Montag, 30. Mai 2016

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Vier Methoden, um Überzeugungen festzulegen

C. S. Peirce: Eine metaphysische HypotheseVier Methoden, um Überzeugungen festzulegen


Eine Methode, um Überzeugungen festzulegen, ist die der Beharrlichkeit, da sie allen Störfaktoren, die ihrem Ziel entgegentreten, mit Hass und Abscheu begegnet. Doch wird sie kaum ihren Platz in der Praxis behaupten, da ihr der Trieb zur Gemeinschaft und damit der Gefahr der gegenseitigen Beeinflussung entgegensteht.

Eine andere, vergleichsweise erfolgreichere Methode, ist die der Autorität, mit deren Hilfe Menschenmassen durch Terror, Inquisition u. ä. gelenkt wurden und werden. Hier ist die gegenseitige Beeinflussung erwünscht, da sich die Gruppe in einem gemeinsamen Überzeugungssystem bewegt.
[‚Wer Überzeugungen hat und ein voll entwickeltes Mitglied seiner Gemeinschaft ist, wird stets imstande sein, die meisten seiner Überzeugungen zu rechtfertigen, und zwar unter Berufung auf Gründe, die den Forderungen dieser Gemeinschaft entsprechen. Dass die meisten Überzeugungen gerechtfertigt sind, ist ebenso wie die Tatsache, dass die meisten Überzeugungen wahr sind, lediglich eine weitere Konsequenz des holistischen Charakters der Überzeugungszuschreibung’. Rorty, R., Hoffnung statt Erkenntnis, 29.]
Doch zeigen uns die Spuren der Geschichte, dass auch hier die Möglichkeit besteht, dass Zweifel aufkommt.

Die nächste Methode, die nicht nur den Trieb zur Überzeugung hervorbringt, sondern auch den Satz bestimmt, von dem man überzeugt sein soll, nennt Peirce die apriori-Methode; dabei sollen die natürlichen Vorlieben und die gegenseitige Beeinflussung von Gedanken ungehindert fließen, so dass sich die jeweiligen Überzeugungen in Harmonie mit den natürlichen Ursachen entwickeln.
Die Unsicherheit dieser Methode gleicht einem schwankenden Pendel, das sich nicht festlegt.

Die von Peirce bevorzugte Methode ist die wissenschaftliche, da er als objektiver Idealist davon ausgeht, dass es reale Dinge gibt, auf die wir keinen Einfluss haben, aber umgekehrt unser Denken beeinflussen.
Das Ziel des Forschens ist es, dass Menschen zu derselben Überzeugung gelangen. Unsere Sinnesempfindungen und unsere Beziehungen zu den Dingen mögen verschieden sein; doch durch schlussfolgerndes Denken lässt sich feststellen, wie die Dinge wirklich und in Wahrheit sind.
Die Realität der Dinge besteht darin, dass sie uns beharrlich zwingen, erkannt zu werden.
Es scheint zunächst paradox, dass das Objekt unserer letzten Überzeugung, welches nur aufgrund dieser Überzeugung existiert, zugleich diese Überzeugung verursacht haben sollte.
Die Realität wird dadurch konstituiert, dass ein Konsens über sie zustande kommt. Während die Vergangenheit nur durch effiziente Kausalität auf uns wirkt, eröffnet sich in der Zukunft ein Bereich allgemeiner Bestimmungen, deren gegenwärtige Möglichkeit die finale oder logische Kausalität ermöglicht.
In unserem begrenzten Lebensbereich sind Ursache und Wirkung zwei Tatsachen. Eine Tatsache umfasst so viel Wirklichkeit, wie in einer einzelnen Aussage dargestellt wird. Eine Aussage ist dann eine Tatsache, wenn sie wahr ist.

Der Erwerb einer Gewohnheit ist nichts anderes als eine objektive Verallgemeinerung, die in der Zeit stattfindet. Er ist das fundamentale logische Gesetz im Prozess der Verwirklichung.
Wenn ich es objektiv nenne, so will ich damit nicht sagen, dass es wirklich einen Unterschied zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven gibt, außer dass das Subjektive weniger entwickelt ist und bisher noch weniger verallgemeinert’.
(DLU, 401; MS 942)

Peirce vertritt eine dualistische Zeittheorie; die Gegenwart ist lediglich die Grenze zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Somit steht ein Teil in Bezug zu Vergangenem und ein Teil zu Zukünftigem. Diese Unterscheidung ist insbesondere für das weitgehend unbestimmte esse in futuro bedeutend, das nur in der fernen Zukunft liegen kann und für die vagen Beziehungen zu den bereits fixierten Ereignissen der Vergangenheit.

‚The rational meaning of every proposition lies in the future. How so? The meaning of a proposition is itself a proposition. Indeed, it is no other than the very proposition of which it is meaning: it is a translation of it. But of the myriads of forms into which a proposition may be translated, what is that one which is to be called its very meaning? It is, according to the pragmaticist, that form in which the proposition becomes applicable to human conduct, not in these or those special design, but that form which is most directly applicable to self-control under every situation, and to every purpose. This is why he locates the meaning in future time; for future conduct is the only conduct that is subject to self-control’. (CP 5.427)

Die unmittelbare Zukunft ähnelt dem fait accomplit der Vergangenheit, da sie größtenteils abgeschlossen ist.

Vorausgesetzt, diese Welt ist real, dann wird die Vergangenheit durch die Gegenwart gewusst. Doch kann von der Gegenwart her nicht gefolgert werden, da diese schon vergangen sein wird, bevor der Schluss zustande kommt. Also müssen wir ein unmittelbares Bewusstsein haben, das heißt wiederum, dass diese Zustände kontinuierlich sind.
Wenn die Möglichkeit von Voraussagen in Bezug auf zukünftige Ereignisse gegeben ist, muss sie die Grundlage ihrer Realität in der Realität der Relationen haben.
Denn die relationale Struktur löst Elemente aus verschiedenen Erfahrungszusammenhängen, modifiziert diese und gibt ihnen durch kreative Verknüpfung die Voraussetzung interpretierbarer Erfahrung.

Aber nicht alles was möglich ist, ist auch in dieser Existenz zusammen möglich.

’Die hypostatisch abstrakte Qualität oder Relation ist notwendig allgemein, das heißt, sie ist nicht dem Prinzip vom ausgeschlossenen Dritten unterworfen‘. (Sem 2, 255; MS 145)


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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