Montag, 30. Mai 2016

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Die Verhaltensgewohnheit als Ziel einer Überzeugung

C. S. Peirce: Eine metaphysische HypotheseDie Verhaltensgewohnheit als Ziel einer Überzeugung


Primär zielt die Bildung einer Überzeugung auf ein angemessenes Handeln ab. Mit diesem angemessenen Handeln oder der Verhaltensgewohnheit hat Peirce ein für das Verständnis der Funktion von Überzeugungen wichtiges Stichwort gegeben.
Dabei ist die Fähigkeit zu handeln von dem abhängig, was die Überzeugungen vorzeichnen. Durch die zu bewussten Handlungsgewohnheiten erhobenen Überzeugungen gestaltet der Mensch das Erscheinungsbild seiner Existenz.
Dabei sind Überzeugungen die Mittel, um die Existenz zu strukturieren.
Die Überzeugung wird von Peirce so definiert, dass er die Wahrnehmung, die bereits Allgemeines enthält, als Anreiz zur Handlung versteht, die als Ziel wiederum ein wahrnehmbares Resultat verlangt.

‚What is the proof that the possible practical consequences of a concept constitute the sum total of the concept? The argument upon which I rested the maxim in my original paper was that belief consists mainly in being deliberately prepared to adopt the formula believed in as the guide to action’. (CP 5.27)

Die seit Aristoteles vertretene und noch bis Kant als selbstverständlich geteilte Auffassung, Wahrheit sei die ‚Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstande’, ist spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine Krise geraten. [KrV A 58, B 82.]

Aristoteles hatte sie so formuliert: ‚Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten’. [Metaphysik, IV, 7, 1051 b.]

In der von Peirce gegebenen Differenzierung zeigt sich auch seine Unterscheidung von Existenz und Realität.

‚Ob das Wort Wahrheit nun aber zwei Bedeutungen hat oder nicht, ich denke jedenfalls, dass es zwei Arten von für wahr halten gibt. Die eine ist jenes praktische Für-wahr-halten, das allein mit Recht Überzeugung genannt wird, während die anderen jenes Akzeptieren einer Aussage ist, das in der Intention der reinen Wissenschaft immer provisorisch bleibt‘. (DLU, 240)

‚Sobald man mit Peirce eingeräumt hat, dass Überzeugungen keine Versuche zur Realitätswiedergabe, sondern Handlungsregeln sind, und sobald man Davidson beipflichtet, dass die ‚Überzeugungen in ihrem Wesen der Wahrheit gemäß sind’, kann man die Lehre des Naturalismus darin erblicken, dass Erkenntnis keine natürliche Art ist, welche der Untersuchung und der Beschreibung bedarf, sondern, dass wir vielmehr für eine naturalisierte Erkenntnistheorie sorgen müssen‘.
[Rorty, R., Hoffnung statt Erkenntnis, 23 f.]
Nach der pragmatischen Maxime liegt die Bedeutung eines Gedankens darin, welche Verhaltensweisen er erzeugt.
Eine Verhaltensweise ist dabei nicht als tatsächliches Verhalten, sondern als Disposition zu einer möglichen Handlung zu verstehen.
Damit wich Peirce von der klassischen Fragestellung der Erkenntnistheorie ab, für die das Ziel die Wahrheit ist.

Da unser Wissen auf mehr oder weniger glaubwürdigen und nicht wiederholbaren Wahrnehmungsurteilen beruht, besteht seine Wahrheit in ihrer Glaubwürdigkeit. Wir nehmen lediglich die Relationen von Wahrnehmungsurteilen wahr und können damit eine Theorie von Tatsachen folgern, das heißt, dass niemand herausgefunden hat, dass sie falsch ist.

‚Wenn es geschieht, dass man zu einer neuen Überzeugung aufgrund bewusster Entwicklung aus einer vorhergehenden Überzeugung kommt – ein Ereignis, das nur infolge einer dritten Überzeugung (die irgendwo in einer dunklen Kammer des Geistes gespeichert ist) eintreten kann, welche in einer passenden Relation zu jener zweiten steht -, so nenne ich ein solches Ereignis eine Schlussfolgerung oder ein Schließen‘. (Sem. 3, 474; MS 682)

Die Wahrheit besteht darin, dass uns die Überzeugung von dieser Theorie zu einem Verhalten führen kann, das darauf zielt, die Wünsche, die wir dann haben würden, zu befriedigen.
Peirce definiert die Wahrheit als Übereinstimmung einer Überzeugung mit dem idealen Grenzwert, an den sich die unbegrenzte Forschung annähert.

‚Now, thinking is a species of conduct which is largely subject to self-control. In all their features logical self-control is a perfect mirror of ethical self-control, unless it is rather a species under that genus. In accordance with this, what you cannot in the least help believing is not, justly speaking, wrong belief. In other words, for you it is the absolute truth. True, it is conceivable that what you cannot help believing today, you might find you thoroughly disbelieve tomorrow. In every stage of your excogitations, there is something of which you can only say, ‘I cannot think otherwise’, and your experientially based hypothesis is that the impossibility is of the second kind’. (CP 5.419)


Veröffentlicht von Lilith Dan

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Vier Methoden, um Überzeugungen festzulegen

C. S. Peirce: Eine metaphysische HypotheseVier Methoden, um Überzeugungen festzulegen


Eine Methode, um Überzeugungen festzulegen, ist die der Beharrlichkeit, da sie allen Störfaktoren, die ihrem Ziel entgegentreten, mit Hass und Abscheu begegnet. Doch wird sie kaum ihren Platz in der Praxis behaupten, da ihr der Trieb zur Gemeinschaft und damit der Gefahr der gegenseitigen Beeinflussung entgegensteht.

Eine andere, vergleichsweise erfolgreichere Methode, ist die der Autorität, mit deren Hilfe Menschenmassen durch Terror, Inquisition u. ä. gelenkt wurden und werden. Hier ist die gegenseitige Beeinflussung erwünscht, da sich die Gruppe in einem gemeinsamen Überzeugungssystem bewegt.
[‚Wer Überzeugungen hat und ein voll entwickeltes Mitglied seiner Gemeinschaft ist, wird stets imstande sein, die meisten seiner Überzeugungen zu rechtfertigen, und zwar unter Berufung auf Gründe, die den Forderungen dieser Gemeinschaft entsprechen. Dass die meisten Überzeugungen gerechtfertigt sind, ist ebenso wie die Tatsache, dass die meisten Überzeugungen wahr sind, lediglich eine weitere Konsequenz des holistischen Charakters der Überzeugungszuschreibung’. Rorty, R., Hoffnung statt Erkenntnis, 29.]
Doch zeigen uns die Spuren der Geschichte, dass auch hier die Möglichkeit besteht, dass Zweifel aufkommt.

Die nächste Methode, die nicht nur den Trieb zur Überzeugung hervorbringt, sondern auch den Satz bestimmt, von dem man überzeugt sein soll, nennt Peirce die apriori-Methode; dabei sollen die natürlichen Vorlieben und die gegenseitige Beeinflussung von Gedanken ungehindert fließen, so dass sich die jeweiligen Überzeugungen in Harmonie mit den natürlichen Ursachen entwickeln.
Die Unsicherheit dieser Methode gleicht einem schwankenden Pendel, das sich nicht festlegt.

Die von Peirce bevorzugte Methode ist die wissenschaftliche, da er als objektiver Idealist davon ausgeht, dass es reale Dinge gibt, auf die wir keinen Einfluss haben, aber umgekehrt unser Denken beeinflussen.
Das Ziel des Forschens ist es, dass Menschen zu derselben Überzeugung gelangen. Unsere Sinnesempfindungen und unsere Beziehungen zu den Dingen mögen verschieden sein; doch durch schlussfolgerndes Denken lässt sich feststellen, wie die Dinge wirklich und in Wahrheit sind.
Die Realität der Dinge besteht darin, dass sie uns beharrlich zwingen, erkannt zu werden.
Es scheint zunächst paradox, dass das Objekt unserer letzten Überzeugung, welches nur aufgrund dieser Überzeugung existiert, zugleich diese Überzeugung verursacht haben sollte.
Die Realität wird dadurch konstituiert, dass ein Konsens über sie zustande kommt. Während die Vergangenheit nur durch effiziente Kausalität auf uns wirkt, eröffnet sich in der Zukunft ein Bereich allgemeiner Bestimmungen, deren gegenwärtige Möglichkeit die finale oder logische Kausalität ermöglicht.
In unserem begrenzten Lebensbereich sind Ursache und Wirkung zwei Tatsachen. Eine Tatsache umfasst so viel Wirklichkeit, wie in einer einzelnen Aussage dargestellt wird. Eine Aussage ist dann eine Tatsache, wenn sie wahr ist.

Der Erwerb einer Gewohnheit ist nichts anderes als eine objektive Verallgemeinerung, die in der Zeit stattfindet. Er ist das fundamentale logische Gesetz im Prozess der Verwirklichung.
Wenn ich es objektiv nenne, so will ich damit nicht sagen, dass es wirklich einen Unterschied zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven gibt, außer dass das Subjektive weniger entwickelt ist und bisher noch weniger verallgemeinert’.
(DLU, 401; MS 942)

Peirce vertritt eine dualistische Zeittheorie; die Gegenwart ist lediglich die Grenze zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Somit steht ein Teil in Bezug zu Vergangenem und ein Teil zu Zukünftigem. Diese Unterscheidung ist insbesondere für das weitgehend unbestimmte esse in futuro bedeutend, das nur in der fernen Zukunft liegen kann und für die vagen Beziehungen zu den bereits fixierten Ereignissen der Vergangenheit.

‚The rational meaning of every proposition lies in the future. How so? The meaning of a proposition is itself a proposition. Indeed, it is no other than the very proposition of which it is meaning: it is a translation of it. But of the myriads of forms into which a proposition may be translated, what is that one which is to be called its very meaning? It is, according to the pragmaticist, that form in which the proposition becomes applicable to human conduct, not in these or those special design, but that form which is most directly applicable to self-control under every situation, and to every purpose. This is why he locates the meaning in future time; for future conduct is the only conduct that is subject to self-control’. (CP 5.427)

Die unmittelbare Zukunft ähnelt dem fait accomplit der Vergangenheit, da sie größtenteils abgeschlossen ist.

Vorausgesetzt, diese Welt ist real, dann wird die Vergangenheit durch die Gegenwart gewusst. Doch kann von der Gegenwart her nicht gefolgert werden, da diese schon vergangen sein wird, bevor der Schluss zustande kommt. Also müssen wir ein unmittelbares Bewusstsein haben, das heißt wiederum, dass diese Zustände kontinuierlich sind.
Wenn die Möglichkeit von Voraussagen in Bezug auf zukünftige Ereignisse gegeben ist, muss sie die Grundlage ihrer Realität in der Realität der Relationen haben.
Denn die relationale Struktur löst Elemente aus verschiedenen Erfahrungszusammenhängen, modifiziert diese und gibt ihnen durch kreative Verknüpfung die Voraussetzung interpretierbarer Erfahrung.

Aber nicht alles was möglich ist, ist auch in dieser Existenz zusammen möglich.

’Die hypostatisch abstrakte Qualität oder Relation ist notwendig allgemein, das heißt, sie ist nicht dem Prinzip vom ausgeschlossenen Dritten unterworfen‘. (Sem 2, 255; MS 145)


Veröffentlicht von Lilith Dan 

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Der Prozess der Erkenntnis

C. S. Peirce: Eine metaphysische HypotheseDer Prozess der Erkenntnis


Das Vermögen, aus gegebenen Prämissen Schlüsse zu ziehen, ist eine Verhaltensweise des Verstandes, dessen Ziel es ist, durch die Betrachtung dessen, was wir bereits wissen, etwas herauszufinden, was wir noch nicht wissen.

Durch die Deduktion wird von der Regel auf das Resultat geschlossen und beweist damit, dass etwas sein muss, was eine Voraussage von Wirkungen ermöglicht.
Durch die Induktion wird vom Resultat auf die Regel geschlossen, was die Bildung einer Verhaltensgewohnheit bewirkt und damit zeigt, dass etwas tatsächlich wirkt.

‘The abductive suggestion comes to us like a flash. It is an act of insight, although of extremely fallible insight.
It is true that the different elements of the hypothesis were in our mind before; but it is the idea of putting together what we had never before dreamed of putting together which flashes the new suggestion before our contemplation’. (CP 5.181)

Durch die Abduktion wird von einem Resultat auf den Fall geschlossen, was die Entdeckung von Ursachen ermöglicht und damit eine erklärende Hypothese bildet und somit neue Ideen einführt.

‚An inference is a passage from one belief to another. In inference one belief not only follows after another, but follows from it’. (CP 4.53)

Das Schließen von den Teilen auf das Ganze ist die einzige Art von synthetischem Schlussfolgern, welche Menschen besitzen. Eine lange Folge von Schlüssen wird die Menschen zu einer Erkenntnis über die Realität bringen.

‚The object of reasoning is to find out, from the consideration of what we already know, something else which we do not know’. (CP 5.365)

Die Wirkung einer Verhaltensgewohnheit dauert so lange an, bis ein bestimmter Umstand eine Änderung der Verhaltensgewohnheit hervorbringt.
‚The force of habit will sometimes cause a man to hold on to old beliefs, after he is in a condition to see that they have no sound basis’. (CP 5.387)

Dabei ist die Wiederholung der Handlung unerlässlich für die Bildung einer Gewohnheit.

‚Verhaltensgewohnheiten sind verschieden stark, sie variieren von völliger Dissoziation bis zu untrennbarer Assoziation. Die Änderung der Verhaltensgewohnheit besteht oft darin, dass die Stärke einer Verhaltensgewohnheit steigt oder fällt.
Aber allgemein gesprochen kann man sagen, dass die Wirkungen einer Änderung der Verhaltensgewohnheit so lange anhalten, bis die Zeit oder eine bestimmtere Ursache neue Änderungen der Verhaltensgewohnheiten hervorbringen.
Es folgt natürlich, dass Wiederholungen der Handlungen, die die Änderungen hervorbrachten, diese Änderungen stärker werden lassen.
Es gibt natürlich auch andere Mittel als die Wiederholung, um Änderungen von Verhaltensgewohnheiten zu intensivieren. Insbesondere gibt es eine eigentümliche Art von Anstrengung, die man mit einem zwingenden Befehl, den man dem zukünftigen Selbst erteilt, vergleichen kann. Ich vermute, die Psychologen würden es einen Akt der Autosuggestion nennen’. (Sem. 3, 284; MS 318)

Das Gefühl des Überzeugtseins ist ein Anzeichen für eine gewisse Verhaltensgewohnheit, die unsere Handlung bestimmt. Zweifel ist dagegen ein unangenehmer und unbefriedigender Zustand, der uns zu einer Anstrengung veranlasst diesen zu überwinden und den Zustand einer Überzeugung zu suchen. So bezeichnet Peirce die Festlegung einer Überzeugung als das einzige Ziel des Forschens und ein für-wahr-halten als das Äußerste unseres Vermögens.

‚Your problems would be greatly simplified, if, instead of saying that you want to know the ‚Truth’, you were simply to say that you want to attain a state of belief unassailable by doubt. Belief is not a momentary mode of consciousness; it is a habit of mind essentially enduring for some time, and mostly (at least) unconscious’. (CP 5.416-17)


Veröffentlicht von Lilith Dan

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Selektive Wahrnehmung als Repräsentation der Welt

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese
Selektive Wahrnehmung als Repräsentation der Welt


Es waren in erster Linie David Marr und seine Mitarbeiter, die in Studien über das menschliche Sehen eine Alternative zu der Auffassung entwickelten, dass die Wahrnehmung uns lediglich eine Repräsentation des proximalen Stimulus verschafft und es somit den höheren kognitiven Mechanismus überlassen bleibt, herauszufinden, welche Information über die Welt dieser Stimulus enthält.
Laut Marr liefert uns die rein visuelle Verarbeitung schon eine subtile Repräsentation der Welt, die die kognitiven Zentren unmittelbar benutzen können, um die Dinge, die sich in unserem visuellen Feld befinden, zu kategorisieren und wieder zu erkennen.
[Marr, D. (1982), Vision: A computational investigation into the human representation and processing of visual information (New York: Freeman), 6 ff.]
Wir können unsere Überzeugungen von der Realität nicht von der Realität, die wir erfahren, trennen.

‘It appears that there are certain mummified pedants who have never waked to the truth that the act of knowing a real object alters it’. (CP 5.555)


Der Mensch ist Teil dessen, was er wahrnimmt; wird der Wahrnehmungsfokus geändert, verändert sich auch seine Realität.

That we perceive what we are adjusted for interpreting, though it be far less perceptible than any express effort could enable us to perceive; while that, to the interpretation of which our adjustments are not fitted, we fail to perceive although it exceeds in intensity what we should perceive with the utmost ease, if we cared at all for its interpretation’.
(CP 5.185)

Der Akt der Wahrnehmung gestaltet ein Ereignis mit und ist Teil davon. Dabei sind Überzeugungen intensive Vorstellungen über die Realität. Vorstellungen erzeugen Emotionen und Gleiches zieht Gleiches an. Folglich gruppieren sich verwandte Vorstellungen untereinander und es werden nur die angenommen, die in das bestehende Vorstellungssystem hineinpassen.

‚Es gibt zwei Arten von Assoziation. Diese Art von Assoziationen, durch welche bestimmte Arten von Vorstellung natürlich miteinander verknüpft werden, wie Purpur und Scharlach, nennt man Assoziation durch Ähnlichkeit. Der Name ist nicht gut, weil er zu implizieren scheint, dass die Ähnlichkeit die Assoziation verursacht, während es in der Tat die Assoziation ist, welche die Ähnlichkeit konstituiert. Andererseits kann es sich bei der Assoziation statt um eine natürliche Disposition des Geistes auch um eine erworbene Gewohnheit des Geistes handeln. Das setzt voraus, dass ähnliche Ideen In der Erfahrung zusammengeführt werden, bis sie assoziiert werden. Das bezeichnet man als Assoziation durch Nachbarschaft’. (DLU, 313)

Alle Realitäten sind das Resultat bestimmter, einzigartiger Fokusse, die das Bewusstsein annimmt. Dabei ist das Bewusstsein kein Ding mit einer Grenze; vielmehr bildet das mit dem Bewusstsein verbundene Gehirn eine Grenze.
Von daher besitzt unsere Welt eine Stabilität die wir akzeptieren, eine bestimmte Ordnung und Voraussagbarkeit.

‘Mit Hilfe der Regelmäßigkeiten verstehen wir das Wenige, das wir von der Welt überhaupt verstehen, und folglich gibt es eine Art geistiger Perspektive, die die regelmäßigen Phänomene in den Vordergrund rückt. Konformität mit Gesetzen existiert nur für einen begrenzten Bereich von Ereignissen, und selbst da nicht vollkommen, denn Elemente reiner Spontaneität oder gesetzloser Originalität vermischen sich überall mit Naturgesetzen, zumindest muss dies vermutet werden. Ich beginne mit folgenden Vermutungen. Gleichförmigkeiten in der Funktionsweise von Dingen sind durch Verhaltensbildung entstanden. Gegenwärtig wird der Ablauf der Ereignisse approximativ durch Gesetze bestimmt. In der Vergangenheit war diese Annäherung in geringerem Maße, in Zukunft wird sie in höherem Maße vollkommen sein. Wir blicken zurück auf einen Punkt in der unendlich entfernten Vergangenheit, als es noch kein Gesetz, sondern nur Unbestimmtheit gab; alle Dinge haben eine Tendenz zur Verhaltensbildung’. (RPS, 164; MS 909)

Die Elemente eines jeden Begriffs treten in das logische Denken durch das Tor der Wahrnehmung ein und gehen durch das Tor des zweckvollen Handelns wieder hinaus. Die Erkenntnis der inneren Welt beruht auf hypothetischem Schlussfolgern aus der Erkenntnis von Tatsachen.
[‚Ich glaube, dass es keine philosophische Hochstraße in der Wissenschaft gibt mit erkenntnistheoretischen Wegweisern. Nein, wir sind in einem Urwald und bahnen unseren Weg durch Versuch und Irrtum und bauen die Straße hinter uns, während wir fortschreiten. Wir finden nicht Wegweiser an Straßenkreuzungen, sondern unsere eigenen Pfadfinder errichten sie, um den übrigen zu helfen’. Born, M. (1969), Experiment und Theorie in der Physik (Mosbach: Physik-Verlag), 37.]
Da jede neue Erkenntnis mittels einer vorhergehenden bestimmt wird, bezeichnet Peirce die Erkenntnis die durch keine vorhergehende bestimmt wird, mit dem Terminus Intuition.

‚Kurz gesagt, ich will behaupten, dass, sowohl der Akt des Erkennens nicht als ein Ganzes, als Folge einander bestimmender Erkenntnisse dargestellt werden kann, weil diese Folge ja notwendigerweise unendlich ist, es doch keine Erkenntnis gibt, die dem Objekt so naheläge, dass sie nicht durch eine ihr vorangehende Erkenntnis bestimmt würde.
Denn wenn wir den Punkt erreichen, dem keine bestimmende Erkenntnis mehr vorausgeht, werden wir feststellen, dass der Grad des Bewusstseins Null ist, und binnen kurzem haben wir das externe Objekt erreicht und nicht eine seiner Darstellungen’. (Sem. 1, 177; MS 931)


Veröffentlicht von Lilith Dan 

C.S.Peirce. Eine metaphysische Hypothese. Die Festlegung einer Überzeugung

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese

Die Festlegung einer Überzeugung


Peirce beginnt mit der Untersuchung der konstituierten Überzeugungen, die nach seiner Definition das Denkstadium bereits überwunden haben und somit die Frage nach Gewissheit überflüssig macht, da der Grund für die Ungewissheit durch ihre Konstitution beseitigt wurde.
Denn, die Tätigkeit des Denkens wird durch den Zweifel ausgelöst und hört dann auf, wenn eine neue Überzeugung erreicht ist.
[‚Es ist natürlich möglich, dass alle oder einige Überzeugungen irrig sind, und deshalb sollte man das, was man glaubt, mit einer Prise Zweifel würzen. Aber der einzige Grund, aus dem wir eine Überzeugung verwerfen können, kann nur eine Überzeugung sein’. Russell, B. (1967), Probleme der Philosophie (Frankfurt am Main: Suhrkamp), 25.]
So ist die Festlegung einer Überzeugung die einzige Funktion des Denkens. Da aber die Überzeugung eine Regel des Handelns ist, schließt sie in ihrer Praxis neue Zweifel und weiteres Denken ein und ist somit als Ruhepunkt der neue Ausgangspunkt des Denkens.
Physiologisch bedeutet das Annehmen einer Handlungsgewohnheit nichts anderes als eine neu gebildete Entladungsbahn im Gehirn, durch welche sich gewisse zentripetale Erregungen von nun an entladen.
Das menschliche Bewusstsein beinhaltet nicht nur Überzeugungen, die sich aktiv agierend geltend machen; es umfasst auch viele andere, die nur latent vorhanden sind.

‘I make use of chance chiefly to make room for a principle of generalization, or tendency to form habits, which I hold has produced all regularities’. (CP 6.63)

Sie halten sich bereit, irgendwann einmal in das Blickfeld zu treten und aktiv zu werden; jede von ihnen kann in den Vordergrund treten, sobald bewusstes Denken Anreiz dazu gibt.
‚Ohne Zufallsvariation wäre das Annehmen einer Gewohnheit unmöglich; und der Verstand besteht in der Formbarkeit von Gewohnheiten’. (DLU, 408; MS 942)

Da die zu Handlungsgewohnheiten verdichteten Überzeugungen die Erlebnisstruktur bestimmen, wird jede Veränderung der Überzeugung, die diese Struktur umwandelt, bis zu einem gewissen Grad zu Neuerungen führen.

‚Denn eine Tendenz, in irgendeiner Weise zu handeln, verbunden mit der Tendenz, Verhaltensgewohnheiten zu bilden, muss die Tendenz verstärken, in dieser Weise zu handeln. Wenn man nun in dieser allgemeinen Aussage die ‚Tendenz in irgendeiner Weise zu handeln’ durch die Tendenz zur Bildung von Verhaltensgewohnheiten ersetzt, kann man erkennen, dass jene Tendenz wächst und sie würde sich zudem in verschiedenen Formen differenzieren.
So wird eine Tendenz, Energie zu verlieren, damit enden, dass ihr Gegenstand aus einem wahrnehmbaren Existenzzustand verschwindet. Eine Tendenz der Energiezunahme wird dazu führen, dass der Körper zu schnell durch das Universum schießen wird, um eine Wirkung erzeugen zu können’. (RPS, 365; MS 844)

Dem Schwung einer bestehenden Verhaltensgewohnheit kann durch Konzentration auf eine andere Verhaltensgewohnheit Einhalt geboten werden, wodurch bestehende neuronale Muster langsam verblassen. Der Status quo, der zuvor einem bestimmten Zweck diente und damit auch einmal sinnvoll war, ist aufgehoben, neue Elemente kommen herein und ein kreativer Prozess beginnt.

‚Das Erste, was zum Willen zum Lernen gehört, ist eine Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen eigenen Stand der Überzeugungen’. (DLU, 229; MS 942)

Eine Überzeugung zu erwerben bedeutet Lernen, das nicht im Anblick vertrauter Dinge, sondern im Wiederholen und Ausbilden neuer Erfahrungen besteht, die neue Überzeugungen aufprägen und alte verwerfen.

‚A proposition that could be doubted at will is certainly not believed. For believe, while it lasts, is a strong habit, and as such, forces the man to believe until some surprise breaks up the habit. The breaking of a belief can only be due to some novel experience, whether external or internal. Now experience which could be summoned up at pleasure would not be experience’. (CP 5.524)

Ein Überzeugungswechsel verändert die Weise, wie wir die Welt sehen – nicht metaphorisch, sondern buchstäblich leben wir in einer ‚anderen’ Welt.

‚In order to decide whether this be so or not, it is necessary to form a clear notion of the precise difference between abductive judgments which is it something whose truth can be questioned or even denied as limiting case. An abductive suggestion, however, is something whose truth can be questioned or even denied. The elements of every concept enter into logical thought at the gate of perception and make their exit at the gate of purpositive action; and whatever cannot show its passports at both those two gates are to be arrested as unauthorized by reason’. (CP 5.186)


Veröffentlicht von Lilith Dan 

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Die Überzeugung als das fundamentale Gesetz im Prozess der Verwirklichung

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese
Die Überzeugung als das fundamentale Gesetz im Prozess der Verwirklichung



‚Keine Gewohnheit ist so nützlich wie die, leicht geistige Gewohnheiten anzunehmen und leicht abzulegen‘. (DLU, 254)


Der Begriff ‚Überzeugung’ hat im Deutschen die Bedeutung für die Gewissheit und das Vertrauen in die Richtigkeit der eigenen Anschauung sowie die Entschlossenheit, nach der eigenen Überzeugung zu handeln. [J. und W. Grimm, Wörterbuch, Bd. 23.]

‚Eine Überzeugung ist ein Geisteszustand vom Typ einer Gewohnheit, deren sich eine Person bewusst ist und die, falls er zu passender Gelegenheit überlegt handelt, ihn beeinflussen würde, anders zu handeln, als er handeln würde, wenn diese Gewohnheit nicht vorhanden wäre’. (Sem, 203; MS 595)

Im Englischen wird Überzeugung meist mit dem für die Epistemologie einschlägigen Wort ‚belief’ bezeichnet. [Oxford English Dictionary, 97.]

Die auf Plato zurückgehende Unterscheidung von Modi und Graden der Gewissheit ist für die Erkenntnis- und Wissenstheorie noch heute entscheidend.
Dass unterschiedliche Überzeugungen unterschiedliche Handlungen hervorbringen, ist der Erkenntnisgewinn, den Peirce für die Epistemologie hinsichtlich der Frage nach dem Wissen als gerechtfertigte wahre Überzeugung erreicht hat. [Wissen wird von Platon (Theätet) als gerechtfertigte und wahre Überzeugung definiert.]

Let use the word ‚habit’ in its wider and perhaps still more usual sense, in which it denotes such a specialization, original or acquired, of the nature of a man, or an animal, or a vine, or anything else, that he or it will behave, or always tend to behave, in a way describable in general terms upon every occasion that may present itself of a generally describable character’. (CP 5.538)

Nach de Morgan ist der Begriff der Wahrscheinlichkeit das Maß eines Grades von Gewissheit oder Wissen. Beide Begriffe werden in der ‚Formal Logik’ durch den Begriff der Überzeugung ersetzt. Der Begriff ‚Wissen’ bezeichnet einmal:

- ein gegenständliches Wissen:   Ich kenne Frankfurt,
- ein propositionales Wissen:        Ich weiß, dass Frankfurt eine große Stadt ist,
- im Sinne einer Fähigkeit:                        Ich weiß, wie man Auto fährt.

Das propositionale Wissen ist für die Philosophie der primäre Gegenstand des Interesses gewesen. [J. und W. Grimm, Wörterbuch, Bd. 30.]
Es gibt keine ‚objektive Basis von Wahrscheinlichkeit’ außerhalb des Bewusstseins, aber die persönlichen Überzeugungsgrade sind normativ den objektiven Standards verpflichtet.
Mit zunehmendem Wissen tendiert die Überzeugung zur Gewissheit und die Wahrscheinlichkeitstheorie geht in deduktive Logik über.
Die Bestimmung einer numerischen Größe und damit die ganze Wahrscheinlichkeitstheorie hängen nach Boole von den äußeren Umständen ab, die die Bewusstseinszustände anregen.
‚Dem Insekt steht für seinen Wirkungskreis ein beträchtlicher Saum von Unbestimmtheit und Wahl zur Verfügung.
Doch kaum hat es seine Unternehmungen begonnen, so scheinen sich diese mit Gewohnheit zu beschweren und sich in organisch fest gefügte Reflexe zu übersetzen. Man könnte sagen, sein Bewusstsein veräußerliche sich selbsttätig und stetig, um zu erstarren. Ein Bewusstseinsparoxysmus, wenn man so will: aber er fließt von innen nach außen, um sich in starren Regelungen zu materialisieren‘. [Chardin, de Pierre Teilhard, Der Mensch im Kosmos, 154.]

Für die Beantwortung der Frage, was Überzeugungen sind, welche Rolle sie spielen, wie sie entstehen und sich verändern, ist mit dem Deutschen Idealismus nach Kant nicht zu beantworten. Dies ändert sich grundlegend mit dem Pragmatismus.
[Charles Sanders Peirce wurde durch den seit 1871 tagenden Metaphysical Club auf den von Alexander Bains definierten Begriff der Überzeugung (belief) und dessen Belief-Doubt-Theorie aufmerksam.]

Danach sind Überzeugungen Denk-Bilder, in denen sich Selbstverständnis, Einstellungen, Wertungen und Präferenzen ausdrücken, Kulturen prägende Denk-Muster, die das Maß für die Spannweite der Welterkenntnis sind, spontane Evidenzen des common sense mit der Funktion, dem Denken und Verhalten in unsicheren Lebensverhältnissen Halt zu bieten. [Sandkühler, H.-J., Kritik der Repräsentation, 107.]

Die wesentlichen Eigenschaften, die dem Begriff der Überzeugung, wie ihn Peirce 1878 verwendet, zukommt, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

1.        Die Überzeugung ist ein elementarer Bewusstseinszustand, die an ein Subjekt als Träger der Überzeugung gebunden ist.

2.        Überzeugung und Zweifel sind zwei Bewusstseinszustände, die ineinander überführbar sind.
Der Übergang, durch den Zweifel ausgelöst, beschrieben durch die Begriffe ‚thinking’ oder ‚inquiry’, als Aktion gedacht, kommt durch eine Überzeugung zur Ruhe.

‚Belief is not a momentary mode of consciousness; it is a habit of mind essentially enduring for some time, and mostly (at least) unconscious; and like other habits, it is (until it meets with some surprise that begins its dissolution) perfectly self-satisfied. Doubt is of an altogether contrary genus. It is not a habit, but the privation of a habit. Now a privation of a habit, in order to be anything at all, must be a condition of eratic activity that in some way must get superseded by a habit’. (CP 5.417)

Führt eine unserer Überzeugungen nicht zum erwarteten Erfolg, wird diese Überzeugung vom Zweifel abgelöst und unsere Suche nach einer neuen Überzeugung beginnt aufs Neue.

‚The irritation of doubt is the only immediate motive for the struggle to attain belief. The most that can be maintained is, that we seek for a belief that we shall think to be true. But we think each one of our beliefs to be true, and, indeed, it is mere tautology to say so’. (CP 5.375)

3.        Mit dem Zustand der Überzeugung ist unmittelbar die Bereitschaft verbunden, in entsprechenden Situationen gemäß der Überzeugung zu handeln.

‚The essence of belief is the establishment of a habit; different beliefs are distinguished by the different modes of action to which they give rise’. (CP 5.370-73; 5.394-398)

Für einen Begriff oder, von Peirce synonym verwendet, eine Gewohnheit, ist die Verkörperung in einer Wahrnehmung erforderlich, um verwirklicht werden zu können.

’Denn ein Begriff ist überhaupt keine Vorstellung, sondern eine Gewohnheit’. (DLU, 314)

‘Die Wahrnehmung ist sozusagen das Schreiben auf dem Blatt des Bewusstseins. Der Begriff ist die Bedeutung der Wahrnehmung’. (Sem 1, 109; MS 357)

Die Struktur der Erfahrungen wird durch die jeweiligen Überzeugungen in der Weise bestimmt, dass sie für wahr gehalten werden, da sie als Tatsachen erscheinen und nicht als bloße Überzeugungen über die Realität.

‚Consider what effects, that might conceivably have practical bearings, we conceive the object of our conception to have. Then, our conception of these effects is the whole of our conception of the object’. (CP 5.402)

Werden die Inhalte des Bewusstseins erforscht, werden sie durch den Filter des eigenen Überzeugungssystems betrachtet.

‚Philosophers of very divers stripes propose that philosophy shall take its start from one or another state of mind in which no man, least of all a beginner in philosophy, actually is. One proposes that you shall begin by doubting everything, and says that there is only one thing that you cannot doubt, as if doubting were ‚as easy as lying.’ Another proposes that we should begin by observing ‚the first impressions of sense,’ forgetting that our very percepts are the results of cognitive elaboration. But in truth, there is one state of mind from which you can ‚set out,’ namely, the very state of mind in which you actually find yourself at the time you do ‚set out’ – a state in which you are laden with an immense mass of cognition already formed, of which you cannot divest yourself if you would.’ (CP 5.416-17)

Veröffentlicht von Lilith Dan

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese Metaphysik als Hypothese einer indirekten Erkenntnis

C. S. Peirce: Eine metaphysische Hypothese
Metaphysik als Hypothese einer indirekten Erkenntnis



Cantor weist in den Grundlagen darauf hin, dass der Zeit- und Raumbegriff erst durch einen angemessenen Kontinuumsbegriff bestimmt werden könne.

‚Ohne ein Quäntchen Metaphysik lässt sich meiner Überzeugung nach keine exakte Wissenschaft begründen.
Metaphysik ist die Lehre vom Seienden, von der Welt, wie sie an sich ist, nicht wie sie erscheint.
Alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen und mit unserem abstrakten Denken uns vorstellen, ist Nichtseiendes, und damit höchstens eine Spur des an sich Seienden. Dass aber ein Seiendes ist, wird von uns nicht durch abstraktes Denken erkannt, vielmehr wird es an uns selbst empfunden, und wir sind damit des Seienden, ohne eines Beweises dafür nötig zu haben, vollkommen sicher. Wir sind, da wir existieren, also gibt es ein Seiendes’. [Cantor, G., Über den Zusammenhang der Mengenlehre mit der Arithmetik, 114.]

Unterschieden wird zwischen dem Sein und der Vorstellung von dem Sein.
Kurz und bündig sagte Berkeley dazu: Esse est percipi’

Die Naturphilosophie untersucht die bewegbaren Dinge, die Mathematik die ausgedehnten, so dass es Sache der ersten Philosophie ist, die Dinge unter dem umfassenden Begriff des Seienden zu betrachten. [Met. IV 1-2, 1003 a 21 ff.]

Für die moderne Naturwissenschaft steht am Anfang nicht das materielle Ding, sondern die Form, die mathematische Symmetrie. [ Heisenberg, W., Universitas, Bd. 14, 148.]

Die Materie ist nicht unendlich teilbar, da wir auf Zustandsformen stoßen, die sich nicht weiter verkleinern lassen, sondern sich in andere Formen verwandeln.
Die Vorstellung, dass nicht der Stoff, sondern die Form das Grundelement der Welt ist, hat eine alte philosophische Tradition, die vermutlich von Pythagoras stammt.

‘Metaphysik ist die Untersuchung der Form. Bei der Untersuchung der Materie haben wir zumindest eine Vorstellung unseres Gegenstandes und deshalb niemals gänzlich unrecht; doch eine modifizierte Form ist in keiner Weise dasselbe wie die nicht modifizierte, weshalb wir in der Metaphysik niemals teilweise recht haben’. (RPS, 16)

Die Naturwissenschaft kann nur die Beziehungen zwischen den Ereignissen ergründen, nicht aber die Frage beantworten, warum etwas ist und nicht nicht ist.
Da die Wissenschaft per definitionem immer nur Erstarrtes zum Gegenstand ihrer Erkenntnis hat und immer nur der Sache äußerlich verbleibt, ist ihr Gegenstand nur erstarrte Vergangenheit.

‚Die Griechen hatten kein Vertrauen zum Sezieren sichtbarer Dinge, um sie zu verstehen. Sie konnten nicht glauben, dass sich mit einer Methode, die mit der Zerstörung einer Blume beginnt, viel über diese Blume lernen lässt. Was deshalb Aristoteles‘ Aufmerksamkeit beanspruchte, war nicht die Physiologie des Wachstums, sondern bloß die allgemeine Tatsache, dass ein Tier oder eine Pflanze sich aus einer homogenen Masse entwickelt und Wirklichkeit wird’. (Nat, 301; MS 870)

Leibniz weist darauf hin, dass das Anorganische eine Einheit per accidens ist, das Organische dagegen ein unum per se.
Geburt und Tod sind die Grenzpunkte der Zeitstrecke, innerhalb deren ein Körper als lebendig wahrgenommen wird.
Die Unterscheidung von organisch und anorganisch gerät ins Schwanken, wenn allein erkannt wird, dass das Organische Anorganisches an sich trägt.
[Wir haben Zähne, Knochen, Haare, Finger- und Fußnägel.]
In der Natur zerfällt nicht nur Organisches, sondern aus Anorganischem wird auch Organisches. [Eine Pflanze saugt mittels ihrer Wurzeln Mineralien auf und verwandelt sie zu Organischem.]
Die Wissenschaft wird diesen Übergang notwendig niemals erklären können, denn diese Erklärung wäre die mechanische Erklärung des Begriffes Leben.

Herbert Spencer arbeitete ein philosophisches Weltbild auf der Basis der Evolution aus. Danach bleibt uns das innere Wesen von Materie und Energie verschlossen, da die menschliche Erkenntnis relativ ist und nur die Außenseite der Dinge erkennt. Wissenschaftliche Begriffe und Prinzipien sind daher Symbole für die unerkennbare Wirklichkeit.
Neben Peirce verteidigten auch andere Autoren die Auseinandersetzung mit metaphysischen Problemen und das Primat des Geistes.
So war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Henri Bergson der einflussreichste Vertreter einer evolutionären Metaphysik, die dem Geist eine besondere Rolle im Universum zuschreibt und sich damit vom Materialismus distanzierte.
Danach wird die physikalische Zeit gemessen, die erlebte Zeit ist etwas Einmaliges, es gibt keine Wiederholung, da sich die erlebende Person und das Erlebte verändert haben.
Für Bergson kommen nur die subjektiven Eindrücke und Bilder in der Wahrnehmung zu Bewusstsein, die für das Handeln Bedeutung besitzen, so dass die wahrgenommene Welt eine für Leben und Überleben selektierte Weltsicht darstellt. Dabei fungiert das Gehirn als Vermittler zwischen Bewusstsein und Geist, in dem es die Wahrnehmungen selektiert und die Vorstellungen und Zwecke des Geistes über das Gehirn in Körperbewegungen umsetzt. Die Evolution ist schöpferisch und offen, Stabilität gibt es nur in der Sicht des Verstandes.
Whitehead bezieht neben der Biologie die Relativitätstheorie und Quantentheorie ein, wenn er nach der philosophischen Bedeutung der modernen Wissenschaften fragt. Seine wissenschaftliche Kritik des Materialismus zielt darauf ab, elektromagnetische Felder und Wellen als grundlegende Wirklichkeiten anzuerkennen.
Für Teilhard de Chardin besteht die Entwicklung darin, dass der Weltstoff, von dem die Evolution ausgeht, immer differenzierter und komplexer wird und damit auch die innere psychische Struktur, die mit zunehmenden Graden von Bewusstsein verknüpft ist. Teilhard vertritt einen Panpsychismus, der allen Seienden einen psychischen, wenn auch anfangs noch vorbewussten Innenaspekt zuschreibt.
Popper zeigt, dass Metaphysik keiner irrationalen Beliebigkeit ausgeliefert ist, sondern dass auch eine rationale Auseinandersetzung mit metaphysischen Problemen möglich ist. So führt der Weg zur Wahrheit durch die Eliminierung der Irrtümer.

Doch während wissenschaftliche Theorien empirisch widerlegt werden können, sind metaphysische Theorien dazu nicht fähig.
In Anknüpfung an Charles S. Peirce wendet er sich gegen die verbreitete Auffassung, dass der Determinismus von der klassischen Physik vorausgesetzt wird. Ebenso ist der Determinismus mit der kreativen Evolution unvereinbar.

‚We individually cannot reasonably hope to attain the ultimate philosophy which we pursue; we can only seek it, therefore, for the community of philosophers.(CP 5.265)

Peirce beschreibt die evolutionäre Metaphysik und Kosmologie als offenen Prozess, in dem die Wirklichkeit weder einen bestimmten Anfang noch ein Ende hat.

‚Ein Same ist keine Pflanze, und die Samen zweier ganz verschiedener Arten von Pflanzen können genau gleich sein, und trotzdem wird jede genau in die ihr bestimmte natürliche Form hineinwachsen. Wie das? In ihrer Existenz als Samen gibt es keine solche Verschiedenheit – vielleicht überhaupt keine Verschiedenheit. Offenbar gibt es eine Art von keimhafter Seinsweise, die nicht mit der Existenz gleichzusetzen ist. In seiner wirklichen Existenz ist ein Same nichts als ein Same, und zwei Samen können genau gleich sein. Aber in ihren Möglichkeiten sind sie etwas völlig Verschiedenes. Denn er redet so, als ob Entwicklung bloß darin bestünde, dass die Materie eine Form annimmt, die von Anfang an als eine lebendige und bestimmte Möglichkeit in dieser Materie gelegen hatte. Der Schlüssel zu Aristoteles‘ Philosophie liegt in dieser Konzeption, dass es eine Seinsweise gibt, die nicht mit der vollen Existenz gleichzusetzen ist – nämlich das In-der-Möglichkeit-Sein’. (Nat, 301; MS 870)

Für Paul Feyerabend ist der Unterschied zwischen Wissenschaft und Mythos geringer, als gewöhnlich angenommen wird.
‚Die Wissenschaft steht also dem Mythos viel näher, als eine wissenschaftliche Philosophie zugeben möchte. Sie ist eine der vielen Formen des Denkens, die der Mensch entwickelt hat, und nicht unbedingt die beste’. [Feyerabend, P. (1976), Wider den Methodenzwang.]
Kant hatte den Kampfplatz der endlosen Streitigkeiten als den Bereich jener Fragen gekennzeichnet, die uns die Vernunft aufgibt, die wir jedoch nicht zu lösen vermögen.

‚As well as I can read the signs of the times, the doom of necessitarian metaphysics is sealed. It must now give place to more spiritualistic views, and it is very natural now to anticipate that a further study of nature may establish the reality of a future life. For my part, I cannot admit the proposition of Kant, that there are certain impassable bounds to human knowledge; and, even if there are such bounds in regard to the infinite and absolute, the question of a future life, as distinct from the question of immortality, does not transcend them. I really cannot see why the dwellers upon earth should not, in some future day, find out for certain whether there is a future life or not’. (CP 6.555-6.556)

Peirce vertritt die Meinung, dass die moderne Wissenschaft von dem ihr eigenen Anspruch auf wahres Wissen eine philosophische Reflexion erfordert, die ohne Metaphysik nicht möglich ist.

‘Allgemein herrscht die Auffassung, die Metaphysik sei in rückständiger Verfassung, weil sie ihrer inneren Natur nach jenseits der Reichweite menschlicher Erkenntnis liegt. Meiner Auffassung nach liegt die Hauptursache ihrer Rückständigkeit darin, dass ihre einflussreichsten Lehrer immer noch Theologen sind.
Das Hauptgeschäft der Theologen besteht darin, der Menschheit ein Gefühl der Ungeheuerlichkeit angesichts der geringsten Abweichung von derjenigen Metaphysik einzuflößen, welche ihres Erachtens mit dem orthodoxen Glauben einhergeht. Aber seit sich die Theologie anmaßt, eine Wissenschaft zu sein, müssen sie auch als Wissenschaftler beurteilt werden’. (RPS, 250-253; MS 940)

Viele Menschen fragen nach dem Sinn des Lebens und sie meinen damit:
‘Was soll ich tun? ’
Sinn und Zweck eines jeden Lebens liegt in seinem bloßen Sein begründet; dieses Sein schließt zwar Handlungen ein, doch sind diese selbst nur insofern von Bedeutung, als sie der Essenz des Lebens entspringen, das seinen Zweck durch sein bloßes Vorhandensein erfüllt.

‚So werde ich morgen eine Wahl zwischen zwei Verhaltensweisen treffen. Es wird eine freie Wahl sein, und ich habe noch nicht entschieden, welchen Weg ich einschlagen will. In diesem Fall, so Aristoteles, ist die Aussage, dass ich eins von beidem bestimmt tun werde, gegenwärtig weder wahr noch falsch. Für Aristoteles besteht Wahrheit in der Übereinstimmung, Falschheit in der Nichtübereinstimmung zwischen der Darstellung in einer Aussage und der wirklichen Tatsache, auf die sich diese Aussage bezieht. Er sagt, die Aussage, dass ich eine bestimmte Alternative wählen werde, ist jetzt entweder wahr oder falsch, obgleich wir noch nicht wissen können, ob sie wahr oder falsch ist. Der Grund dafür ist der, dass in diesem Fall mein Wahlakt ihm zufolge schon ein wirkliches Sein in futuro hat, - der Keim, aus dem er hervorgehen muss, ist schon vorhanden‘.
(Nat, 302; MS 870)


Veröffentlicht von Lilith Dan