Montag, 30. Mai 2016

C.S.Peirce. Eine metaphysische Hypothese. Die Festlegung einer Überzeugung

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese

Die Festlegung einer Überzeugung


Peirce beginnt mit der Untersuchung der konstituierten Überzeugungen, die nach seiner Definition das Denkstadium bereits überwunden haben und somit die Frage nach Gewissheit überflüssig macht, da der Grund für die Ungewissheit durch ihre Konstitution beseitigt wurde.
Denn, die Tätigkeit des Denkens wird durch den Zweifel ausgelöst und hört dann auf, wenn eine neue Überzeugung erreicht ist.
[‚Es ist natürlich möglich, dass alle oder einige Überzeugungen irrig sind, und deshalb sollte man das, was man glaubt, mit einer Prise Zweifel würzen. Aber der einzige Grund, aus dem wir eine Überzeugung verwerfen können, kann nur eine Überzeugung sein’. Russell, B. (1967), Probleme der Philosophie (Frankfurt am Main: Suhrkamp), 25.]
So ist die Festlegung einer Überzeugung die einzige Funktion des Denkens. Da aber die Überzeugung eine Regel des Handelns ist, schließt sie in ihrer Praxis neue Zweifel und weiteres Denken ein und ist somit als Ruhepunkt der neue Ausgangspunkt des Denkens.
Physiologisch bedeutet das Annehmen einer Handlungsgewohnheit nichts anderes als eine neu gebildete Entladungsbahn im Gehirn, durch welche sich gewisse zentripetale Erregungen von nun an entladen.
Das menschliche Bewusstsein beinhaltet nicht nur Überzeugungen, die sich aktiv agierend geltend machen; es umfasst auch viele andere, die nur latent vorhanden sind.

‘I make use of chance chiefly to make room for a principle of generalization, or tendency to form habits, which I hold has produced all regularities’. (CP 6.63)

Sie halten sich bereit, irgendwann einmal in das Blickfeld zu treten und aktiv zu werden; jede von ihnen kann in den Vordergrund treten, sobald bewusstes Denken Anreiz dazu gibt.
‚Ohne Zufallsvariation wäre das Annehmen einer Gewohnheit unmöglich; und der Verstand besteht in der Formbarkeit von Gewohnheiten’. (DLU, 408; MS 942)

Da die zu Handlungsgewohnheiten verdichteten Überzeugungen die Erlebnisstruktur bestimmen, wird jede Veränderung der Überzeugung, die diese Struktur umwandelt, bis zu einem gewissen Grad zu Neuerungen führen.

‚Denn eine Tendenz, in irgendeiner Weise zu handeln, verbunden mit der Tendenz, Verhaltensgewohnheiten zu bilden, muss die Tendenz verstärken, in dieser Weise zu handeln. Wenn man nun in dieser allgemeinen Aussage die ‚Tendenz in irgendeiner Weise zu handeln’ durch die Tendenz zur Bildung von Verhaltensgewohnheiten ersetzt, kann man erkennen, dass jene Tendenz wächst und sie würde sich zudem in verschiedenen Formen differenzieren.
So wird eine Tendenz, Energie zu verlieren, damit enden, dass ihr Gegenstand aus einem wahrnehmbaren Existenzzustand verschwindet. Eine Tendenz der Energiezunahme wird dazu führen, dass der Körper zu schnell durch das Universum schießen wird, um eine Wirkung erzeugen zu können’. (RPS, 365; MS 844)

Dem Schwung einer bestehenden Verhaltensgewohnheit kann durch Konzentration auf eine andere Verhaltensgewohnheit Einhalt geboten werden, wodurch bestehende neuronale Muster langsam verblassen. Der Status quo, der zuvor einem bestimmten Zweck diente und damit auch einmal sinnvoll war, ist aufgehoben, neue Elemente kommen herein und ein kreativer Prozess beginnt.

‚Das Erste, was zum Willen zum Lernen gehört, ist eine Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen eigenen Stand der Überzeugungen’. (DLU, 229; MS 942)

Eine Überzeugung zu erwerben bedeutet Lernen, das nicht im Anblick vertrauter Dinge, sondern im Wiederholen und Ausbilden neuer Erfahrungen besteht, die neue Überzeugungen aufprägen und alte verwerfen.

‚A proposition that could be doubted at will is certainly not believed. For believe, while it lasts, is a strong habit, and as such, forces the man to believe until some surprise breaks up the habit. The breaking of a belief can only be due to some novel experience, whether external or internal. Now experience which could be summoned up at pleasure would not be experience’. (CP 5.524)

Ein Überzeugungswechsel verändert die Weise, wie wir die Welt sehen – nicht metaphorisch, sondern buchstäblich leben wir in einer ‚anderen’ Welt.

‚In order to decide whether this be so or not, it is necessary to form a clear notion of the precise difference between abductive judgments which is it something whose truth can be questioned or even denied as limiting case. An abductive suggestion, however, is something whose truth can be questioned or even denied. The elements of every concept enter into logical thought at the gate of perception and make their exit at the gate of purpositive action; and whatever cannot show its passports at both those two gates are to be arrested as unauthorized by reason’. (CP 5.186)


Veröffentlicht von Lilith Dan 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen