Freitag, 29. April 2016

Die Explikation der assoziativen Synthesis als ein Prinzip der passiven Genesis Die zeitliche Einheit des Bewusstseinsstromes als Bedingung der Möglichkeit der assoziativen Synthesis.

Die Explikation der assoziativen Synthesis als ein Prinzip der passiven Genesis
Die zeitliche Einheit des Bewusstseinsstromes als Bedingung der Möglichkeit der assoziativen Synthesis.


In seiner Analyse des Zeitbewusstseins legt Husserl eine in der Psychologie umstrittenen ‚Stromtheorie‘ zugrunde, wonach sich die Bewusstseinstätigkeit wie im Strome vollzieht.
Der Gedanke des Bewusstseinsflusses findet sich in der wissenschaftlichen Psychologie erst bei Brentano und erinnert metaphorisch an den Satz des Heraklit: ‚Alles fließt‘.

Der Bewusstseinsstrom ist für Husserl keine metaphysische Konstruktion, sondern ein originäres phänomenologisches Datum; er sieht darin den Ursprung der genetischen Konstitution, den er für den intentionalen Grundzug des Bewusstseins hält.
‚Die Wahrnehmung der Sukzession setzt Sukzession der Wahrnehmung voraus‘ (Husserliana, Bd. X).
Diese Formel beinhaltet den Kerngedanken der Stromtheorie, der die Richtung der Intentionalanalyse des Zeitbewusstseins vorgibt.
Die doppelte Intentionalität des Zeitbewusstseins ist die ‚Beziehung des Bewusstseins einerseits auf das Erscheinende im Wie und andererseits das Erscheinende schlechthin‘ (Husserliana, Bd. X).
Diese doppelte Intentionalität des Zeitbewusstseins ermöglicht die Erfassung der linearen wie horizontalen Dimension des Zeitbewusstseins. Die phänomenologische Zeit ist daher zweidimensional.
Der Quellpunkt des originären Zeiterlebnisses ist die Urimpression; die Ablaufcharaktere ‚vergangen‘ und ‚künftig‘ werden jeweils im Rückgriff und im Vorgriff der Urimpression erlebt.
‚Die Jetztauffassung ist gleichsam der Kern zu einem Kometenschweif von Retentionen‘ (Husserliana, Bd. X).
Das Zeitfeld des originären Erlebnisses erstreckt sich von Jetzt bis zum verschwindenden Kometenschweif der Retentionen und Protentionen.
‚Das originäre Zeitfeld ist offenbar begrenzt, genau wie bei der Wahrnehmung. Ja, im Großen und Ganzen wird man wohl die Behauptung wagen dürfen, dass das Zeitfeld immer dieselbe Extension hat‘ (Husserliana, Bd, X).

‚Jetzt‘ ist bei Husserl die Zeitlichkeit, die wir erleben können. Die Ewigkeit kann phänomenologisch nicht erlebt werden, weil die Begrenztheit des menschlichen Erlebens der Unbegrenztheit einer Ewigkeit entgegensteht.
‚Die immanente Zeit ist die erste und Grundform, die Form aller Formen, die Voraussetzung aller sonst Einheit stiftenden Verbundenheit‘ (Eu U).

Dieses Zitat erinnert an die Kantische Zeitauffassung:
‚Wir verstehen nun‘, sagt Husserl, ‚die innere Wahrheit des Kantischen Satzes: die Zeit ist die Form der Sinnlichkeit und darum ist sie die Form jeder möglichen Welt objektiver Erfahrung‘ (Eu U).
Die Funktion des inneren Zeitbewusstseins im Rahmen des transzendentalen Bewusstseins lässt sich durch die Analyse der Eigenschaften des Bewusstseins aufklären; dieses hat zwei spezifische Eigenschaften, wodurch es sich von physischen Dingen unterscheidet: das Gerichtet-sein auf den Gegenstand und die Bildung von Einheiten (Synthesis).
Aus Husserls Analyse ergeben sich Noesis und Noema als allgemeine Strukturen des reinen Bewusstseins.
Indem Husserl die beiden Eigenschaften des Bewusstseins ausarbeitet, wendet er sich gegen die sensualistische Assoziationspsychologie. Nach seiner Auffassung kennt diese weder die Intentionalität noch die Synthesis des Bewusstseins.

So richtet sich seine Kritik an den englischen Empiristen hauptsächlich gegen Lockes Begriff der ‚tabula rasa‘ und gegen Humes ‚Bundless of perceptions‘.
Husserl kritisiert an Locke die Auffassung des Bewusstseins als eines in sich abgeschlossenen Feldes, worauf Sinneseindrücke eingeprägt werden, ohne auf etwas gerichtet zu sein. Dies gilt für Hume, der mit dem Bewusstsein auch die Person als ‚einen unaufhörlichen wechselnden Haufen von Daten‘ ohne synthetische Identität ansehe (Husserliana, Bd X).

In den synthetisierenden Eigenschaften des Bewusstseins liegt die Funktion des inneren Zeitbewusstseins.
‚Einheit der Zeitanschauung ist die Bedingung der Möglichkeit jener Einheit der Anschauung für eine irgend verbundene Mehrheit von Objekten, die alle Zeitobjekte sind; jede andere Verbindung solcher Objekte setzt demnach die Zeiteinheit voraus‘ (Eu U).

Das Bewusstsein vollzieht die Synthesis in zwei verschiedenen Modi: In Passivität und in Aktivität, bzw. in Sinnlichkeit und Verstand.
Die kategoriale Synthesis, Synthesis der Aktivität, ist ein spontaner Akt, die sinnliche Synthesis, Synthesis der Passivität, dagegen nicht.
Die Verknüpfung ist einmal selbst ein spontanes Tun, eine eigene Aktivität, das andere Mal nicht.
Ersteres geschieht beispielsweise bei der mathematischen Operation oder beim logischen Urteil, wenn das Bewusstsein zwei oder mehrere von Raum und Zeit unabhängige, verschiedene Sachverhalte durch die Prädikation des Verstandes zu einer einheitlichen Beziehung verknüpft.
Letzteres findet bei der Wahrnehmung statt, wenn das Bewusstsein durch Assoziation vorgegebene Gegenstände miteinander verbindet.
Dies wird durch die Synthesis des Zeitbewusstseins möglich, die ‚eine universale Ordnungsform der Sukzession und eine Form der Koexistenz aller immanenten Gegebenheiten hervorbringt‘ (Eu U).

Jede aktive Synthesis übersteigt zwar die Zeitlichkeit der passiven Synthesis, setzt diese aber voraus, weil ihr Prozess den raumzeitlichen Bedingungen unterworfen ist.
Daraus ergibt sich, dass das innere Zeitbewusstsein die Grundform der universalen Synthesis ist.
Das Bewusstsein lässt sich durch das innere Zeitbewusstsein als Erlebnisstrom begreifen.
Nach der Interpretation Landgrebes, ist die Konstitution des Zeitbewusstseins die Selbstschöpfung des Bewusstseins als eines verlaufenden und strömenden Bewusstseins.
Die Konstitution des Bewusstseins ist ein zeitlicher Prozess, in dem die Gegenständlichkeit des Bewusstseins auf zwei verschiedene Weisen gegeben werden kann: in einer noetisch-noematischen Formstruktur und im ganz konkreten zeitlichen Zusammenhang (Husserliana, Bd. XVII).

Die genetische Konstitution oder Genesis, richtet sich auf den Zusammenhang, in dem Noesis und Noema stehen, wobei die Welt als Ganzes dessen raumzeitlichen Horizont bildet und somit auch als Hyle der Genesis dient.


Veröffentlicht von Lilith Dan

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