ich. (B 623 f)

Die Argumentation von Descartes zeigt in klassischer Weise das Methodenideal der Metaphysik der Neuzeit.
‚Zweifellos finde ich seine (Gottes) Idee, d. h. die des höchst vollkommenen Wesens ebenso bei mir vor, wie die Idee einer beliebigen Figur oder Zahl. Auch sehe ich genauso klar und deutlich ein, dass es zu seiner Natur gehört, immer aktuell zu existieren, wie ich einsehe, dass, was ich von irgendeiner Figur oder Zahl beweise, auch zur Natur dieser Figur oder Zahl gehört….so müsste doch das Dasein Gottes ei mir zum mindesten in demselben Grade der Gewissheit sehen, in welchem bisher die mathematischen Wahrheiten gestanden haben‘.
(Fünfte Meditation, Adam/Tannery VII, 79 f)

Nach Kant wird die Existenz Gottes in einem den Begriff des ens realissimum nach seiner Konstruktion notwendig anzusiedelnden Prädikat zergliedernden analytischen Urteils erschlossen, so dass dem ens realissimum nicht nur Existenz, sondern notwendige Existenz zukommt.
Es ist ein ens necessarium und da es als ens realissimum ein Unikat sein muss, gibt es auch nur ein solches ens necessarium – und das ist das ens realissimum.

Kant will zeigen, dass es sich hier um einen dialektischen Schluss handelt und dass Sein kein reales Prädikat ist.
Die Konstruktion der Vernunftidee des ens realissimum bezieht sich aber auf reale Prädikate.
Kant sagt nicht, dass Sein, Existenz ein Prädikat ist, die grammatische Funktion des Prädikats haben kann.
Ein solches Prädikat erweitert aber nicht die Aussage des Begriffes, dass es existiert, so dass es im Sinne Kants kein reales Prädikat ist, da reale Prädikate einen Begriff erweitern oder als in ihm enthalten, durch ein analytisches Urteil herausgehoben werden.
Ein solches Verfahren ist nur an den Satz vom Nichtwiderspruch für Begriffe gebunden, der das Prinzip des analytischen Urteilens ist und zugleich den Rahmen Dieser Bereich hat aber mit dem kantisch real Möglichen, das sich in den Grundsätzen aus den Bedingungen der Möglichkeit von Gegenständen der Erfahrung ergibt, nichts zu tun.
Sein oder Existenz als Prädikate gebraucht, erweitern nicht den Begriff, sondern sagen nur, dass dem Begriff der Anschauung ein Objekt korrespondiert, das er referiert, da sie nur das Verhältnis des Erkenntnisvermögens zum Objekt bestimmten.
Die Rechtsquelle aller empirischen Begriffe ist empirische Anschauung und Erfahrung; für alle Begriffe a priori, sofern sie auf Gegenstände der Erfahrung bezogen werden, ist die Rechtsquelle die transzendentale Deduktion.
Vernunftideen sind reine Begriffe, die keinen Erfahrungsgegenstand betreffen, da alle möglichen Erfahrungen durch sie überschritten werden und damit auch nicht durch den Möglichkeits- Wirklichkeits- und Notwendigkeitsbegriff der Grundsätze interpretierbar sind.

Durch das ‚cogito‘ ist seine Existenz gegeben. Er wollte dem Ich das zusprechen, was der Vernunftidee des absoluten Subjekts, das nicht mehr Prädikat sein kann, in seiner Verbindung mit dem rein noumenal gedachten Substanzbegriff zukommt.
Die Existenz der Welt als unmittelbar in der Anschauung gegebener Welt konnte fraglos hingenommen werden.
In den Antinomien wird fälschlich angenommen, dass in Raum, Zeit im Kausalnexus und in der Kette relativer Notwendigkeit in der Welt die selbst unbedingte Totalität der Bedingungen anzutreffen sei.
Die zum ens realissimum führende Konstruktion hat keinen Ansatzpunkt in Etwas, dem Existenz zugesprochen werden kann.
Mit der daraus folgenden These ‚Sein ist kein reales Prädikat‘, folgt, dass unter dieser Voraussetzung das ontologische Argument ein erschlichenes dialektisches Argument ist, weil es in den Inbegriff aller realen Prädikate die Existenzbehauptung mit eingeschmuggelt hat.
Zieht man diese Voraussetzung in Zweifel, wird die Kantische These und damit seine Widerlegung des ontologischen Arguments genauso problematisch wie dieses Argument selbst, das man auch von anderen Gesichtspunkten positiv oder negativ erörtern kann.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

Mittwoch, 27. Juli 2016

Kant. Die logische Struktur der Antinomien.

Kant. Die logische Struktur der Antinomien.


Die transzendentale Methodenlehre gibt eine allgemeine Charakterisierung über die Antinomie.
Danach ist zwischen direkten und apagogischen Beweisen zu unterscheiden. Der modus tollens der Vernunftschlüsse: wenn eine Folge einer Erkenntnis falsch ist, dann ist die Erkenntnis falsch. Es handelt sich um einen direkten Schluss.
Die apagogische Beweisart, die Kant auch den indirekten Beweis nennt, wird durch die Widerlegung des Gegenteils einer Erkenntnis diese Erkenntnis bewiesen und wird in der Mathematik verwendet.
Kant verweist, dass durch die schlichte Analyse der mathematischen Schlüsse mit den Mitteln der Ableitungsregeln natürlicher Deduktion analysiert werden kann.

Hat man Axiome und/oder bereits bewiesene Theoreme A1 bis An als Prämissen, auch als P1 – Pn bezeichnet, und ist die Frage, ob ein Satz T ein Theorem des Systems sei, so nehme man in einer untergeordneten Annahme - T an.
Lässt sich dann aus P1 bis Pn und - T ein Satz - C ableiten, so folgt nach der Ableitungsregel der Negationseinführung - - T, und damit durch Doppelnegation T. Es lässt sich aber auch, und das ist entscheidend für die logische Struktur der Kantischen Antinomieschlüsse der Vernunft, aus der Annahme eines T und der Ableitung eines Widerspruchs C, - C auf – T schließen.

Die zu den Prämissen hinzugenommene Annahme von T und die Ableitung eines Widerspruchs aus den Prämissen und T liegt dem Kantischen Begriff der Antinomie zugrunde.
Um eine Antinomie zu erhalten, müssen die sich widersprechende Thesen der cosmologia rationalis als übergeordnete Prämissen hinzugefügt werden:

Die Welt hat eine Grenze im Raum.                               Sie ist im Raum unendlich.

Die Welt hat einen Anfang in der Zeit.                            Sie ist ohne Anfang in der Zeit.

Bei jedem Satzpaar liegt das Prinzip der Vernunft zugrunde, so dass die Gegebenheit der Reihe der Raum und Zeitbedingungen als ein Unbedingtes, als eine absolute Totalität, gegeben sein muss.
Geht man von der rechen Form des indirekten Beweises aus und wählt als zusätzliche Prämisse den Satz ‚A + B‘, ausschließend ‚A oder B‘, dann ergibt sich, wenn A für T eingesetzt wird. – A und mit disjunktivem Syllogismus dann B.
Umgekehrt ergibt sich aus der Einsetzung von B für T ebenso – B und mit disjunktivem Syllogismus A.
Kant sagt in der transzendentalen Methodenlehre, dass sich ein solches Resultat ergeben muss, wenn ein Widerspruch bereits in den Prämissen P1 bis Pn gegeben ist.
So ergibt sich nicht, dass die Annahme T den Prämissen widerspricht, sondern er wird unabhängig von T allein aus den Prämissen ableitbar.
Enthalten Prämissen widersprüchliche Begriffe, so ergeben sich aus ihm zwei sich widersprechende Urteile oder Sätze in der Menge der Prämissen.
Enthalten Prämissen aber einen Widerspruch, folgt aus ihnen jeder beliebige Satz.
Wenn ein Bedingtes gegeben ist, dann ist die Totalität der Bedingungen, das Unbedingte gegeben.
Hier ist das Bedingte etwas, das im Raum bzw. in der Zeit als Anschauungsform gegeben ist.
Da es sich um Formen der Anschauung handelt, kann das Unbedingte weder als ein Unendliches, noch als abgeschlossenes Ganzes in der Anschauung gegeben sein.
Die Gegebenheit der Bedingung widerspricht also den Anforderungen, die in der Gegebenheit des zugeordneten Unbedingten gefordert sind, weil es ein Gegebenes in der Anschauungsform ist.

These und Antithese der dritten Antinomie:

Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die Einzige. Es ist noch eine Kausalität aus Freiheit möglich.

Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht aus Notwendigkeit.

Ontologisch besagt die Kausalität aus Freiheit, dass es eine Ursache geben kann, die wirkt, ohne dass sie von einer anderen äußeren Ursache dazu bewegt ist (causa sui).

Der Widerspruch in den Prämissen ist insofern auflösbar, als der Beweis der Antithesis, ausgehend vom Grundsatz der Kausalität nur als eine Erscheinung richtig schließt, und damit nur die Vernunftidee als regulatives Prinzip der theoretischen Vernunft beweist.
Eine Kausalität aus Freiheit ist zunächst eine bloß rein noumenale Möglichkeit, der kein Objekt zugeordnet werden kann, sofern man nicht ein Prinzip angeben kann, dass eine aus sich wirkende Ursache bestimmt.
Theoretisch bleibt nur eine reine Möglichkeit des Eingriffs des Übersinnlichen in die sinnliche Welt, ein intelligibler Charakter, der dem empirischen zugrunde liegen könnte.

Die vierte Antinomie, auf der Grundlage des Prinzips der Vernunft, lautet:

Zu der Welt gehört etwas, das entweder als ihr Teil oder ihre Ursache ein schlechthin notwendiges Wesen ist.

Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen weder in der Welt, noch außer der Welt als Ursache.

Geht man von der Antithese aus, so unterliegt ihr der entsprechende empirisch objektiv gültige Grundsatz der Postulate, die ein Kette in infinitum ergibt.
Der Beweis ergibt nur ein regulatives Vernunftprinzip der Erfahrung.
Für die These muss man auf den noumenalen Bereich zurückgreifen, erhält aber nur eine leere, in der Erfahrung niemals zu bestätigende absolute Notwendigkeit.
Nicht nur die sich anschließende Auflösung der Antinomien, sondern bereits ihrer logischen Analyse im weiteren Sinn liegt als Voraussetzung das Ergebnis der transzendentalen Analytik und Ästhetik zugrunde.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

Montag, 25. Juli 2016

Kant. Die Analyse der dialektischen Schlüsse im Einzelnen.

Kant. Die Analyse der dialektischen Schlüsse im Einzelnen.


Für die Trugschlüsse der Metaphysica specialis in der psychologia rationalis, der cosmologia rationalis und der theologia rationalis gilt, dass ihre Voraussetzung das Prinzip der Vernunft ist und dass die Trugschlüsse den Schein der objektiven Gültigkeit für die Ideen der Vernunft als erschlossene Denknotwendigkeit a priori erzeugen.
Dieses Prinzip liefert keine transzendentale Deduktion der objektiven Gültigkeit dieser notiones, die aus notiones durch das Prinzip in der Reihe der Prosyllogismen erschlossen wurden.
In der metaphysica specialis ist es die Aufgabe der verwendeten Schlüsse, neben bestimmten Eigenschaften der den Ideen korrespondierenden Gegenständen auch deren objektive Gültigkeit zu liefern, was nach der transzendentalen Methodenlehre nicht möglich ist, weil die so geführten transzendentalen Beweise keine transzendental deduzierten Beweisgründe haben.

Um die logische Struktur zu analysieren, ist der Grundparalogismus zu betrachten.
In dem Verfahren der rationalen Psychologie herrscht ein Paralogismus der durch folgenden Vernunftschluss dargestellt wird.:
Was nicht anders al Subjekt gedacht werden kann, existiert auch nicht anders als Subjekt und ist also Substanz.
Ein denkendes Wesen, als solches betrachtet, kann nicht anders als ein Subjekt gedacht werden. Also existiert es nur als ein solches, d. h. als Substanz.

Im Obersatz wird von einem Wesen geredet, das überhaupt in jeder Absicht, folglich auch so, wie es in der Anschauung gegeben werden mag, gedacht werden kann. Im Untersatz aber ist nur von demselben die Rede, sofern es sich selbst als Subjekt nur relativ auf das Denken und die Einheit des Bewusstseins, nicht aber zugleich in Beziehung auf die Anschauung, wodurch es als Objekt zum Denken gegeben wird, betrachtet. Also wird per sophisma figurae dictionis, mithin durch einen Trugschluss die Conclusion gefolgert‘. 
(B 410 f)

Die Voraussetzung für die Möglichkeit, etwas nur als Subjekt zu denken ist formal betrachtet das Prinzip der Vernunft, angewandt auf die Prosyllogismen a parte priori in kategorischen Schlüssen.
‚Dass diese Auflösung des berühmten Argumentes in einen Paralogismus so ganz richtig sei, erhellt deutlich, wenn man die allgemeine Anmerkung zur systematischen Vorstellung der Grundsätze und dem Abschnitt vom Noumenon hierbei nachsehen will, da bewiesen worden: dass der Begriff eines Dinges, was für sich selbst als Subjekt, nicht aber als bloßes Prädikat bei sich führe, noch gar keine objektive Realität bei sich führe, d. i. dass man nicht wissen könne, ob ihm überhaupt ein Gegenstand zukommen könne, indem man die Möglichkeit einer solchen Art zu existieren, nicht einsieht, folglich dass er schlechterdings keine Erkenntnis abgebe. Soll er unter der Benennung einer Substanz ein Objekt, das angegeben werden kann, soll er eine Erkenntnis werden: so muss eine beharrliche Anschauung als die unentbehrliche, als die unentbehrliche Bedingung der objektiven Realität eines Begriffes, nämlich das, wodurch allein ein Gegenstand gegeben wird, zu Grunde gelegt werden‘. (B 412)

Die Subsumption eines Begriffes der metaphysica specialis als objektive Gültigkeit für die Vernunftidee des absoluten Subjektes nach dem Resultat der transzendentalen Analytik kann nicht auf Seiten des Objekts gefunden werden.
Der Untersatz ordnet der Idee und ihrem hinzugefügten Begriff kein für sich existierendes Etwas zu.
In der Explikation dieses Begriffes wird das Resultat der transzendentalen Analytik, also die Bestimmung, die dem ‚Ich denke‘ nach der transzendentalen Deduktion zukommt, vorausgesetzt.
Danach gilt, dass durch das Ich, welches denkt, kein Objekt vorgestellt wird. Das Subjekt ist insofern nicht mehr Prädikat, als die in ihm synthetisierten Vorstellungen als Prädikate genommen werden und auf diese identische, der Qualität nach einfache, weil inhaltsleere, und zu möglichen Gegenständen im Raum in Beziehung stehende Subjekt bezogen werden.
Eine dem Inhalt nach leere Vorstellung, ein Ich, das der alleinige Text der rationalen Psychologie sein soll, ist kein Gegenstand objektiv gültiger Erkenntnis, denn es ist die oberste Bedingung der Möglichkeit aller Erkenntnis.
Im Obersatz wird eine leere Zuordnung zu einer noumenalen Substanz als bloße Denkmöglichkeit gesetzt, die sich als Prinzip der Vernunft ergibt, ohne ihr eine objektive Gültigkeit zuzuordnen.
Das reine ‚Ich denke‘ kann als bloße inhaltleere Identität des reinen Subjekts der Erkenntnis inhaltlich, als was es ist, nicht erkannt werden.
Darin liegt die Differenz des Subjektbegriffes in der Major und Minor, die das denkende Wesen als ein gegebenes Objekt versteht.
Der Paralogismus als dialektischer Vernunftschluss führt durch zusätzliche Eigenschaften in dialektische Widersprüche.
Dieses Faktum stellte Kant in der Metaphysikgeschichte fest und muss als Vernunftnotwendigkeit erwiesen werden.
Geht man vom Obersatz aus und die Substanz als notwendige Bedeutung, nämlich als das Beharrliche im Raum, die Materie, ergibt sich der Schluss, dass das denkendende Wesen als Substanz gedacht materiell ist.
Geht man vom Untersatz aus, und das ist der Idealismus der traditionellen psychologia rationalis, kann das denkende Ich als Erkenntnissubjekt nichts materielles oder gar Epiphänomen der Materie sein, da es als solches Objekt der Erkenntnis und nicht Erkenntnissubjekt wäre.
Dann allerdings kann ihm dann nicht, außer dem rein noumenalen Bereich, kein Objekt beistehen, dem der Begriff der Substanz zugeordnet werden kann.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

Samstag, 23. Juli 2016

Kant. Metaphysik und Logik nach der transzendentalen Methodenlehre.

Kant. Metaphysik und Logik nach der transzendentalen Methodenlehre.


Kant behandelt die transzendentale Methodenlehre nach der transzendentalen Dialektik (transzendentale Ästhetik und Logik).
Seine transzendentale Methodenlehre zeigen die Entwicklung des Kantischen Denkens.
Der erste Abschnitt des ersten Hauptstückes der transzendentalen Methodenlehre ‚Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauche‘ beschäftigt sich mit der Kritik des seit Descartes die gesamte Neuzeit beherrschenden Prinzips, dass die Methode der Metaphysik, der philosophia prima, sich am Vorbild der Methode der Mathematik, der Arithmetik, Geometrie und Algebra ausrichten solle.
Unter der Voraussetzung der transzendentalen Ästhetik und Analytik hat sich für Kant ergeben, dass die Metaphysik nicht an der Methode der Mathematik ausrichten lässt.
‚Die philosophische Erkenntnis ist die Erkenntnis aus Begriffen, die mathematischen aus der Konstruktion der Begriffe. Einen Begriff aber konstruieren heißt, die ihm korrespondierende Anschauung a priori darzustellen.
Die philosophische Erkenntnis betrachtet also das Besondere nur im Allgemeinen, die mathematische das Allgemeine im Besonderen, ja gar im Einzelnen, gleichwohl doch a priori mit der Vernunft, so dass, wie dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der Konstruktion bestimmt ist, ebenso der Gegenstand des Begriffes, dem dieses Einzelne nur als sein Schema korrespondiert, allgemein bestimmt gedacht werden muss‘. (B 741 f)

Die mathematische Methode führt zu einer apodiktischen Gewissheit und eine andere Methode führt zu einer apodiktischen Gewissheit in der Philosophie.
Kant nennt diese letzte Methode dogmatisch, die er als die unkritische Übertragung des Ideals der Methode der Mathematik auf die Methode der ersten Philosophie in der Überschrift des Abschnitts bezeichnet.
Dieses Verfahren beherrscht seit Descartes die Philosophie der Neuzeit, insbesondere die rationalistische Tradition.
Kant behandelt in der ‚Philosophie der Mathematik‘ verschiedenen Aspekte, die in der transzendentalen Ästhetik, in den Axiomen der Anschauung und in der Auflösung der Antinomien zu finden sind und sich zu einer Einheit zusammenschließen.
In der Kritik finden sich zwei Stellen, in denen Kant über Geometrie und Arithmetik hinausgehend etwas zur Algebra sagt:
‚Die Mathematik aber konstruiert nicht bloß Größen (quanta), wie in der Geometrie, sondern auch die bloße Größe (quantitatem), wie in der Buchstabenrechnung, wobei sie von der Beschaffenheit des Gegenstandes, der nach einem solchen Größenbegriff gedacht werden soll, gänzlich abstrahiert. Sie wählt sich alsdann eine gewisse Bezeichnung aller Konstruktionen von Größen überhaupt (Zahlen) als deren Addition, Subtraktion usw., Ausziehung der Wurzel; und nachdem sie den allgemeinen Begriff der Größen nach den verschiedenen Verhältnissen derselben auch bezeichnet hat, so stellt sie alle Behandlung, die durch die Größe erzeugt und verändert wird, nach gewissen allgemeinen Regeln der Anschauung dar; wo eine Größe durch die andere dividiert werden soll, setzt sie beider Charaktere [Symbole der Leibnizschen characteristica universalis, die sich auf mathesis univesalis bezieht] nach der bezeichnenden Form der Division zusammen usw. und gelangt vermittelst einer symbolischen Konstruktion ebenso gut, wie die Geometrie nacheiner ostensiven oder geometrischen (der Gegenstände selbst) dahin, worin die bisherige Erkenntnis vermittelst bloßer Begriffe niemals gelangen konnte‘. (B 745)

Bei der Behandlung der mathematischen Demonstration wird das Thema nochmals erwähnt:
‚Selbst das Verfahren der Algeber mit ihren Gleichungen, aus denen sie durch Reduktion die Wahrheit zusammen mit dem Beweis hervorbringt ist zwar keine geometrische, aber doch charakteristische Konstruktion, in welcher man die Zeichen der Begriffe, vornehmlich also der Verhältnisse der Größen, in der Anschauung vorlegt und, ohne einmal auf das Heuristische zu sehen, alle Schlüsse vor Fehlern dadurch sichert, dass jeder derselben vor Augen gestellt wird‘. (B 762)

Es gilt, dass die grundlegende Intuition von Descartes nicht die Geometrie und Arithmetik, sondern die Zahlenalgebra und die von Descartes entwickelte analytische Geometrie sind.
Beide Disziplinen sind auf einen gemeinsamen methodologischen Nenner zu bringen und dieser gemeinsame Nenner soll auch in die Methode der Philosophie eingeführt werden, woraus sich die Idee einer mathesis universalis ergibt.
Leibniz wird später eine charaktieritica universalis als das Zeichenmedium, das System von Symbolen, in dem die mathesis universalis dargestellt werden kann, zur Seite stellen.
Die cartesische Methode und ihre leibnizsche Weiterentwicklung orientiert sich nicht an der Geometrie und der Arithmetik, sondern an der abstrakten Algebra und Analytik.

Kant sagt, dass die Algebra nicht von bestimmten Größen (quanta) handelt, sondern von der Größe als solcher (quantitas) und den Beziehungen zwischen Größen und bezieht sich damit indirekt auf Anschauungen, sofern quantitas ohne Bezug auf quanta als Abstraktum nicht gedacht werden kann.
Seit der Antike wurde die Mathematik der Kategorie der Größe (quantitas) zugeordnet und die Algebra war eine mathematische Disziplin, sofern sie sich auf quantitas bezieht.
Nach der Grundlagenkrise in der Mathematik am Ende des 19. Jahrhunderts ergibt sich eine Modifikation, indem nicht mehr von Beziehungen der Größe die Rede ist, sondern von Beziehungen zwischen Mengen, die auch mit der Annahme der leeren Menge als Element behandelt werden kann.
Man kann die Meinung vertreten, dass hier ein Prozess der formalisierenden Abstraktion in Gang gesetzt wurde, der über den abstrakten Begriff der quantitas zu einer Abstraktion höchster Stufe, der zu dem Mengenbegriff der modernen Mengenlehre führt, übergeht.

Kant weist darauf hin, dass eine charakteristische oder symbolische Konstruktion nur möglich ist, wenn man die Zeichen in der Anschauung darlegt, um sich Fehler auszuschließen.
In der transzendentalen Methodenlehre charakterisiert Kant den diskursiven Vernunftgebrauch als den, der das Allgemeine in abstracto, durch Begriffe betrachtet und bezeichnet ihn als akroamatisch.
Der Bezug auf das Hören wird gerechtfertigt, sofern dieser Vernunftgebrauch sich ‚nur durch lauter Worte führen‘ lässt.
Von der mathematischen Methode gilt, dass
‚sie das Allgemeine in concreto (in der einzelen Anschauung) und doch durch eine reine Vorstellung a priori erwägen kann, wobei jeder Fehltritt sichtbar wird‘ (B 762 f)

Von empirischen Begriffen können nur Explikationen geliefert werden, die zureichend sind, das Ding und ihren empirischen Begriff soweit festzulegen, eindeutige Unterscheidung des Dinges von anderen Gegenständen der Erfahrung zu liefern.
‚Zweitens kann auch, genau zu reden, kein a priorischer Begriff definiert werden. Z. B. Substanz, Ursache, Billigkeit. Denn ich kann niemals sicher sein, dass die deutliche Vorstellung eines gegebenen Begriffes ausführlich entwickelt worden ist, als wenn ich weiß, dass derselbe dem Gegenstand adäquat sei‘. (B 756)

Nach der transzendentalen Deduktion konnte die Angemessenheit zu Gegenständen der Erfahrung der schematisieren und in den Grundsätzen fixierten reinen Kategorien erwiesen werden.
Für den nicht auf Erfahrungsgegenstände eingeschränkten Gebrauch von Begriffen a priori gilt:
‚Anstatt des Ausdruckes der Definition würde ich lieber den der Exposition brauchen, der immer noch behutsam bleibt, und bei dem der Kritiker sie bis auf einen gewissen Grad gelten lassen, und doch wegen der Ausführlichkeit noch Bedenken tragen kann. Da also weder empirisch, noch a priori gegebene Begriffe definiert werden können, so bleiben keine anderen als willkürlich gedachte übrig…
Also bleiben keine anderen Begriffe übrig, die zum Definieren taugen, also solche, die eine willkürliche Synthesis enthalten, welche a priori konstruiert werden kann, mithin hat nur die Mathematik Definitionen. Denn der Gegenstand, den sie denkt, stellt sie ach a priori in der Anschauung dar, und dieser kann sicher nicht mehr noch weniger enthalten als der Begriff, weil durch die Erklärung der Begriff vom Gegenstande ursprünglich, d. i. ohne die Erklärung irgend wovon abzuleiten, gegeben wurde.
Philosophische Definitionen sind nur als Exposition gegebener mathematische aber als Constructionen ursprünglich gemachter Begriffe, jene nur analytisch durch Zergliederung (deren Vollständigkeit nicht apodiktisch gewiss ist), diese synthetisch zu Stande zu bringen und also den Begriff selbst machen, dagegen die ersteren ihn nur erklären‘. (B 757 f)

In der Kritik sagt Kant, dass empirische Begriffe nicht definiert, sondern nur expliziert werden können (B 755).
Axiome sind synthetische Grundsätze a priori, die unmittelbar gewiss sind.
Ein Drittes, vermittelndes, verlangt, dass dieser Begriff, der in einem Grundsatz ausgedrückt ist, mit unmittelbarer Gewissheit synthetisch verknüpft. Das ist in der Mathematik durch Konstruktion der Begriffe in der Anschauung als Drittes möglich.
‚Dagegen kann ein synthetischer Grundsatz bloß aus Begriffen niemals unmittelbar gewiss sein, z. B der Satz: alles, was geschieht, hat seine Ursache; da ich mich nach einem Dritten herumsehen muss, nämlich der Bedingung der Zeitbestimmung in einer Erfahrung, und nicht direkt, unmittelbar aus Begriffen allein, einen solchen Grundsatz erkennen konnte. Diskursive Grundsätze sind also etwas ganz Anderes als intuitive. d. i. Axiomen. Jene erfordern jederzeit noch eine Deduktion, deren letztere ganz und gar entbehren können; und da diese eben um desselben Grundes willen evident sind, welches die philosophischen Grundsätze bei aller ihrer Gewissheit doch niemals vorgeben können, so fehlt unendlich viel daran, dass irgendein synthetischer Satz der reinen und transzendentalen Vernunft so augenscheinlich (wie man sich trotzig auszudrücken pflegt), als der Satz, dass zwei mal zwei vier geben‘. (B 761)

Die Axiome der Anschauung sind als transzendentale Grundsätze selbst keine Axiome, sondern Grundsätze, die die Bedingung der Möglichkeit von Axiomen in der Mathematik erklären sollen.
‚Die Philosophie hat also keine Axiome und darf niemals ihre Grundsätze a priori schlechthin gebieten, sondern muss sich dazu bequemen, ihre Befugnis wegen derselben durch gründliche Deduktion zu rechtfertigen‘. (B 761 f)

Bis jetzt sprach Kant generell von Philosophie und hatte zwischen Transzendentalphilosophie und Metaphysik, dem spekulativen Gebrauch der Vernunft, nicht unterschieden.
Er verweist nun darauf, dass den Vernunftideen der Metaphysik keine synthetischen Urteile, die objektive Gültigkeit haben, zuzuordnen sind.
‚Ich teile alle apodiktischen Sätze (sie mögen nun erweislich oder auch unmittelbar gewiss sein) in Dogmata und Mathemata ein. Ein direkt synthetischer Satz ist ein Dogma; hingegen ein dergleichen Satz durch Konstruktion der Begriffe ist ein Mathema. Analytische Sätze lehren uns eigentlich nicht mehr vom Gegenstande, als was der Begriff…schon in sich enthält…Sie können daher nicht füglich Dogmen heißen (welches Wort man vielleicht durch Lehrsprüche übersetzen könnte). Aber unter den gedachten zwei Arten synthetischer Sätze a priori können nach dem gewöhnlichen Redegebrauch nur die zum philosophischen Erkenntnis gehörigen diesen Namen führen, und man würde schwerlich der Rechenkunst oder der Geometrie Dogmata nennen‘. (B 764)

Es finden sich in der Transzendentalphilosophie keine Dogmata, da sie kritisch und nicht dogmatisch ist.
In der Transzendentalphilosophie werden die Grundsätze des reinen Verstandes nicht nur aus Begriffen, sondern ‚durch Bezug auf etwas ganz Zufälliges, nämlich mögliche Erfahrung‘ gewonnen.
Die Grundsätze sind mit Bezug auf unsere Erfahrung apodiktisch, können aus der Voraussetzung der transzendentalen Deduktion apodiktisch bewiesen werden.
‚Er heißt aber Grundsatz und nicht Lehrsatz, ob er gleich bewiesen werden muss, darum, weil er die besondere Eigenschaft hat, dass er seinen Beweisgrund, nämlich Erfahrung selbst zuerst möglich macht und bei dieser vorausgesetzt werden muss‘. (B 765)
Transzendentalphilosophie ist kritisch und nicht dogmatisch.
Es bleibt aber ungeklärt, was eine transzendentale Deduktion bzw. generell eine Deduktion als grundlegende Methode der kritischen Transzendentalphilosophie ist.
‚Die Beweise transzendentaler und synthetischer Sätze haben das eigentümliche unter allen Beweisen einer synthetischen Erkenntnis a priori an sich, dass die Vernunft bei jenen vermittelst ihrer Begriffe sich nicht geradezu an einen Gegenstand wenden darf, sondern zuvor die objektive Gültigkeit der Begriffe und die Möglichkeit der Synthesis derselben a priori dartun muss‘. (B 810)

Für die Mathematik liegt die Möglichkeit ihrer Synthesis in der Anschauung.
‚Ist aber der Satz, über den der Beweis geführt werden soll, eine Behauptung aus reiner Vernunft, und will ich sogar vermittelst bloßer Ideen über meine Erfahrungsbegriffe hinausgehen, so müsste derselbe noch viel mehr die Rechtfertigung eines solchen Schrittes der Synthesis (wenn er anders möglich wäre) als eine notwendige Bedingung seiner Beweiskraft in sich enthalten‘. (B 812)

Kant spricht über die logischen Erfordernisse und führt drei Regeln ein:
‚Die erste Regel ist also diese: keine transzendentalen Beweise zu versuchen, ohne zuvor überlegt und sich deshalb gerechtfertigt zu haben, woher man die Grundsätze nehmen wolle, auf welche man sie zu errichten gedenkt und mit welchem Recht man von ihnen den guten Erfolg der Schlüsse warten wolle‘. (B 814)

Die Regeln zwei und drei sind die rein logischen Regeln.
Allein von den Grundsätzen des Verstandes können keine Ideen kommen. Die Grundsätze der Vernunft sind aber trügerisch, die Kant auch als trügerische – transzendentale Beweise bezeichnet, da sie mit dem Anspruch auf objektive Gültigkeit auftreten.
‚Die zweite Eigentümlichkeit transzendentaler Beweise ist diese: dass zu jedem transzendentalen Satz nur ein einziger Beweis gefunden werden könne.
Soll ich nicht aus Begriffen, sondern aus der Anschauung, die einem Begriff korrespondiert, es sei nun eine reine Anschauung, wie in der Mathematik oder eine empirische, wie in der Naturwissenschaft, schließen: so gibt mir die zum Grunde gelegte Anschauung mannigfaltigen Stoff zu synthetischen Sätzen, welchen ich auf mehr als eine Art verknüpfen und, indem ich von mehr als einem Punkte ausgehen darf, durch verschiedene Wege zu demselben Satze gelangen kann.
Nun geht aber jeder transzendentale Satz bloß von einem Begriff aus und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des Gegenstandes nach diesem Begriff. Der Beweisgrund kann also nur ein einziger sein, weil außer diesem Begriff nichts weiter ist, wodurch der Gegenstand bestimmt werden könnte, der Beweis ist also nichts weiter als die Bestimmung eines Gegenstandes überhaupt nach diesem Begriff, der auch nur ein einziger ist, enthalten kann‘. (B 815 f)

Der Grundsatz der Kausalität wird dadurch bewiesen, dass auf die objektive Möglichkeit eines Begriffes als Begebenheit in der Zeit, die zur Erfahrung gehört, zurückgegriffen wird.
Die Zufälligkeit setzt denselben Rekurs im Begriff des zufälligen Geschehens voraus und kommt so wieder zu demselben Beweisgrund.
Soll bewiesen werden, dass alles was denkt, einfach ist, so gibt es den Begriff des Ich als den einzigen Beweisgrund.
‚Durch diese warnende Anmerkung wird die Kritik der Vernunftbehauptungen sehr ins Kleine gebracht. Wo die Vernunft ihr Geschäft durch bloße Begriffe treibt, da ist nur ein einziger Beweis möglich, wenn überall nur irgendeiner möglich ist. Daher, wenn man schon den Dogmatiker mit zehn Beweisen auftreten sieht, da kann man sicher glauben, dass er keinen hat‘. (B 815 f)

Transzendentale Beweise sind Existenzbeweise für einen Gegenstand, der dem Begriff korrespondiert, dessen Existenz verbürgt ist. Sie haben die Struktur:
Nur wenn B, dann A, A ist gegeben, also B.
Kant verwendet die Schlussform des replikativen Konditionals, in der von einem gegebenen Bedingten auf seine notwendige Bedingung geschlossen wird, obwohl er sie weder in der transzendentalen noch in der formalen Logik anführt.
In der dritten Regel gibt Kant an, welche bestimmte Schlussformen in transzendentalen Beweisen nicht zugelassen werden können.
‚Die dritte eigentümliche Regel der reinen Vernunft, wenn sie in Ansehung transzendentaler Beweise einer Disziplin unterworfen wird, ist: dass ihre Beweise niemals apagogisch, sondern jederzeit ostensiv sein müssen. Der direkte oder ostensive Beweis ist in aller Art der Erkenntnis derjenige, welcher mit der Überzeugung von der Wahrheit zugleich Einsicht in die Quellen derselben verbindet; der apagogische dagegen kann zwar Gewissheit, aber nicht Begreiflichkeit der Wahrheit in Ansehung ihrer Möglichkeit hervorbringen‘. (B 817)

Diese Einschränkung betreffen nur Beweise aus reiner Vernunft. Formal wird aus der Annahme eines Satzes, aus dem sich zusammen mit anderen Prämissen ein formaler Widerspruch ableiten lässt, auf die Negation des Satzes geschlossen und vice versa aus der Annahme der Negation des Satzes und dem hieraus ableitbaren Widerspruch wird auf den Satz selbst geschlossen.
Ein anderes Verfahren besagt, dass wenn etwas folgt, das den Tatsachen widerspricht, auf die Verwerfung der Annahme geschlossen wird. Hier liegt der Sachverhalt zugrunde: handelt es sich in den empirischen Wissenschaften um eine Hypothese, dann gilt, dass aus der Wahrheit aller Folgen aus dieser Hypothese auf die Wahrheit der Hypothese schließen kann.
Allerdings ist diese Schlussform nach dem modus ponens unmöglich, da nicht alle Folgen bekannt sein können. Aber man kann nach dem modus tollens aus der Falschheit auch nur einer Folge auf die Falschheit der Erkenntnis (Hypothese) schließen.
‚Wo diese letztere aber vorherrschend ist, da muss es sich häufig zutragen, dass das Gegenteil eines gewissen Satzes entweder bloß den subjektiven Bedingungen des Denkens widerspricht, aber nicht dem Gegenstande, oder dass beide Sätze nur unter einer subjektiven Bedingung, die fälschlich für objektiv gehalten, einander widersprechen und, da die Bedingung falsch ist, alle beide falsch sein können, ohne dass von der Wahrheit des einen auf die Falschheit des anderen geschlossen werden kann‘. (B 819)

Die transzendentalen Versuche der reinen Vernunft werden innerhalb des Subjektiven, welches sich der Vernunft in ihren Prämissen als objektiv aufdrängt. Was synthetische Sätze betrifft können Behauptungen nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass man das Gegenteil widerlegt.
‚Ein jeder muss seine Sache vermittelst eines durch transzendentale Deduktion der Beweisgründe geführten rechtlichen Beweises, d. h. direkt führen, damit man sehe, was seine Vernunftansprüche für sich selbst anzuführen haben‘. (B 822)

Die Beweisgründe dieser Beweise müssen transzendental deduziert werden, damit der Beweis ein rechtlicher Beweis ist.
Wäre eine transzendentale Deduktion ein Beweis und damit ein transzendentaler Beweis, ergäbe sich ein infiniter Regress, der die transzendentale Analytik ad absurdum führen würde.
Daraus folgt, dass eine transzendentale Deduktion kein transzendentaler Beweis sein kann.
Die Funktionen in Urteilen, die allen Erfahrungsurteilen a priori zugrunde liegen, sind auch Funktionen des Denkens a priori.
Die metaphysische Deduktion ist die Sacherklärung der Kategorien als Funktionen des Denkens in Urteilen, die die Bedingung der Möglichkeit dafür ist, dass die reinen Verstandesbegriffe als a priorisch-synthetische Begriffe erkannt werden.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

Mittwoch, 20. Juli 2016

Kant. Analyse der dialektischen Schlüsse der reinen Vernunft.

Kant. Analyse der dialektischen Schlüsse der reinen Vernunft.


Ein widerspruchsfreier oder problematischer Begriff ist ein Objekt, das einer transzendentalen Idee korrespondiert.
‚Nun beruht die transzendentale (subjektive) Realität der reinen Vernunftbegriffe darauf, dass wir durch einen notwendigen Vernunftschluss auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es Vernunftschlüsse geben, die keine empirischen Prämissen enthalten und vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas Anderes schließen, wodurch wir doch keinen Begriff haben, und dem wir gleichwohl durch einen unvermeidlichen Schein objektive Realität haben. Dergleichen Schlüsse sind also eher vernünftelnde als Vernunftschlüsse zu nennen: wiewohl sie ihrer Veranlassung wegen wohl den letzteren Namen führen können, weil sie nicht erdichtet oder zufällig entstanden, sondern aus der Natur der Vernunft entsprungen sind, Es sind nicht Sophistikationen der Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst‘. (B 397)

Kant sagt wohl, dass hier keine empirischen Prämissen gegeben sind, aber auch, dass wir das, wovon wir keinen Begriff haben ‚vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen‘ erschließen.
Das Vermittelnde ist bekannt und ein Gegenstand der Erfahrung im allgemeinen Schluss, der prinzipiell der Vernunft zugrunde liegt. Es gilt, dass ein in der Erfahrung gegebenes Bedingtes im Untersatz des Schlusses vorausgesetzt wird, um die Gegebenheit der Totalität der Bedingungen zu erschließen.
Damit kommt die nicht empirische Prämisse nur als Obersatz infrage.
Zu der Klassifizierung der einleitenden Abschnitte:
‚Diese dialektischen Vernunftschlüsse gibt es also nur dreierlei Arten, so vielfach als die Ideen sind, auf die ihre Schlusssätze hinauslaufen. In dem Vernunftschluss der ersten Klasse schließe ich vom transzendentalen Begriff des Subjekts, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die absolute Einheit dieses Subjektes selber, von welcher ich auf diese Weise gar keinen Begriff habe. Diesen dialektischen Schluss werde ich den transzendentalen Paralogismus nennen. Die zweite Klasse der vernünftelnden Schlüsse ist auf den transzendentalen Begriff der absoluten Totalität der Reihe der Bedingungen zu einer gegebenen Erscheinung überhaupt angelegt; und ich schließe daraus, dass ich von der unbedingten synthetischen Einheit der Reihe auf einer Seite jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff habe, auf die Richtigkeit der entgegenstehenden Einheit, wovon ich gleichwohl auch keinen Begriff habe. Den Zustand der Vernunft bei diesen dialektischen Schlüssen werde ich den der reinen Vernunft nennen. Endlich schließe ich nach der dritten Art vernünftelnder Schlüsse von der Totalität der Bedingungen, Gegenstände überhaupt, sofern sie mir gegeben werden können, zu denken, auf die absolute synthetische Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit von Dingen überhaupt, d. i. von Dingen, die nach ihrem bloßen transzendentalen Begriff noch weniger kenne, und von dessen unbedingter Notwendigkeit ich mir keinen Begriff machen kann. Diesen dialektischen Vernunftschluss werde ich das Ideal der reinen Vernunft nennen‘. (B 397 f)

Für den Inhalt der Obersätze der dialektischen Schlüsse der reinen Vernunft sind die durch das Prinzip der Vernunft mit Hilfe der sich aus verschiedenen allgemeinen Schlussformen aus Kettenschlüsse a parte priori ergebenden Arten der unbedingten Totalität grundlegend.
Die Untersätze nehmen auf kein in der Erfahrung gegebenes Bedingtes Bezug wie der Schluss, der auf das Prinzip der Vernunft führt, sondern auf etwas, das als Gegenstand überhaupt verstanden werden kann und damit erfahrungstranszendent ist.
Paralogismen, also Fehlschlüsse, können mit einer quanternio terminorum kategorische Schlüsse sein, da sie die gleiche Schlussform wie der Schluss benutzen, der die Gegebenheit eines absoluten Subjektes, das nicht mehr Prädikat sein kann, erschließt.
Bei den dialektischen Schlüssen, die sich auf das Ideal der reinen Vernunft beziehen, kann ein Schluss von der Möglichkeit eines ‚Wesens aller Wesen‘ auf die unbedingte Notwendigkeit seiner Existenz nicht durch die disjunktive Schlussform selbst erschlossen werden.


Veröffentlicht von Lilith Dan 

Montag, 18. Juli 2016

Kant. Das System der Ideen und die Schlussformen.

Kant. Das System der Ideen und die Schlussformen.


Der Verstand stellt sich mittels der Kategorien viele Arten von Relationen vor, die wiederum reinen Vernunftbegriffen entsprechen.
So wird ein Unbedingtes der kategorischen Synthesis in einem Subjekt, der hypothetischen Synthesis in einer Reihe und der disjunktiven Synthesis in einem System zu suchen sein.
‚Es gibt nämlich eben so viel Arten von Vernunftschlüssen, deren jede durch Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet: die eine zum Subjekt, welches nicht mehr Prädikat ist, die andere zur Voraussetzung, die nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu einem Aggregat der Glieder der Einteilung, zu welchem nichts weiter erforderlich ist, um die Einteilung des Begriffes zu vollenden. Daher sind die reinen Vernunftbegriffe von der Totalität in der Synthesis der Bedingungen wenigstens als Aufgaben, um die Einheit des Verstandes womöglich bis zum Unbedingten fortzusetzen, notwendig und in der Natur der menschlichen Vernunft gegründet; es mag auch übrigens diesen transzendentalen Begriffen an einem angemessenen Gebrauch fehlen und sie mithin keinen anderen Nutzen haben als den Verstand in die Richtung zu bringen, darin sein Gebrauch, indem er auf äußerste erweitert, zugleich mit sich selbst durchgehend einstimmig gemacht wird‘. (B 379/380)

Die erwähnte Naturanlage ist das Bedürfnis, schrittweise zu immer höheren Organisationen des Verstandesgebrauchs zu kommen, unabhängig von dem aus dem Interesse der praktischen Vernunft sich ergebenden dialektischen Alternativen.
Die logische Struktur einer Vervollkommnung der Verstandeserkenntnis setzt Vernunftideen voraus, die sich aus der Kette der Prosyllogismen ergeben und auf den Verstand bezogen eine regulative Funktion innehaben.
Vernunftideen sind aber auch Anlass zu einer Illusion, die in der Annahme besteht, dass sie einen angemessenen Gebrauch in concreto haben, sich auf ein Objekt beziehen und damit einen transzendentalen Gebrauch wie die Kategorien haben. Nach heutigem Sprachgebrauch: die Vernunftideen referieren auf ein Objekt.
‚Vernunft, als Vermögen einer gewissen Form der Erkenntnis betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d. i. mittelbar (durch die Subsumption der Bedingung eines möglichen Urteils unter die Bedingung eines gegebenen) zu urteilen. Das gegebene Urteil ist die allgemeine Regel (Obersatz, Major). Die Subsumption der Bedingungen eines möglichen Urteils unter die Bedingung der Regel ist der Untersatz (Minor). Das wirkliche Urteil, welches die Assertion der Regel in dem subsumierten Falle aussagt, ist der Schlusssatz (Conclusio). Die Regel nämlich sagt, etwas allgemein unter einer gewissen Bedingung. Nun findet in einem vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt. Also wird das, was unter jener Bedingung allgemein gilt, auch im vorkommenden Falle (der diese Bedingung bei sich führt) als gültig angesehen. Man sieht leicht, dass die Vernunft durch Verstandeshandlungen, welche die Reihe von Bedingungen ausmachen, zu einem Erkenntnisse gelange. Wenn ich zu dem Satze: alle Körper sind veränderlich, nur dadurch gelange, dass ich von dem entfernteren Erkenntnis (worin der Begriff des Körpers noch nicht vorkommt, der aber doch davon die Bedingung enthält) anfange: alles Zusammengesetzte ist veränderlich; von diesem zu einem näheren gehe, der unter der Bedingung des ersteren steht: die Körper sind zusammengesetzt; und von diesem allererst zu einem dritten, der nunmehr das entfernte Erkenntnis (veränderlich) mit dem vorliegenden verknüpft: so bin ich durch die Reihe von Bedingungen (Prämissen) zu einer Erkenntnis (Conclusion) gelangt. Nun lässt sich jede Reihe, deren Exponent (des kategorischen oder hypothetischen Urteils) gegeben ist, fortsetzen; mithin führt eben dieselbe Vernunfthandlung zu einer ratiocinatio polysyllogistice, welches eine Reihe von Schlüssen ist, die entweder auf der Seite der Bedingungen (per prosyllogismos), oder des Bedingten (per episyllogismos) in unbestimmte Weiten fortgesetzt werden kann‘. (B 386-388)

Für diese Zeit ist zu beachten, dass bei analogischen bzw. metaphorischer Benutzung von Exponent in der Logik ‚Exponent‘ allgemein wie in der derzeitigen Mathematik eine Operation meint, deren Form im logischen Schließen durch die Form des Obersatzes festgelegt ist.

Totalität tritt weder im Untersatz oder in der Konklusion auf und damit kein objektiv gegebenes, was in der Erfahrung angetroffen werden kann.
‚Dies geschieht dadurch, dass sie zu einem gegebenen Bedingten auf der Seite der Bedingungen (unter denen der Verstand alle Erscheinungen der synthetischen Einheit unterwirft) absolute Totalität fordert und dadurch die Kategorie zur transzendentalen Idee macht. Also werden erstlich die transzendentalen Ideen eigentlich nichts, als bis zum Unbedingten erweiterte Kategorien sein, und diese werden sich in eine Tafel bringen lassen, die nach den Titeln der letzeren angeordnet sind. Zweitens aber werden doch nicht alle Kategorien dazu taugen, sondern nur diejenigen, in welchen die Synthesis eine Reihe ausmacht und zwar der untergeordneten (nicht beigeordneten) Bedingungen zu einem Bedingten. Die absolute Totalität wird von der Vernunft nur insofern gefordert, als sie die aufsteigende Reihe der Bedingungen angeht, mithin nicht, wenn von der absteigenden Linie der Folgen noch auch dem Aggregat der coordinierten Bedingungen zu diesen Folgen die Rede ist‘. (B 436/37)

Der Ausgangspunkt der regressiven Reihe im Untersatz und die Konklusion sind assertorische Urteile, so dass nicht von reinen Kategorien, sondern von den auf Zeit und Raum restringierten Kategorien die Rede sein muss.
Hinsichtlich der Quantität ergibt sich die regressiv von einem gegebenen Zeitpunkt regressiv erschließbare Zeitreihe.
Die Teile des Raumes sind nicht untergeordnet, sondern beigeordnet.
Die Synthesis der Räume geschieht in der Zeit, so dass sich hier eine regressive Reihe ergibt.
Von einem Raum kann regressiv zu einem ihn einschließenden fortgegangen werden und so weiter. Daher ist ein begrenzter Raum ein Bedingtes, der einen Raum, in dem er begrenzt ist und als seine Bedingung voraussetzt, die Bedingung seiner Grenzen und so weiter.
Hinsichtlich der Qualität ist die Materie das Reale im Raum und als solches bedingt, sofern sie Teile hat und diese Teile wiederum Teile und so weiter.
Die gesuchte Totalität ist eine vollendete Teilung. Es gibt hier eine Reihe von Bedingungen, die in einem Unbedingten kulminiert.

Die Substanz ist Bedingung ihrer Akzidenzien, die ihr koordiniert inhärieren.
Alles bedingte Dasein ist zunächst ein Zufälliges, zu dem eine Bedingung aufgesucht werden kann, unter der es notwendig erscheint. Diese aufgewiesene notwendige Bedingung ist zunächst wiederum ein Zufälliges, für das eine notwendige Bedingung zu suchen ist, so dass sich hier durch die Reihe die Idee der unbedingten Notwendigkeit ergibt.
Die Tafel der Vernunftideen von Quantität, Qualität, Kausalität und Notwendigkeit führen in die Antinomien.
Die unbedingte Totalität ist als eine reale Reihe ohne Grenzen a parte priori zu denken, in der der Regressus potentialiter unendlich ist oder das Unbedingte in ein Anfangsglied der als abgeschlossen vorgestellten unbedingten Totalität.
Kant ordnet den disjunktiven Urteilen und Schlüssen in der Logik des Begriffs vom Aggregat der Einteilung der subordinierten Begriffe zu einem gegebenen Begriff zu. Dem kategorischen Urteil ordnet er die Reihe der subordinierten Begriffe zu, die aber keine Reihe ist, da in der Subordination alle höheren Begriffe dem Subjektbegriff durch sein dictum de omni et nullo zwar vermittelt, aber in der Konklusion des kategorischen Urteils dem Subjekt unmittelbar zukommen: Was dem Merkmal eines Merkmals zukommt, kommt auch dem Begriff zu.
Im Unbedingten der disjunktiven Synthesis der Teile in einem System geht Kant von den begriffslogischen Grundlagen aus. Bei der Konstruktion der zugeordneten Vernunftideen handelt es sich um das höchste Absolute.
‚Ein jeder Begriff ist in Ansehung dessen, was in ihn selbst nicht enthalten ist, unbestimmt und steht unter dem Grundsatz der Bestimmbarkeit; dass nur eines von jeden zwei einander kontradiktorisch entgegengesetzten Prädikaten ihm zukommen könne, welcher auf dem Satz des Widerspruchs beruht und daher ein bloß logisches Prinzip ist, das von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert und nichts als die logische Form derselben vor Augen hat‘. (B 599)

Für den disjunktiven Syllogismus gilt:
‚Alle Glieder der Disjunktion, außer einem zusammengenommen, machen das contradiktorische Gegenteil dieses Einen aus. Es findet hier also eine Dichotomie statt, nach welcher, wenn eines von den beiden wahr ist, das andere falsch sein muss und umgekehrt…Das Prinzip der disjunktiven Schlüsse ist der Grundsatz des ausschließenden Dritten: a contradictorie oppositorum negatione unius ad affirmationem alterius valet consequentia‘. (IX, 130, § 77)

Für das Prinzip der reinen Vernunft in der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ geht Kant nicht von Begriffen, sondern von einem Gegebenen aus.
‚Ein jedes Ding aber seiner Möglichkeit nach steht noch unter dem Grundsatz der durchgängigen Bestimmung, nach welcher ihm von allen möglichen Prädikaten der Dinge, sofern sie mit ihrem Gegenteil verglichen werden, eines zukommen muss. Dieses beruht nicht nur bloß auf dem Satz des Widerspruchs; denn es betrachtet außer dem Verhältnis zweier einander widersprechender Prädikate jedes Ding auf die gesamte Möglichkeit, als Inbegriff aller Prädikate der Dinge überhaupt, und indem es solche als Bedingung a priori voraussetzt, so stellt es ein jedes Ding so vor, wie es nach dem Anteil, den es an jener gesamten Möglichkeit hat, seine eigene Möglichkeit ableite. Das Prinzip der durchgängigen Bestimmung betrifft also den Inhalt und nicht bloß die logische Form. Es ist der Grundsatz der Synthesis aller Prädikate, die den vollständigen Begriff von einem Dinge ausmachen sollen‘.
(B 599-602)

Nach seiner transzendentalen Analytik ist ein individuelles Ding als solches nicht durch reine Vernunft, sondern durch Anschauung bestimmt. Die Konstruktion des Ideals der reinen Vernunft handelt von einem Möglichen.
Die Bedingung der durchgängigen Bestimmung jedes Dinges ist ein Urbegriff, der:
‚als Urbegriff eine Menge von Prädikaten ausstoße, die als abgeleitet durch andere schon gegeben sind oder nebeneinander nicht bestehen können, und das sie sich zu einem durchgängigen Begriff läutere und dadurch den Begriff von einem einzelnen Gegenstand werde, der durch die Idee durchgängig bestimmt ist, mithin ein Ideal der reinen Vernunft genannt werden muss‘. (B 599-602)

Die Prädikate werden nicht nur logisch, sondern transzendental, d. i. nach ihrem Inhalt, der a priori gedachter werden kann, betrachtet, da von realen Dingen ausgegangen wurde.
Die logische Verneinung bezieht sich auf eine Begriffsbeziehung in einem Urteil.
‚Eine transzendentale Verneinung bedeutet dagegen das Nichtsein an sich selbst, dem die transzendentale Bejahung entgegengesetzt wird, welche ein Etwas ist, dessen Begriff an sich selbst schon ein Sein ausdrückt und daher Realität genannt wird, weil durch sie allein und soweit sie reicht, Gegenstände Etwas sind, die entgegenstehende Negation hingegen einen bloßen Mangel bedeutet und wo diese allein gedacht wird, die Aufhebung aller Dinge vorgestellt wird.
Nun kann sich niemand eine Verneinung bestimmt denken, ohne dass der die entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe…Es sind also auch alle Begriffe der Negation abgeleitet, und die Realität enthalten die Data und sozusagen die Materie oder den transzendentalen Inhalt zu der Möglichkeit und durchgängigen Bestimmtheit aller Dinge.
Es ist aber auch durch den Allbesitz der Realität der Begriff eines Dinges an sich selbst als durchgängig bestimmt vorgestellt, und der Begriff eines entis realissimi ist der Begriff eines einzelnen Wesens, weil von allen möglichen entgegengesetzten Prädikaten, eines, nämlich das, was zum Sein schlechthin gehört, in seiner Bestimmung angetroffen wird. Also ist es ein transzendentales Ideal. Es ist aber auch das einzige Ideal, dessen menschliche Vernunft fähig ist, weil nur in diesem Falle ein an sich allgemeiner Begriff von einem Ding durch sich selbst durchgängig bestimmt und als die Vorstellung von einem Individuum erkannt wird‘. (B 603 f)

Sofern man alle Negationen als von zugrundeliegende Affirmationen abgeleitet betrachtet, gelangt man zu der Totalität in Gestalt eines All der Realität, aus dem sich die Dinge durch Einschränkungen ergeben.
‚Die logische Bestimmung eines Begriffes durch die Vernunft beruht auf einem disjunktiven Vernunftschluss, in welchem der Obersatz eine logische Einteilung enthält, der Untersatz diese Sphäre aber bis auf einen Teil einschränkt und der Schlusssatz den Begriff durch diesen bestimmt. Der allgemeine Begriff einer Realität überhaupt kann a priori nicht eingeteilt werden, weil man ohne Erfahrung keine bestimmte Art von Realität kennt, die unter jener Gattung enthalten wären. Also ist der transzendentale Obersatz der durchgängigen Bestimmung aller Dinge nichts anderes als die Vorstellung des Inbegriffs aller Realität, nicht bloß ein Begriff, der alle Prädikate ihrem transzendentalen Inhalt nach unter, sondern der sie in sich begreift‘. (B 604 f)

Die omnitudo realitatis, die als Idee Totalität der Bedingungen für jedes reale Ding, das in ihr als eingeschränkte Realität gegeben ist, führt zum ens realissimum.
‚Es versteht sich von selbst, dass die Vernunft zu dieser ihrer Absicht, nämlich sich lediglich die notwendige durchgängige Bestimmung der Dinge vorzustellen, nicht die Existenz eines solchen Wesens, das dem Ideal gemäß ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um von einer unbedingten Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte, d. i. die es Eingeschränkten, abzuleiten‘. (B 606 f)

Das ens realissimum ist vorerst nur ein denkbarer Gegenstand der Vernunft, dem Existenz nicht zugesprochen wird, sondern lediglich die logische Möglichkeit, d. i. die Widerspruchsfreiheit.
‚Daher wird der bloß in der Vernunft befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das Urwesen (ens originarium), sofern es keines über sich hat, das höchste Wesen (ens summum) und sofern alles als bedingt unter ihm steht, das Wesen aller Wesen (ens entium) genannt. All dies bedeutet nicht das objektive Verhältnis eines wirklichen Gegenstandes zu anderen Dingen, sondern der Idee zu Begriffen und lässt uns wegen der Existenz eines Wesens von so ausnehmenden Vorzug in völliger Unwissenheit‘. (B 606 f)

Das Ideal des Urwesens ist eine einfache Einheit, da es in sich keine mögliche Einschränkung hat.
Vom Urwesen gesetzt, ist in der Konstruktion von eingeschränkten Wesen ausgegangen worden.
Die Rückkehr vom Urwesen zu den Dingen bedeutet, dass eine Einschränkung vorgenommen wurde, die auf eine Teilung hinausläuft und das einheitliche Urwesen zum bloßen Aggregat abgeleiteter Wesen macht.
Die höchste Realität aller Dinge, die die Möglichkeit aller Dinge ausmacht, liegt den Dingen als Grund ihres Seins zugrunde.
Das hypostasierte ens realissimum wird personalisiert. Voraussetzung ist, dass sich das ens realissimum als deren Seinsgrund auf alle Dinge, Subjekt wie Objekt, bezieht.
Da es auch die subjektive Seite einbezieht, muss das Wesen aller Wesen auch Person sein.
Für das unendliche Wesen gilt allerdings nicht, dass ihm Objekte außerhalb von ihm gegenüberstehen. Es hat nichts außer ihm, ist weder zeitlich und damit nicht endlich.
In dem Sinne ist es Subjekt-Objekt (Schelling).
Diese transzendentallogische Konstruktion der Ideen werden der metaphysica specialis zugeordnet.
‚Nun ist das allgemeine aller Beziehungen, die unsere Vorstellungen haben können: 1. Die Beziehung auf das Subjekt, 2. Die Beziehung auf Objekte, und zwar entweder als Erscheinungen oder als Gegenstände des Denkens überhaupt. Wenn man diese Unterteilung mit der obigen verbindet, so ist das Verhältnis der Vorstellungen, davon wir uns entweder einen Begriff oder eine Idee machen können: 1. Das Verhältnis zu einem Subjekt, 2. Zum Mannigfaltigen des Objektes in der Erscheinung, 3. Zu allen Dingen überhaupt…Folglich werden alle transzendentale Ideen sich unter drei Klassen bringen lassen, davon die erste die absolut (unbedingte) Einheit des denkenden Subjekts, die zweite die absolute Einheit der Reihen der Bedingungen der Erscheinungen, die dritte die absolute Einheit der Bedingungen aller Gegenstände des Denkens überhaupt enthält‘. (B 391 f)

‚Das denkende Subjekt ist der Gegenstand der Psychologie, der Inbegriff aller Erscheinungen (die Welt) ist der Gegenstand der Kosmologie, und das Ding, welches die oberste Bedingung aller Möglichkeit von allem, was gedacht werden kann, enthält das (Wesen aller Wesen), den Gegenstand der Theologie. Also gibt die reine Vernunft die Idee zu einer transzendentalen Seelenlehre (psychologia rationalis) einer transzendentalen Weltwissenschaft (cosmologia rationalis), endlich auch zu einer transzendentalen Gotteserkenntnis (theologia transcendentalis) an die Hand‘. (B 393 f)

Diese Ideen können sich nicht durch den Verstand ergeben, daher sind diese Wissenschaften keine Verstandeswissenschaften. Sie ergeben sich aus dem sich auf die Verstandesbegriffe beziehenden höchsten logischen Gebrauchs der Vernunft nach dem Prinzip der Vernunft.
Ideen beziehen sich nicht wie der Verstand auf Gegenstände, sondern indirekt, sofern sie durch Verstandesbegriffe gegeben sind und sich auf diese beziehen.
Unsere Vorstellungen beziehen sich auf Gegenstände der Erscheinungen und Gegenstände überhaupt, unter die die noumena fallen, die in Verbindung mit dem transzendentalen Objekt, also dem, was in unseren Vorstellungen von Erscheinungen ihre Gegenständlichkeit allgemein ausmacht, die Materie also, die ein unbekanntes x ist und das Ding an sich, sofern es als Bedingung, als Ursache der Materie gedacht wird und ebenso ein unbekanntes x ist, von dem wir aber nicht unterscheiden können, ob es außerhalb der Materie oder außerhalb von uns ist oder in uns oder in der Materie ist.
Im ersten Buch der transzendentalen Dialektik ‚Von den Begriffen der reinen Vernunft‘ zeigt Kant, dass eine subjektive Ableitung der Ideen aus der Natur unserer Vernunft und aus dem Allgemeinen aller Beziehung, die unsere Vorstellung hat, möglich ist.
‚…dass unter den transzendentalen Ideen selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und dass die reine Vernunft vermittelst ihrer alle ihre Erkenntnisse in ein System bringe…Wir haben vorläufig unsern Zweck schon erreicht, da wir die transzendentalen Begriffe der Vernunft, die sich gewöhnlich in der Theorie der Philosophen unter andere mischen, ohne dass diese sie einmal von Verstandesbegriffen gehörig unterscheiden, aus dieser zweideutigen Lage haben herausziehen, ihren Ursprung und dadurch zugleich ihre bestimmte Zahl, über die es gar keine mehr geben kann, angeben und in einem systematischen Zusammenhange haben vorstellen können, wodurch ein besonderes Feld für die reine Vernunft abgesteckt und eingeschränkt wird‘. (B 394-396)

Über das Prinzip der reinen Vernunft wird wohl der Anspruch erhoben, dass sie sich auf Objekte der Erfahrung und der Erfahrung überhaupt übersteigende Gegenstände beziehen, aber von Kant im zweiten Buch der transzendentalen Dialektik ‚Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft‘ mit der Begründung zurückgewiesen, da er auf Schein und Illusion beruht.
Kant bezeichnet die Ideen als transzendental, weil sie mit dem Anspruch auftreten, objektive Gültigkeit für erfahrungstranszendente Objekte zu haben.
Was deduziert werden soll führt in eine Illusion, die nicht zu vermeiden ist.


Veröffentlicht von Lilith Dan