Montag, 30. Mai 2016

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Die Verhaltensgewohnheit als Ziel einer Überzeugung

C. S. Peirce: Eine metaphysische HypotheseDie Verhaltensgewohnheit als Ziel einer Überzeugung


Primär zielt die Bildung einer Überzeugung auf ein angemessenes Handeln ab. Mit diesem angemessenen Handeln oder der Verhaltensgewohnheit hat Peirce ein für das Verständnis der Funktion von Überzeugungen wichtiges Stichwort gegeben.
Dabei ist die Fähigkeit zu handeln von dem abhängig, was die Überzeugungen vorzeichnen. Durch die zu bewussten Handlungsgewohnheiten erhobenen Überzeugungen gestaltet der Mensch das Erscheinungsbild seiner Existenz.
Dabei sind Überzeugungen die Mittel, um die Existenz zu strukturieren.
Die Überzeugung wird von Peirce so definiert, dass er die Wahrnehmung, die bereits Allgemeines enthält, als Anreiz zur Handlung versteht, die als Ziel wiederum ein wahrnehmbares Resultat verlangt.

‚What is the proof that the possible practical consequences of a concept constitute the sum total of the concept? The argument upon which I rested the maxim in my original paper was that belief consists mainly in being deliberately prepared to adopt the formula believed in as the guide to action’. (CP 5.27)

Die seit Aristoteles vertretene und noch bis Kant als selbstverständlich geteilte Auffassung, Wahrheit sei die ‚Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande’, ist spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine Krise geraten. [KrV A 58, B 82.]

Aristoteles hatte sie so formuliert: ‚Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten’. [Metaphysik, IV, 7, 1051 b.]

In der von Peirce gegebenen Differenzierung zeigt sich auch seine Unterscheidung von Existenz und Realität.

‚Ob das Wort Wahrheit nun aber zwei Bedeutungen hat oder nicht, ich denke jedenfalls, dass es zwei Arten von für wahr halten gibt. Die eine ist jenes praktische Für-wahr-halten, das allein mit Recht Überzeugung genannt wird, während die anderen jenes Akzeptieren einer Aussage ist, das in der Intention der reinen Wissenschaft immer provisorisch bleibt‘. (DLU, 240)

‚Sobald man mit Peirce eingeräumt hat, dass Überzeugungen keine Versuche zur Realitätswiedergabe, sondern Handlungsregeln sind, und sobald man Davidson beipflichtet, dass die ‚Überzeugungen in ihrem Wesen der Wahrheit gemäß sind’, kann man die Lehre des Naturalismus darin erblicken, dass Erkenntnis keine natürliche Art ist, welche der Untersuchung und der Beschreibung bedarf, sondern, dass wir vielmehr für eine naturalisierte Erkenntnistheorie sorgen müssen‘.
[Rorty, R., Hoffnung statt Erkenntnis, 23 f.]
Nach der pragmatischen Maxime liegt die Bedeutung eines Gedankens darin, welche Verhaltensweisen er erzeugt.
Eine Verhaltensweise ist dabei nicht als tatsächliches Verhalten, sondern als Disposition zu einer möglichen Handlung zu verstehen.
Damit wich Peirce von der klassischen Fragestellung der Erkenntnistheorie ab, für die das Ziel die Wahrheit ist.

Da unser Wissen auf mehr oder weniger glaubwürdigen und nicht wiederholbaren Wahrnehmungsurteilen beruht, besteht seine Wahrheit in ihrer Glaubwürdigkeit. Wir nehmen lediglich die Relationen von Wahrnehmungsurteilen wahr und können damit eine Theorie von Tatsachen folgern, das heißt, dass niemand herausgefunden hat, dass sie falsch ist.

‚Wenn es geschieht, dass man zu einer neuen Überzeugung aufgrund bewusster Entwicklung aus einer vorhergehenden Überzeugung kommt – ein Ereignis, das nur infolge einer dritten Überzeugung (die irgendwo in einer dunklen Kammer des Geistes gespeichert ist) eintreten kann, welche in einer passenden Relation zu jener zweiten steht -, so nenne ich ein solches Ereignis eine Schlussfolgerung oder ein Schließen‘. (Sem. 3, 474; MS 682)

Die Wahrheit besteht darin, dass uns die Überzeugung von dieser Theorie zu einem Verhalten führen kann, das darauf zielt, die Wünsche, die wir dann haben würden, zu befriedigen.
Peirce definiert die Wahrheit als Übereinstimmung einer Überzeugung mit dem idealen Grenzwert, an den sich die unbegrenzte Forschung annähert.

‚Now, thinking is a species of conduct which is largely subject to self-control. In all their features logical self-control is a perfect mirror of ethical self-control, unless it is rather a species under that genus. In accordance with this, what you cannot in the least help believing is not, justly speaking, wrong belief. In other words, for you it is the absolute truth. True, it is conceivable that what you cannot help believing today, you might find you thoroughly disbelieve tomorrow. In every stage of your excogitations, there is something of which you can only say, ‘I cannot think otherwise’, and your experientially based hypothesis is that the impossibility is of the second kind’. (CP 5.419)


Veröffentlicht von Lilith Dan

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