Montag, 30. Mai 2016

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Selektive Wahrnehmung als Repräsentation der Welt

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese
Selektive Wahrnehmung als Repräsentation der Welt


Es waren in erster Linie David Marr und seine Mitarbeiter, die in Studien über das menschliche Sehen eine Alternative zu der Auffassung entwickelten, dass die Wahrnehmung uns lediglich eine Repräsentation des proximalen Stimulus verschafft und es somit den höheren kognitiven Mechanismus überlassen bleibt, herauszufinden, welche Information über die Welt dieser Stimulus enthält.
Laut Marr liefert uns die rein visuelle Verarbeitung schon eine subtile Repräsentation der Welt, die die kognitiven Zentren unmittelbar benutzen können, um die Dinge, die sich in unserem visuellen Feld befinden, zu kategorisieren und wieder zu erkennen.
[Marr, D. (1982), Vision: A computational investigation into the human representation and processing of visual information (New York: Freeman), 6 ff.]
Wir können unsere Überzeugungen von der Realität nicht von der Realität, die wir erfahren, trennen.

‘It appears that there are certain mummified pedants who have never waked to the truth that the act of knowing a real object alters it’. (CP 5.555)


Der Mensch ist Teil dessen, was er wahrnimmt; wird der Wahrnehmungsfokus geändert, verändert sich auch seine Realität.

That we perceive what we are adjusted for interpreting, though it be far less perceptible than any express effort could enable us to perceive; while that, to the interpretation of which our adjustments are not fitted, we fail to perceive although it exceeds in intensity what we should perceive with the utmost ease, if we cared at all for its interpretation’.
(CP 5.185)

Der Akt der Wahrnehmung gestaltet ein Ereignis mit und ist Teil davon. Dabei sind Überzeugungen intensive Vorstellungen über die Realität. Vorstellungen erzeugen Emotionen und Gleiches zieht Gleiches an. Folglich gruppieren sich verwandte Vorstellungen untereinander und es werden nur die angenommen, die in das bestehende Vorstellungssystem hineinpassen.

‚Es gibt zwei Arten von Assoziation. Diese Art von Assoziationen, durch welche bestimmte Arten von Vorstellung natürlich miteinander verknüpft werden, wie Purpur und Scharlach, nennt man Assoziation durch Ähnlichkeit. Der Name ist nicht gut, weil er zu implizieren scheint, dass die Ähnlichkeit die Assoziation verursacht, während es in der Tat die Assoziation ist, welche die Ähnlichkeit konstituiert. Andererseits kann es sich bei der Assoziation statt um eine natürliche Disposition des Geistes auch um eine erworbene Gewohnheit des Geistes handeln. Das setzt voraus, dass ähnliche Ideen In der Erfahrung zusammengeführt werden, bis sie assoziiert werden. Das bezeichnet man als Assoziation durch Nachbarschaft’. (DLU, 313)

Alle Realitäten sind das Resultat bestimmter, einzigartiger Fokusse, die das Bewusstsein annimmt. Dabei ist das Bewusstsein kein Ding mit einer Grenze; vielmehr bildet das mit dem Bewusstsein verbundene Gehirn eine Grenze.
Von daher besitzt unsere Welt eine Stabilität die wir akzeptieren, eine bestimmte Ordnung und Voraussagbarkeit.

‘Mit Hilfe der Regelmäßigkeiten verstehen wir das Wenige, das wir von der Welt überhaupt verstehen, und folglich gibt es eine Art geistiger Perspektive, die die regelmäßigen Phänomene in den Vordergrund rückt. Konformität mit Gesetzen existiert nur für einen begrenzten Bereich von Ereignissen, und selbst da nicht vollkommen, denn Elemente reiner Spontaneität oder gesetzloser Originalität vermischen sich überall mit Naturgesetzen, zumindest muss dies vermutet werden. Ich beginne mit folgenden Vermutungen. Gleichförmigkeiten in der Funktionsweise von Dingen sind durch Verhaltensbildung entstanden. Gegenwärtig wird der Ablauf der Ereignisse approximativ durch Gesetze bestimmt. In der Vergangenheit war diese Annäherung in geringerem Maße, in Zukunft wird sie in höherem Maße vollkommen sein. Wir blicken zurück auf einen Punkt in der unendlich entfernten Vergangenheit, als es noch kein Gesetz, sondern nur Unbestimmtheit gab; alle Dinge haben eine Tendenz zur Verhaltensbildung’. (RPS, 164; MS 909)

Die Elemente eines jeden Begriffs treten in das logische Denken durch das Tor der Wahrnehmung ein und gehen durch das Tor des zweckvollen Handelns wieder hinaus. Die Erkenntnis der inneren Welt beruht auf hypothetischem Schlussfolgern aus der Erkenntnis von Tatsachen.
[‚Ich glaube, dass es keine philosophische Hochstraße in der Wissenschaft gibt mit erkenntnistheoretischen Wegweisern. Nein, wir sind in einem Urwald und bahnen unseren Weg durch Versuch und Irrtum und bauen die Straße hinter uns, während wir fortschreiten. Wir finden nicht Wegweiser an Straßenkreuzungen, sondern unsere eigenen Pfadfinder errichten sie, um den übrigen zu helfen’. Born, M. (1969), Experiment und Theorie in der Physik (Mosbach: Physik-Verlag), 37.]
Da jede neue Erkenntnis mittels einer vorhergehenden bestimmt wird, bezeichnet Peirce die Erkenntnis die durch keine vorhergehende bestimmt wird, mit dem Terminus Intuition.

‚Kurz gesagt, ich will behaupten, dass, sowohl der Akt des Erkennens nicht als ein Ganzes, als Folge einander bestimmender Erkenntnisse dargestellt werden kann, weil diese Folge ja notwendigerweise unendlich ist, es doch keine Erkenntnis gibt, die dem Objekt so naheläge, dass sie nicht durch eine ihr vorangehende Erkenntnis bestimmt würde.
Denn wenn wir den Punkt erreichen, dem keine bestimmende Erkenntnis mehr vorausgeht, werden wir feststellen, dass der Grad des Bewusstseins Null ist, und binnen kurzem haben wir das externe Objekt erreicht und nicht eine seiner Darstellungen’. (Sem. 1, 177; MS 931)


Veröffentlicht von Lilith Dan 

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