Sonntag, 28. Februar 2016

Die pluralistische Metaphysik von William James

Die pluralistische Metaphysik von William James


William James fasst 1909 in seinem zuletzt publizierten Werk mit dem Titel 
Das pluralistische Universum’ seine wissenschaftliche Position zusammen und legt seine metaphysische Grundeinstellung dar.

Der idealistischen, allumfassenden und absoluten Realität wird eine vielfache Realität gegenübergestellt:
Die Realität geht nicht in einer begrifflichen Gesamtheit auf, da die empirische Vielfalt der Dinge in einem Multiversum verbunden oder unverbunden miteinander bestehen können.
Die unendlich vielen Dinge des Universums haben ihre eigene spezifische Individualität, die mit anderen Dingen Verbindungen eingehen können.

Durch Begriffe werden die Sinneserfahrungen getrennt, doch gibt es in ihrer ursprünglichen Kontinuität keine Einschnitte.
Eine Einheit von Dingen wird durch die in Beziehung zueinander stehenden Dinge erfahren.
Denken ist dabei ein subjektiv Interessen geleitetes selektives, sich wandelndes Denken mit relativ unabhängigen Objekten.
Die wissende Quelle der Dinge impliziert zeitlos sowohl die Kenntnis der Fragen als auch die der Antworten.

In diesem Universum werden die Teile vor dem gedachten Ganzen wahrgenommen.
Die Teile handeln dabei im Kontext von zeitlich-endlichen Bedingungen und sind daher scheinbar unwissend.
Im umfassendere Sinne sind die Teile wissend, da dass sich eine Wesenheit zwischen den Teilen und der ursprünglichen Quelle ergibt.
Die Dinge oder Teile dieser Quelle sind eigenständige Objekte, die mit derselben Kreativität ausgestattet sich selbst und andere erschaffen.

In der inneren Welt sind die Sinneserfahrungen eins mit ihren Teilen, in der äußeren Welt gehen sie in andere Erfahrungen über, so dass Ereignisse, die durch den Zeitbegriff getrennt sind, einen ununterbrochenen Zusammenhang durch vermittelnde dazwischen hängende Ereignisse bilden.
Der theoretische Rahmen, die metaphysischen Voraussetzungen und die Beobachtung sind dabei nicht unabhängig voneinander.

In seiner Aufsatzsammlung ‘The Meaning of Truth’ begründet James seinen radikalen Empirismus:
1.    Die Philosophie soll sich nur mit Dingen beschäftigen, deren Funktion in empirischen Kategorien definierbar sind.
2.    Die Relation zwischen den Dingen ergeben sich aus der Erfahrung und brauchen keine Letztbegründung durch einen Monismus.
3.    Die Erfahrung wird durch Relationen zusammengehalten, die selbst erfahrbar sind.

Das pluralistische Universum ist dynamisch, bei dem wohl Zustände zwischen t 1 und t 2 verglichen werden können, allerdings kann dabei die Frage, wie sich der Zustand von t 1 zu t 2 verwandelt, nicht beantwortet werden.
Die Dinge sind im Fluss des Werdens; wären die Dinge in einem statischen ist-Zustand der Vollkommenheit, wäre damit jegliche Entwicklung ausgeschlossen.
Das pluralistische Universum beinhaltet Relationen und Korrelationen zwischen den Dingen, die trotz oder wegen ihrer Verbindungen ihre Individualität beibehalten.

In unserer äußeren Wahrnehmung besteht demnach unser Universum aus einer unbegrenzten Menge individueller Wesen, von denen jedes seine eigene Existenz erfährt, die miteinander in Relation stehen und weitere Relationen bilden usw., ad infinitum und damit ein sich ständig erweiterndes Universum darstellt.

Wie ist nun trotz subjektiver Verschiedenheit eine intersubjektive Übereinstimmung möglich?

Der solipsistische Idealismus leugnet eine Vorstellung außerhalb des Subjekts: die Dinge außerhalb des Subjekts besitzen keine Realität.
Dem idealistischen Monismus dient das universelle Bewusstsein als Bindeglied individueller Bewusstseinseinheiten.
Der traditionelle Spiritualismus lässt voneinander unabhängige Seelen in Beziehung treten, die dieselben Dinge in der physischen Welt wahrnehmen.
Der Materialismus behandelt philosophische und psychologische Fragen mit dem Hinweis auf zerebrale Schwingungen.
Der Empirismus neigt zu einer pluralistischen Anschauung da er das Ganze aus seinen Teilen erklärt.
Der Rationalismus erklärt die Teile aus dem Ganzen, wobei Ganzheit und Einheit verbunden sind, und tendiert daher zu einer monistischen Anschauung.
Der idealistisch interpretierte Monismus ist es der absolute Geist, der einzelne Tatsachen durch bloßes Denken erschafft. Das endliche Ding ist Objekt des Absoluten. Das Absolute ist sich seiner Objekte bewusst, aber nicht vice versa. Endliche Objekte glauben an das Absolute, wissentlich ist es aber nicht erfassbar.
Der pantheistische Glaube, der von der Wesensgleichheit zwischen Mensch und Göttern ausgeht, kann zwei Formen annehmen: eine monistische, Philosophie des Absoluten und eine pluralistische, Philosophie des radikalen Empirismus.

Qua relativ ist die Welt eine unvollkommene Vielheit, in der die Dinge in einiger Hinsicht miteinander verbunden und in anderer Hinsicht unabhängig voneinander sind.
In der Existenz nehmen wir die Teile wahr, das Ganze ist unsere Anschauung.

Die All-Form und die Einzel-Formen sind zwei verschiedene Ordnungen des Bewusstseins.
Das Bewusstsein der Einzel-Formen kennt nur seinen Inhalt, während die All-Form auch die Inhalte der Einzelformen kennt.

Die unmittelbare Erfahrung zeigt uns, dass eine Sache zugleich einem, wie auch einem anderen Bewusstsein angehören kann. Bewusstsein verändert und bewegt sich ständig und durchläuft eine unendliche Zahl verschiedener Momente. Dieses ständig Fließende, unaufhörlich Verändernde, dieses ewig Werdende ist das, was für unser Leben bezeichnend ist.

Nach Heraklit überschreitet man nicht zweimal den selben Fluss. Der Bewusstseinsstrom bleibt sich nie gleich, er ist immer in Bewegung.

Mit keiner logischen Notwendigkeit kann etwas sicher vorausgesagt werden. Diese Unvoraussagbarkeit dringt in das Alte, das Dagewesene und verändert es durch sich neue ergebende Wahrscheinlichkeiten.

Diese neu entstehenden Möglichkeiten, dieses ständige Werden, ist das, was der Tychismus als Voraussetzung des Pluralismus lehrt.
Eine Möglichkeit von vielen kann in Handlung umgesetzt werden.
Durch die Vielfalt der Dinge ergibt sich eine Vielfalt von Verknüpfungsmöglichkeiten im unendlichen Raum der Handlungsmöglichkeiten.

Nach einer Überzeugung handeln, heißt, sie als positive Handlung zu erfahren.
Die Beantwortung einer Frage sollte daher nach ihrem praktischen Nutzen abhängig gemacht werden.

Der Beweis der Willensfreiheit wird empirisch durch die innere Erfahrung der Wahl erbracht: das Werteurteil oder die jeweilige Überzeugtheit, mit dem diese Erfahrung für wahr oder falsch erklärt wird, impliziert eine Wahl und damit Grundlage einer neuen Erfahrung.

Unsere zukünftigen Möglichkeiten beschränken sich auf Alternativen, die ihren Grund in unserer Vergangenheit oder in unserer Erwartungshaltung haben.
Im Idealfall wird die Zukunft durch meine Wahl gegenwärtiger Möglichkeiten so sein, wie sie meiner Erwartungshaltung entspricht.
Äußerlich gesehen scheint es Zufall zu sein, von innen gesehen ein spontaner Akt der kreativen Freiheit.

Die Lehre des Pluralismus macht uns zu Mitschöpfern in einem Universum voll mit Möglichkeiten, die in Wahrscheinlichkeiten gemessen, realisiert werden können.

Der Mensch nimmt Teile entsprechend seiner Überzeugungen wahr und projiziert damit eine Ordnung in seine Welt. Die Teile, die seinen Überzeugungen widersprechen, bleiben unberücksichtigt und werden häufig nicht wahrgenommen.

Wie nun eine Erfahrung zustande kommt, d. h. die Prozesse, die eine Erfahrung ausmachen, ist für unseren Verstand nicht vollständig erfassbar.

Wir leben vorwärts und verstehen – im Idealfall – rückwärts.
Der angenommene gegenwärtige Augenblick ist ein Moment, in dem sich das schwindende Nachleuchten der Vergangenheit mit der aufdämmernden Zukunft vermischt. 
So kann ein Ding gleichzeitig getrennt und verbunden sein. Was wirklich existiert, sind nicht Dinge des Seins, sondern Dinge des Werdens.

Das pluralistische Universum besteht aus einem System wahrscheinlicher distributiver Teile, bevor ein Teil davon in eine erfahrbare Überzeugung übergeht.
Die wahrscheinliche Hypothese ist die Unvollkommenheit eines Universums im Werden.
Der Meliorismus ist die Lehre von der Willensfreiheit, in der ein Besser-werden möglich ist, während der Determinismus den Begriff der Möglichkeit als menschliche Unwissenheit darstellt.

Unter bestimmten Aspekten betrachtet, ist die Welt eine Einheit, andererseits ist sie eine Vielheit. Die Tatsachenwelt und die Welt der abstrakten Ideen sind wirklich und stehen in Korrelation zueinander.
Die Welt ist eine Einheit, als sie ein einheitlicher Gegenstand des Denkens ist und ihre Teile durch bestimmte Verbindungen zusammenhängen.
Sie ist aber ebenso eine Vielheit, als irgendeine bestimmte Verbindung nicht besteht.

Möglichkeit bedeutet nach James einen Zustand des Seins, der weniger wirklich ist als das Sein, wirklicher als das Nicht-Sein.
Was bedeutet die Aussage ‚möglich sein‘? Es bedeutet, dass der Begriff keinen inneren Widerspruch enthält und die Bedingungen vollständig sind, um den Begriff zu einer erfahrbaren Tatsache werden zu lassen.

Willensfreiheit bedeutet, dass in unserer Welt Neues entsteht, dass die Zukunft keine bloße Wiederholung oder Nachahmung der Vergangenheit wird.

Der Pluralismus geht von der Hypothese aus, dass hinter der aktualen Welt eine prä-existierende Welt stehen muss, die bereits alle Möglichkeiten impliziert.


Veröffentlicht durch Lilith Dan

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