Montag, 30. Mai 2016

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Metaphysik als Hypothese einer indirekten Erkenntnis

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese
Metaphysik als Hypothese einer indirekten Erkenntnis



Cantor weist in den Grundlagen darauf hin, dass der Zeit- und Raumbegriff erst durch einen angemessenen Kontinuumsbegriff bestimmt werden könne.

‚Ohne ein Quäntchen Metaphysik lässt sich meiner Überzeugung nach keine exakte Wissenschaft begründen.
Metaphysik ist die Lehre vom Seienden, von der Welt, wie sie an sich ist, nicht wie sie erscheint.
Alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen und mit unserem abstrakten Denken uns vorstellen, ist Nichtseiendes, und damit höchstens eine Spur des an sich Seienden. Dass aber ein Seiendes ist, wird von uns nicht durch abstraktes Denken erkannt, vielmehr wird es an uns selbst empfunden, und wir sind damit des Seienden, ohne eines Beweises dafür nötig zu haben, vollkommen sicher. Wir sind, da wir existieren, also gibt es ein Seiendes’. [Cantor, G., Über den Zusammenhang der Mengenlehre mit der Arithmetik, 114.]

Unterschieden wird zwischen dem Sein und der Vorstellung von dem Sein.
Kurz und bündig sagte Berkeley dazu: Esse est percipi’

Die Naturphilosophie untersucht die bewegbaren Dinge, die Mathematik die ausgedehnten, so dass es Sache der ersten Philosophie ist, die Dinge unter dem umfassenden Begriff des Seienden zu betrachten. [Met. IV 1-2, 1003 a 21 ff.]

Für die moderne Naturwissenschaft steht am Anfang nicht das materielle Ding, sondern die Form, die mathematische Symmetrie. [ Heisenberg, W., Universitas, Bd. 14, 148.]

Die Materie ist nicht unendlich teilbar, da wir auf Zustandsformen stoßen, die sich nicht weiter verkleinern lassen, sondern sich in andere Formen verwandeln.
Die Vorstellung, dass nicht der Stoff, sondern die Form das Grundelement der Welt ist, hat eine alte philosophische Tradition, die vermutlich von Pythagoras stammt.

‘Metaphysik ist die Untersuchung der Form. Bei der Untersuchung der Materie haben wir zumindest eine Vorstellung unseres Gegenstandes und deshalb niemals gänzlich unrecht; doch eine modifizierte Form ist in keiner Weise dasselbe wie die nicht modifizierte, weshalb wir in der Metaphysik niemals teilweise recht haben’. (RPS, 16)

Die Naturwissenschaft kann nur die Beziehungen zwischen den Ereignissen ergründen, nicht aber die Frage beantworten, warum etwas ist und nicht nicht ist.
Da die Wissenschaft per definitionem immer nur Erstarrtes zum Gegenstand ihrer Erkenntnis hat und immer nur der Sache äußerlich verbleibt, ist ihr Gegenstand nur erstarrte Vergangenheit.

‚Die Griechen hatten kein Vertrauen zum Sezieren sichtbarer Dinge, um sie zu verstehen. Sie konnten nicht glauben, dass sich mit einer Methode, die mit der Zerstörung einer Blume beginnt, viel über diese Blume lernen lässt. Was deshalb Aristoteles‘ Aufmerksamkeit beanspruchte, war nicht die Physiologie des Wachstums, sondern bloß die allgemeine Tatsache, dass ein Tier oder eine Pflanze sich aus einer homogenen Masse entwickelt und Wirklichkeit wird’. (Nat, 301; MS 870)

Leibniz weist darauf hin, dass das Anorganische eine Einheit per accidens ist, das Organische dagegen ein unum per se.
Geburt und Tod sind die Grenzpunkte der Zeitstrecke, innerhalb deren ein Körper als lebendig wahrgenommen wird.
Die Unterscheidung von organisch und anorganisch gerät ins Schwanken, wenn allein erkannt wird, dass das Organische Anorganisches an sich trägt.
[Wir haben Zähne, Knochen, Haare, Finger- und Fußnägel.]
In der Natur zerfällt nicht nur Organisches, sondern aus Anorganischem wird auch Organisches. [Eine Pflanze saugt mittels ihrer Wurzeln Mineralien auf und verwandelt sie zu Organischem.]
Die Wissenschaft wird diesen Übergang notwendig niemals erklären können, denn diese Erklärung wäre die mechanische Erklärung des Begriffes Leben.

Herbert Spencer arbeitete ein philosophisches Weltbild auf der Basis der Evolution aus. Danach bleibt uns das innere Wesen von Materie und Energie verschlossen, da die menschliche Erkenntnis relativ ist und nur die Außenseite der Dinge erkennt. Wissenschaftliche Begriffe und Prinzipien sind daher Symbole für die unerkennbare Wirklichkeit.
Neben Peirce verteidigten auch andere Autoren die Auseinandersetzung mit metaphysischen Problemen und das Primat des Geistes.
So war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Henri Bergson der einflussreichste Vertreter einer evolutionären Metaphysik, die dem Geist eine besondere Rolle im Universum zuschreibt und sich damit vom Materialismus distanzierte.
Danach wird die physikalische Zeit gemessen, die erlebte Zeit ist etwas Einmaliges, es gibt keine Wiederholung, da sich die erlebende Person und das Erlebte verändert haben.
Für Bergson kommen nur die subjektiven Eindrücke und Bilder in der Wahrnehmung zu Bewusstsein, die für das Handeln Bedeutung besitzen, so dass die wahrgenommene Welt eine für Leben und Überleben selektierte Weltsicht darstellt. Dabei fungiert das Gehirn als Vermittler zwischen Bewusstsein und Geist, in dem es die Wahrnehmungen selektiert und die Vorstellungen und Zwecke des Geistes über das Gehirn in Körperbewegungen umsetzt. Die Evolution ist schöpferisch und offen, Stabilität gibt es nur in der Sicht des Verstandes.
Whitehead bezieht neben der Biologie die Relativitätstheorie und Quantentheorie ein, wenn er nach der philosophischen Bedeutung der modernen Wissenschaften fragt. Seine wissenschaftliche Kritik des Materialismus zielt darauf ab, elektromagnetische Felder und Wellen als grundlegende Wirklichkeiten anzuerkennen.
Für Teilhard de Chardin besteht die Entwicklung darin, dass der Weltstoff, von dem die Evolution ausgeht, immer differenzierter und komplexer wird und damit auch die innere psychische Struktur, die mit zunehmenden Graden von Bewusstsein verknüpft ist. Teilhard vertritt einen Panpsychismus, der allen Seienden einen psychischen, wenn auch anfangs noch vorbewussten Innenaspekt zuschreibt.
Popper zeigt, dass Metaphysik keiner irrationalen Beliebigkeit ausgeliefert ist, sondern dass auch eine rationale Auseinandersetzung mit metaphysischen Problemen möglich ist. So führt der Weg zur Wahrheit durch die Eliminierung der Irrtümer.

Doch während wissenschaftliche Theorien empirisch widerlegt werden können, sind metaphysische Theorien dazu nicht fähig.
In Anknüpfung an Charles S. Peirce wendet er sich gegen die verbreitete Auffassung, dass der Determinismus von der klassischen Physik vorausgesetzt wird. Ebenso ist der Determinismus mit der kreativen Evolution unvereinbar.

‚We individually cannot reasonably hope to attain the ultimate philosophy which we pursue; we can only seek it, therefore, for the community of philosophers.(CP 5.265)

Peirce beschreibt die evolutionäre Metaphysik und Kosmologie als offenen Prozess, in dem die Wirklichkeit weder einen bestimmten Anfang noch ein Ende hat.

‚Ein Same ist keine Pflanze, und die Samen zweier ganz verschiedener Arten von Pflanzen können genau gleich sein, und trotzdem wird jede genau in die ihr bestimmte natürliche Form hineinwachsen. Wie das? In ihrer Existenz als Samen gibt es keine solche Verschiedenheit – vielleicht überhaupt keine Verschiedenheit. Offenbar gibt es eine Art von keimhafter Seinsweise, die nicht mit der Existenz gleichzusetzen ist. In seiner wirklichen Existenz ist ein Same nichts als ein Same, und zwei Samen können genau gleich sein. Aber in ihren Möglichkeiten sind sie etwas völlig Verschiedenes. Denn er redet so, als ob Entwicklung bloß darin bestünde, dass die Materie eine Form annimmt, die von Anfang an als eine lebendige und bestimmte Möglichkeit in dieser Materie gelegen hatte. Der Schlüssel zu Aristoteles‘ Philosophie liegt in dieser Konzeption, dass es eine Seinsweise gibt, die nicht mit der vollen Existenz gleichzusetzen ist – nämlich das In-der-Möglichkeit-Sein’. (Nat, 301; MS 870)

Für Paul Feyerabend ist der Unterschied zwischen Wissenschaft und Mythos geringer, als gewöhnlich angenommen wird.
‚Die Wissenschaft steht also dem Mythos viel näher, als eine wissenschaftliche Philosophie zugeben möchte. Sie ist eine der vielen Formen des Denkens, die der Mensch entwickelt hat, und nicht unbedingt die beste’. [Feyerabend, P. (1976), Wider den Methodenzwang.]
Kant hatte den Kampfplatz der endlosen Streitigkeiten als den Bereich jener Fragen gekennzeichnet, die uns die Vernunft aufgibt, die wir jedoch nicht zu lösen vermögen.

‚As well as I can read the signs of the times, the doom of necessitarian metaphysics is sealed. It must now give place to more spiritualistic views, and it is very natural now to anticipate that a further study of nature may establish the reality of a future life. For my part, I cannot admit the proposition of Kant, that there are certain impassable bounds to human knowledge; and, even if there are such bounds in regard to the infinite and absolute, the question of a future life, as distinct from the question of immortality, does not transcend them. I really cannot see why the dwellers upon earth should not, in some future day, find out for certain whether there is a future life or not’. (CP 6.555-6.556)

Peirce vertritt die Meinung, dass die moderne Wissenschaft von dem ihr eigenen Anspruch auf wahres Wissen eine philosophische Reflexion erfordert, die ohne Metaphysik nicht möglich ist.

‘Allgemein herrscht die Auffassung, die Metaphysik sei in rückständiger Verfassung, weil sie ihrer inneren Natur nach jenseits der Reichweite menschlicher Erkenntnis liegt. Meiner Auffassung nach liegt die Hauptursache ihrer Rückständigkeit darin, dass ihre einflussreichsten Lehrer immer noch Theologen sind.
Das Hauptgeschäft der Theologen besteht darin, der Menschheit ein Gefühl der Ungeheuerlichkeit angesichts der geringsten Abweichung von derjenigen Metaphysik einzuflößen, welche ihres Erachtens mit dem orthodoxen Glauben einhergeht. Aber seit sich die Theologie anmaßt, eine Wissenschaft zu sein, müssen sie auch als Wissenschaftler beurteilt werden’. (RPS, 250-253; MS 940)

Viele Menschen fragen nach dem Sinn des Lebens und sie meinen damit:
‘Was soll ich tun? ’
Sinn und Zweck eines jeden Lebens liegt in seinem bloßen Sein begründet; dieses Sein schließt zwar Handlungen ein, doch sind diese selbst nur insofern von Bedeutung, als sie der Essenz des Lebens entspringen, das seinen Zweck durch sein bloßes Vorhandensein erfüllt.

‚So werde ich morgen eine Wahl zwischen zwei Verhaltensweisen treffen. Es wird eine freie Wahl sein, und ich habe noch nicht entschieden, welchen Weg ich einschlagen will. In diesem Fall, so Aristoteles, ist die Aussage, dass ich eins von beidem bestimmt tun werde, gegenwärtig weder wahr noch falsch. Für Aristoteles besteht Wahrheit in der Übereinstimmung, Falschheit in der Nichtübereinstimmung zwischen der Darstellung in einer Aussage und der wirklichen Tatsache, auf die sich diese Aussage bezieht. Er sagt, die Aussage, dass ich eine bestimmte Alternative wählen werde, ist jetzt entweder wahr oder falsch, obgleich wir noch nicht wissen können, ob sie wahr oder falsch ist. Der Grund dafür ist der, dass in diesem Fall mein Wahlakt ihm zufolge schon ein wirkliches Sein in futuro hat, - der Keim, aus dem er hervorgehen muss, ist schon vorhanden‘.
(Nat, 302; MS 870)


Veröffentlicht von Lilith Dan

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