Mittwoch, 22. Juni 2016

Kant. Die Einteilung in Analytik und Dialektik.

Die formale und transzendentale Logik von Kant.

Die Einteilung in Analytik und Dialektik.


Von Aristoteles stammt der Name ‚Analytik‘ für die allgemeine reine Logik. Die Logik ist eine Wissenschaft in einem beharrlichen Zustand, in den nur die Metaphysik gelangen kann.

‚Die jetzige Logik schreibt sich her von Aristoteles‘ Analytik. Dieser Philosoph kann als der Vater der Logik angesehen werden. Er trug sie als Organon vor und teilte sie ein in Analytik und Dialektik. Seine Lehrart ist sehr scholastisch und geht auf die Entwicklung der allgemeinsten Begriffe, die der Logik zu Grunde liegen, wovon man indessen keinen Nutzen hat, weil fast alles auf bloße Subtilitäten hinausläuft, außer dass man die Benennungen verschiedener Verstandeshandlungen daraus gezogen‘. (IV, 20)

Die Logik hat es mit der Form des Denkens zu tun, weshalb keine neuen Erfindungen möglich sind.
Zur Entwicklung der ‚Logik der Neuzeit‘ bemerkt Kant:

‚Leibniz und Wolff haben die allgemeine Logik in Gang gebracht. Die allgemeine Logik von Wolff ist die beste‘.

Aristoteles bezeichnet die Topik oder Dialektik als Lehre der wahrscheinlichen Schlüsse, die von den wissenschaftlichen Schlüssen unterschieden werden müssen.
Die Dialektik wurde in der Tradition bis in die Neuzeit als Logik des Wahrscheinlichen definiert.
Nach ihrem Inhalt kann die Topik auch als Disputierkunst definiert und damit in die Nähe der Rhetorik gestellt werden.

Unter Analytik versteht Kant die gesamte formale Logik, die in der Lehre vom Schluss dialektisch werden kann.
Aristoteles verstand unter Analytik die Lehre vom Schluss und nicht die Lehre vom Satz oder die Lehre vom Urteil.

In seinen früheren Vorlesungen benutzt Kant die Einteilung in Analytik – Dialektik nicht, sondern er entwickelt die Einteilung in Elementarlehre und Methodenlehre.
In der ‚Kritik der reinen Vernunft‘ teilt er die transzendentale Logik in transzendentale Analytik und in transzendentale Dialektik ein, wobei die transzendentale Logik einen Bezug auf Urteil und Kategorie nehmen. Die transzendentale Dialektik hingegen nimmt Bezug auf die Lehre vom Schluss.
Die Analytik wird von Kant auf die gesamte formale Logik, einschließlich der Lehre vom Schluss, angewendet und von ihm in den frühen Vorlesungen als ‚Kunst des Erfindens‘ der Wahrheit (ars inveniendi) und die Dialektik als ars inveniendi veritates probaliliter (wahrscheinliches Wissen) definiert.
Später stellt Kant fest, dass Wahrscheinlichkeit vom Wahrscheinlichkeitskalkül berechnet und erkannt würde.
Kant setzt sich zunächst mit dem Begriff der Wahrheit auseinander, indem er die Auffassung, dass Logik als Organon, als ars inveniendi der Wahrheit, zu verstehen sei, bezweifelt.

‚Was ist Wahrheit? Die Namenserklärung der Wahrheit, dass sie nämlich die Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande sei, wird hier geschenkt und vorausgesetzt; man verlangt aber zu wissen, welches das allgemeine und sichere Kriterium der Wahrheit einer jeden Erkenntnis sei‘. (B 82)

Er verwirft den Versuch, ein Kriterium der Wahrheit zu suchen, da er zu einem Widerspruch führt.

‚Nun würde ein allgemeines Kriterium der Wahrheit dasjenige sein, welches von allen Erkenntnissen ohne Unterschied ihrer Gegenstände gültig wäre. Es ist aber klar, dass, da man bei demselben von allem Inhalt der Erkenntnis (Beziehung auf ihr Objekt) abstrahiert, und Wahrheit gerade diesen Inhalt angeht, es ganz unmöglich und ungereimt sei, nach einem Merkmal der Wahrheit dieses Inhalts der Erkenntnisse zu fragen, und dass also ein hinreichendes und doch zugleich allgemeines Kennzeichen der Wahrheit unmöglich angegeben werden könne. Da wir ober schon den Inhalt einer Erkenntnis die Materie derselben genannt haben, so wird man sagen müssen: Von der Wahrheit der Erkenntnis der Materie nach lässt sich kein allgemeines Kennzeichen verlangen, weil es in sich selbst widersprechend ist‘. (B83)

Die Logik handelt von der Form, nicht vom Inhalt, von dem abstrahiert wird und wodurch Gegenstände gegeben sind.
Die Kriterien der Wahrheit werden nur der Form nach angegeben.
Das allgemeine logische Kriterium der Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Erkenntnis mit den allgemeinen Gesetzen des Verstandes und der Vernunft als negative Bedingung aller Wahrheit (conditio sine qua non), die aber nicht zureichend ist für die auf den Inhalt bezogene Wahrheit.
Der Satz vom Widerspruch ist die erste negative Bedingung aller analytischer und synthetischer Urteile.

‚Keinem Dinge kommt ein Prädikat zu, welches ihm widerspricht, heißt der Satz des Wiederspruchs und ist ein allgemeinen obzwar bloß negatives Kriterium aller Wahrheit, gehört aber auch darum bloß in die Logik‘. (B 190)

Die aristotelische Formulierung wäre:
‚…zu sagen, dass einem Ding etwas zukomme und zugleich und in derselben Hinsicht nicht zukomme, ist ein Widerspruch‘.

Im Kontext der Philosophie von Kant, für die Zeit eine Form der Anschauung ist, in der Gegenstände der Erfahrung gegeben werden, sind Zeitbestimmungen in einer reinen Logik nicht zulässig.
Kant sagt im ‚System der Grundsätze des reinen Verstandes‘:
‚Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntnis sei, und wie sie sich auf das Objekt beziehen mag, so ist doch die allgemeine, obzwar nur negative Bedingung aller unserer Urteile überhaupt, dass sie sich nicht selbst widersprechen, widrigenfalls diese Urteile an sich selbst (auch ohne Rücksicht aufs Objekt) nichts sind‘. (B 189)

Enthält ein Urteil einen Widerspruch: ‚A ist B und -B‘, ist es der Form nach logisch falsch und bezieht sich nicht auf einen Inhalt.

‚Wenn aber auch gleich in unserm Urteil kein Widerspruch ist, so kann es demungeachtet doch Begriffe so verbinden, wie es der Gegenstand nicht mit sich bringt, oder auch, ohne dass uns irgendein Grund weder a priori noch a posteriori gegeben ist, welcher ein solches Urteil berechtigte; und so kann ein Urteil bei allem dem, dass es von allem inneren Widerspruche frei ist, doch entweder falsch oder grundlos sein‘. (B 189 f)

Und die grundsätzliche Festlegung von Kant lautet:

‚Die allgemeine Logik löst nun das ganze formale Geschäfte des Verstandes und der Vernunft in seine Elemente auf und stellt sie als Prinzipien aller logischen Beurteilung unserer Erkenntnis dar. Dieser Teil der Logik kann daher Analytik heißen und ist eben darum der wenigstens negative Probierstein der Wahrheit‘. (B 84)

Daraus folgt, dass die Logik kein Organon zur Hervorbringung der Wahrheit sein kann. Sie führt nicht zu einer ars inveniendi, weder des Wahren noch des bloß Wahrscheinlichen, sondern zu einem Kanon von Beurteilungen.

In der Einleitung zur ‚Kritik der reinen Vernunft‘ bestimmt Kant den Begriff ‚transzendental‘:

‚Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt‘. (B 25)

Und in B 80/81 präzisiert er:
‚Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluss auf alle nachfolgende Betrachtungen erstreckt, und die man wohl vor Augen haben muss, nämlich: dass nicht eine jede Erkenntnis a priori, sondern nur die, dadurch wir erkennen, dass und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) lediglich a priori, angewandt werden oder möglich sind, transzendental (d. i. die Möglichkeit der Erkenntnis oder der Gebrauch derselben a priori) heißen müsse. Daher ist weder der Raum, noch irgendeine geometrische Bestimmung desselben a priori eine transzendentale Vorstellung, sondern nur die Erkenntnis, dass diese Vorstellungen gar nicht empirischen Ursprungs sind, und die Möglichkeit, wie sie sich gleichwohl a priori auf Gegenstände der Erfahrung beziehen können, kann transzendental heißen‘.

Nach dieser Definition ist die transzendentale Erkenntnis eine Erkenntnis a priori, in der erkannt wird, dass es synthetische Urteile a priori gibt und dass sie für alle Gegenstände der Erfahrung objektiv gültig sind.
Bei Erkenntnissen und Urteilen a posteriori ergibt sich die transzendentale Frage nicht, da sie a fortiori und nicht a priori sind, und objektiv sind für Gegenstände der Erfahrung, da sie aus der Erfahrung gewonnen wurden.

Die Logik interessiert sich für die Begriffe und die formalen Beziehungen zwischen ihnen, indem sie vom Inhalt der Erkenntnis, bzw. von den Beziehungen der Erkenntnisse abstrahiert und nur die logische Form der Begriffe und ihre Beziehungen, nur die Form des Denkens, betrachtet.

Es stellt sich die Frage, wie sich synthetische Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen und wie Erkenntnisse zustande kommen.
Die transzendentale Logik isoliert den Verstand und betrachtet die Erkenntnisse, die ihren Ursprung im Verstande haben.
Die Gegebenheit der Gegenstände in der Anschauung bedingen die Anwendung von reinen Begriffen, da ohne sie eine Erkenntnis durch Begriffe leer sind.
In der transzendentalen Logik wird gefragt, wie sich diese reinen Begriffe auf die Gegenstände der Anschauung beziehen.

‚Der Teil der transzendentalen Logik also, der die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis vorträgt, und die Prinzipien, ohne welche überall kein Gegenstand gedacht werden kann, ist die transzendentale Analytik und zugleich eine Logik der Wahrheit. Denn ihr kann keine Erkenntnis widersprechen, ohne dass sie zugleich allen Inhalte verlöre, d. i. alle Beziehung auf irgendein Objekt (der Anschauung), mithin alle Wahrheit‘. (B 87)

Das heißt, dass die formale Logik nur einen Kanon liefert, der sich auf die reine logische Form der Urteile und Schlüsse bezieht. Die transzendentalen Grundsätze des reinen Verstandes der transzendentalen Logik geben die Bedingungen an, die ein Gegenstand erfüllen muss, um als Gegenstand der Erfahrung anerkannt zu werden.

Würden die reinen Begriffe auf übersinnliche Gegenstände angewendet werden, wäre der reine Verstand ein Organon, das über die Erfahrung hinaus Gegenstände beurteilt.

‚Also würde der Gebrauch des reinen Verstandes alsdann dialektisch sein. Der zweite Teil der transzendentalen Logik muss also eine Kritik dieses dialektischen Scheines sein und heißt transzendentale Dialektik, nicht als eine Kunst, dergleichen Schein dogmatisch zu erregen…sondern als eine Kritik des Verstandes und der Vernunft in Ansehung ihres hyperphysischen Gebrauchs‘ (B 88)

Die Eleaten hatten sich bereits bei dem Versuch, übersinnliche Gegenstände zu erkennen, in Widersprüche verwickelt und so die Kunst entdeckt, Argumente für beide Seiten zu suchen.
Die Kritik zeigt, dass die Annahme übersinnlicher Gegenstände, Schein oder Illusion ist.

Über nicht gegebene Gegenstände lassen sich wahrscheinliche Argumente fällen, die allerdings widersprüchlich sind, Aporien, die von den Eleaten angewandt wurden, um damit Thesen sophistisch zu beweisen oder zu widerlegen.

Veröffentlicht von Lilith Dan  

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