Montag, 30. Mai 2016

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Die Überzeugung als das fundamentale Gesetz im Prozess der Verwirklichung

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese
Die Überzeugung als das fundamentale Gesetz im Prozess der Verwirklichung



‚Keine Gewohnheit ist so nützlich wie die, leicht geistige Gewohnheiten anzunehmen und leicht abzulegen‘. (DLU, 254)


Der Begriff ‚Überzeugung’ hat im Deutschen die Bedeutung für die Gewissheit und das Vertrauen in die Richtigkeit der eigenen Anschauung sowie die Entschlossenheit, nach der eigenen Überzeugung zu handeln. [J. und W. Grimm, Wörterbuch, Bd. 23.]

‚Eine Überzeugung ist ein Geisteszustand vom Typ einer Gewohnheit, deren sich eine Person bewusst ist und die, falls er zu passender Gelegenheit überlegt handelt, ihn beeinflussen würde, anders zu handeln, als er handeln würde, wenn diese Gewohnheit nicht vorhanden wäre’. (Sem, 203; MS 595)

Im Englischen wird Überzeugung meist mit dem für die Epistemologie einschlägigen Wort ‚belief’ bezeichnet. [Oxford English Dictionary, 97.]

Die auf Plato zurückgehende Unterscheidung von Modi und Graden der Gewissheit ist für die Erkenntnis- und Wissenstheorie noch heute entscheidend.
Dass unterschiedliche Überzeugungen unterschiedliche Handlungen hervorbringen, ist der Erkenntnisgewinn, den Peirce für die Epistemologie hinsichtlich der Frage nach dem Wissen als gerechtfertigte wahre Überzeugung erreicht hat. [Wissen wird von Platon (Theätet) als gerechtfertigte und wahre Überzeugung definiert.]

Let use the word ‚habit’ in its wider and perhaps still more usual sense, in which it denotes such a specialization, original or acquired, of the nature of a man, or an animal, or a vine, or anything else, that he or it will behave, or always tend to behave, in a way describable in general terms upon every occasion that may present itself of a generally describable character’. (CP 5.538)

Nach de Morgan ist der Begriff der Wahrscheinlichkeit das Maß eines Grades von Gewissheit oder Wissen. Beide Begriffe werden in der ‚Formal Logik’ durch den Begriff der Überzeugung ersetzt. Der Begriff ‚Wissen’ bezeichnet einmal:

- ein gegenständliches Wissen:   Ich kenne Frankfurt,
- ein propositionales Wissen:        Ich weiß, dass Frankfurt eine große Stadt ist,
- im Sinne einer Fähigkeit:                        Ich weiß, wie man Auto fährt.

Das propositionale Wissen ist für die Philosophie der primäre Gegenstand des Interesses gewesen. [J. und W. Grimm, Wörterbuch, Bd. 30.]
Es gibt keine ‚objektive Basis von Wahrscheinlichkeit’ außerhalb des Bewusstseins, aber die persönlichen Überzeugungsgrade sind normativ den objektiven Standards verpflichtet.
Mit zunehmendem Wissen tendiert die Überzeugung zur Gewissheit und die Wahrscheinlichkeitstheorie geht in deduktive Logik über.
Die Bestimmung einer numerischen Größe und damit die ganze Wahrscheinlichkeitstheorie hängen nach Boole von den äußeren Umständen ab, die die Bewusstseinszustände anregen.
‚Dem Insekt steht für seinen Wirkungskreis ein beträchtlicher Saum von Unbestimmtheit und Wahl zur Verfügung.
Doch kaum hat es seine Unternehmungen begonnen, so scheinen sich diese mit Gewohnheit zu beschweren und sich in organisch fest gefügte Reflexe zu übersetzen. Man könnte sagen, sein Bewusstsein veräußerliche sich selbsttätig und stetig, um zu erstarren. Ein Bewusstseinsparoxysmus, wenn man so will: aber er fließt von innen nach außen, um sich in starren Regelungen zu materialisieren‘. [Chardin, de Pierre Teilhard, Der Mensch im Kosmos, 154.]

Für die Beantwortung der Frage, was Überzeugungen sind, welche Rolle sie spielen, wie sie entstehen und sich verändern, ist mit dem Deutschen Idealismus nach Kant nicht zu beantworten. Dies ändert sich grundlegend mit dem Pragmatismus.
[Charles Sanders Peirce wurde durch den seit 1871 tagenden Metaphysical Club auf den von Alexander Bains definierten Begriff der Überzeugung (belief) und dessen Belief-Doubt-Theorie aufmerksam.]

Danach sind Überzeugungen Denk-Bilder, in denen sich Selbstverständnis, Einstellungen, Wertungen und Präferenzen ausdrücken, Kulturen prägende Denk-Muster, die das Maß für die Spannweite der Welterkenntnis sind, spontane Evidenzen des common sense mit der Funktion, dem Denken und Verhalten in unsicheren Lebensverhältnissen Halt zu bieten. [Sandkühler, H.-J., Kritik der Repräsentation, 107.]

Die wesentlichen Eigenschaften, die dem Begriff der Überzeugung, wie ihn Peirce 1878 verwendet, zukommt, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1.        Die Überzeugung ist ein elementarer Bewusstseinszustand, die an ein Subjekt als Träger der Überzeugung gebunden ist.

2.        Überzeugung und Zweifel sind zwei Bewusstseinszustände, die ineinander überführbar sind.
Der Übergang, durch den Zweifel ausgelöst, beschrieben durch die Begriffe ‚thinking’ oder ‚inquiry’, als Aktion gedacht, kommt durch eine Überzeugung zur Ruhe.

‚Belief is not a momentary mode of consciousness; it is a habit of mind essentially enduring for some time, and mostly (at least) unconscious; and like other habits, it is (until it meets with some surprise that begins its dissolution) perfectly self-satisfied. Doubt is of an altogether contrary genus. It is not a habit, but the privation of a habit. Now a privation of a habit, in order to be anything at all, must be a condition of eratic activity that in some way must get superseded by a habit’. (CP 5.417)

Führt eine unserer Überzeugungen nicht zum erwarteten Erfolg, wird diese Überzeugung vom Zweifel abgelöst und unsere Suche nach einer neuen Überzeugung beginnt aufs Neue.

‚The irritation of doubt is the only immediate motive for the struggle to attain belief. The most that can be maintained is, that we seek for a belief that we shall think to be true. But we think each one of our beliefs to be true, and, indeed, it is mere tautology to say so’. (CP 5.375)

3.        Mit dem Zustand der Überzeugung ist unmittelbar die Bereitschaft verbunden, in entsprechenden Situationen gemäß der Überzeugung zu handeln.

‚The essence of belief is the establishment of a habit; different beliefs are distinguished by the different modes of action to which they give rise’. (CP 5.370-73; 5.394-398)

Für einen Begriff oder, von Peirce synonym verwendet, eine Gewohnheit, ist die Verkörperung in einer Wahrnehmung erforderlich, um verwirklicht werden zu können.

’Denn ein Begriff ist überhaupt keine Vorstellung, sondern eine Gewohnheit’. (DLU, 314)

‘Die Wahrnehmung ist sozusagen das Schreiben auf dem Blatt des Bewusstseins. Der Begriff ist die Bedeutung der Wahrnehmung’. (Sem 1, 109; MS 357)

Die Struktur der Erfahrungen wird durch die jeweiligen Überzeugungen in der Weise bestimmt, dass sie für wahr gehalten werden, da sie als Tatsachen erscheinen und nicht als bloße Überzeugungen über die Realität.

‚Consider what effects, that might conceivably have practical bearings, we conceive the object of our conception to have. Then, our conception of these effects is the whole of our conception of the object’. (CP 5.402)

Werden die Inhalte des Bewusstseins erforscht, werden sie durch den Filter des eigenen Überzeugungssystems betrachtet.

‚Philosophers of very divers stripes propose that philosophy shall take its start from one or another state of mind in which no man, least of all a beginner in philosophy, actually is. One proposes that you shall begin by doubting everything, and says that there is only one thing that you cannot doubt, as if doubting were ‚as easy as lying.’ Another proposes that we should begin by observing ‚the first impressions of sense,’ forgetting that our very percepts are the results of cognitive elaboration. But in truth, there is one state of mind from which you can ‚set out,’ namely, the very state of mind in which you actually find yourself at the time you do ‚set out’ – a state in which you are laden with an immense mass of cognition already formed, of which you cannot divest yourself if you would.’ (CP 5.416-17)

Veröffentlicht von Lilith Dan

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen