Sonntag, 27. März 2016

Texte zur Rechts- und Staatsphilosophie der Aufklärung: Hobbes: Der Naturzustand

Texte zur Rechts- und Staatsphilosophie der Aufklärung:Hobbes: Der Naturzustand


Hobbes setzt eine Gleichheit aller Menschen in Bezug auf die geistigen und körperlichen Fähigkeiten voraus, wobei er hinsichtlich der Verteilung der erwähnten Fähigkeiten eine individuelle Toleranz einräumt.
So ist es durchaus möglich, dass ein mit geringer Körperkraft ausgestatteter Mensch einen ihm in dieser Beziehung überlegenen Menschen durch die Anwendung von List besiegen kann.
Hinsichtlich der geistigen Fähigkeiten stellt Hobbes eine noch größere Gleichheit fest; von den Wissenschaften der Rhetorik einmal abgesehen, welche ohnehin nur wenig beherrschen, ist die Klugheit ein Resultat der Erfahrungen, die von jedermann erworben werden kann und der menschlichen Natur entsprechend von jedem Individuum als einzigartig angesehen wird.

So scheint es, dass jeder Mensch die Überzeugung hegt, mit einer einzigartigen Klugheit ausgestattet zu sein, die ihn, objektiv gesehen, zu einem gleichwertigen Mitglied dieser Kollektivüberzeugung macht.
Da nun jeder derart von seiner Klugheit überzeugt scheint, ist er auch davon überzeugt, alles für ihn Erstrebenswerte erreichen zu können.
Falls nun dieses Objekt der Begierde einzigartig und unteilbar ist und sich zwei Individuen, ein jeder mit hervorragender Klugheit ausgestatte, dafür interessieren, wird ein jeder mit allen Mitteln, sei es List oder Gewalt, versuchen, als Sieger aus diesem Schlachtfeld hervorzugehen.
Aus dieser Erfahrung heraus wird ein jeder danach streben vorzubeugen, indem er andere bereits im Vorfeld unschädlich macht, was aus Gründen der Selbsterhaltung gerechtfertigt ist.
Ferner scheint es den Menschen nicht zu gefallen, von einem anderen abwertend behandelt zu werden; diese Herabsetzung seiner Person wird mit Schädigung oder mit Vernichtung bestraft.

Hobbes ordnet nun die vorangegangenen Fälle in drei Gruppen, die er als die drei hauptsächlichen Konfliktursachen innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen bezeichnet:

1.    Konkurrenz
2.    Misstrauen
3.    Ruhmsucht

So werden die Menschen der 1. Gruppe keine Gewalt scheuen, um sich den Besitz der anderen anzueignen.
Menschen der 2. Gruppe werden keine Gewalt scheuen, um ihren Besitz zu verteidigen.
Menschen der 3. Gruppe werden keine Gewalt scheuen, um eine Herabsetzung ihrer Person zu rächen.

Daraus schließt nun Hobbes, dass Menschen, die ohne eine über ihnen stehende Macht leben, im Kriegszustand sind. Das heißt nicht, dass sich alle diese Menschen in einer Art von Schlacht bekämpfen. Allein die Bereitschaft zum Kampf ist ausreichend für eine solche Bezeichnung. Jede andere Zeit nennt er Frieden.

Hobbes beschreibt die verschiedenen Auswirkungen des Kriegszustandes für das menschliche Dasein, das seiner Ansicht nach nur noch als einsam, armselig, ekelhaft und kurz definiert werden kann.

Um den letzten Zweifler an dieser naturgegebenen Situation zu überzeugen, führt er Beispiele aus dem Alltagsgeschehen an:
So bewaffnet sich ein Reisender, da er überfallen werden könnt; das Haus wird vor dem Schlafengehen so gut gesichert, dass kaum die Möglichkeit besteht, ungeladen einzutreten.
Denn mögen sich auch die einzelnen Machthaber gegenseitig mit Misstrauen beobachten oder bekämpfen, dem Volk schaden sie damit nicht – im Gegenteil, der Fleiß der Untertanen wird dadurch noch gefördert, so dass es zum Wohle aller gereicht.

Im Kriegszustand aber kann nichts ungerecht sein, da es keine allgemeinen Gesetze gibt, die vorschreiben, was recht oder unrecht ist.
Diese sind keine Tugenden, die der Mensch an sich besitzt, sondern auf die Gesellschaft bezogene Eigenschaften.
Im Kriegszustand gibt es nur so lange Eigentum und Herrschaft, wie es ein Mensch behaupten kann.
Von Todesangst getrieben und die Sehnsucht nach einem besseren Leben veranlassen die Menschen, aus diesem Zustand des Krieges herauszutreten und mit Hilfe ihrer Vernunft eine gemeinsame Basis zu schaffen, um in Frieden miteinander leben zu können.


Hobbes entfernt die letzten theologischen Gesichtspunkte und Rücksichten aus der ethischen und politischen Theorie; er stützt sich allein auf die Erfahrung und versucht, die Methode der mechanistischen und mathematischen Naturerklärung Galileis auf die Geschichts- und Gesellschaftslehre anzuwenden.
Der Naturzustand von Hobbes kennt kein für alle gültiges Naturgesetz als oberstes Prinzip und der Mensch ist daher im dauernden Kriegszustand.
Im Naturzustand, in dem jeder nach seinem Vorteil, auf die Erhaltung seiner Existenz und auf die Vermehrung seines Besitzes strebt und sich dessen bewusst ist, dass der andere die gleichen körperlichen und geistigen Fähigkeiten besitzt, herrscht Krieg aller gegen alle und das Leben ist ein ständiger Kampf.
Um diesem Leben zu entfliehen und den naturgegebenen Wunsch nach Sicherheit und Schutz zu finden, bilden die Menschen einen durch Übereinkunft geschaffenen Staat.



Veröffentlicht durch Lilith Dan

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